門出目論見 (Kadode mokuromi) – Abreisepläne
Gegen 10:30 erwache ich von einem Klopfen an meiner Zimmertür. Der feine Duft von frisch gebrühten Senchā liegt in der Luft. Auch in der letzten Nacht war ich noch lange wach, nachdem Mari-chan und Mycroft zu Bett gegangen waren.
“Du schläfst in letzter Zeit ziemlich lange”, stellt Mycroft fest, als wir zusammen mit Mari-chan beim Tee sitzen.
“Ich gehe in letzter Zeit auch ziemlich spät ins Bett”, erkläre ich. Der Tee ist sehr gut. “Wenn die Sonne untergeht, werde ich irgendwie erst richtig wach. Das ist jetzt seit etwa zwei Wochen so.”
Mycroft sieht mich erstaunt an. “Hast du etwas mit Vampiren zu tun?”, fragt er.
“Nein, mit Katzen”, antworte ich. Mycroft nickt verstehend.
“Und was machst du die ganze Nacht, wenn alle anderen schlafen?”, möchte er wissen.
“Ich übe”, antworte ich wahrheitsgemäß, “so wie Maxime des nachts die Inspiration für seine Bilder findet, so schenken mir die dunklen Stunden die Gelegenheit, meine Kampfkunst zu verfeinern, Neues zu entwickeln und zu studieren.”
Nach dem Frühstück wollen wir aufbrechen und unsere Freunde auf Mirastel treffen. Mycroft steht in regelmäßigem Kontakt mit dem Lord. Gegen 12 Uhr Mittag machen sich zwei britische Maschinen auf dem Flugfeld Le Bourget startklar. Mari-chan startet gleich durch. Wie ein roter Blitz steigt ihre Sopwith dem Himmel entgegen. Als Mycroft aber mit der Martinsyde des Lords auf die Startbahn rollt, gibt es plötzlich einen lauten Knall. Die Maschine gerät gefährlich ins Schlingern, doch Mycroft bringt das Flugzeug schnell wieder unter Kontrolle.
Ein Reifen ist geplatzt und muss gewechselt werden. “Wo bleibt ihr den”, schallt es mit unterschwelliger Schadenfreude belegt aus den Lautsprechern der Funkanlage. “Ich lasse dir nur etwas Vorsprung”, antwortet Mycroft, “wir holen dich so oder so wieder ein.” “Pah”, spottet Mari-chan, “das werden wir ja sehen.”
Das Flughafenpersonal hat unsere Havarie beobachtet. Wir haben Glück. Gerade sind zwei Mechaniker damit fertig geworden, den Reifen eines anderen Flugzeugs zu wechseln, so dass das Werkzeug und Ersatzteile nicht erst aus dem Lager geholt werden müssen. Motiviert durch ein paar zusätzliche Schilling machen sich die Mechaniker zügig an die Arbeit. Mycroft und ich warten in der Flughafenbar. Mycroft bestellt einen Aviation Cocktail. Der Barkeeper ist etwas überfordert. Mycroft muss ihm erst die Zutaten für das Getränk nennen, bevor er dieses anrichten kann. Mein Freund möchte mich einladen, mit ihm zu trinken, doch mir ist es noch zu früh für Alkohol. Ich ordere ein Gingerale.
Noch bevor wir unsere Getränkegläser geleert habe, ist die Martinsyde wieder startbereit. Dieses Mal hebt sie ohne Probleme ab. Mari-chans Sopwith ist nunmehr nur noch als Punkt am Horizont auszumachen, doch wir holen wirklich schnell auf. Souverän und ohne auch nur eine Mine zu verziehen zieht Mycroft an ihr vorbei. Ich winke ihr aus der Fluggastkabine der Martinsyde zu. Irgendwie tut sie mir leid, wie sie so nahezu völlig ungeschützt dem eisigen Flugwind ausgesetzt ist. Bei ihrem Anblick durchfährt mich selbst ein regelrechter Kälteschauer.
Gegen halb vier Uhr am Nachmittag landen wir in Lyon. Bis zu Mari-chans Ankunft wird noch etwas Zeit vergehen. Wir suchen ein nahegelegenes Gasthaus für einen kleinen Imbiss auf, welchen Mycroft mit einem doppelten Gin begießt. Als auch Mari-chan schließlich ankommt und sich ein wenig gestärkt hat, machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Der Zug steht bereits zur Abfahrt bereit, als wir ankommen.
Auf Mirastel werden wir mit Tee und Gebäck empfangen. Es ist kurz nach fünf – Tea-Time. Die Sonne geht unter und ich spüre das Erwachen meiner Lebensgeister. Wir sitzen mit unseren Freunden zusammen und unterhalten uns. Senchō hat in der letzten Nacht eine albtraumhafte Reise in die Traumlande unternommen. Er suchte die drei Weisen im Meerschaumturm auf, um sie um Rat zu bitten. Die Fragen nach seinem mystischen Erbe und der Statuette aus unbekanntem grünen Gestein, die er von seinem Großvater erhalten hatte, drängen nach einer Antwort. Die drei Weisen erschienen im in dieser Nacht farbig – einer in Grün, einer in Gelb und der dritte in Blau. Als er die grüne Statuette hervor holte, löste sich der Gelbe der drei Weisen in Luft auf und verschwand. Diese Begebenheit hatte ihn derart erschreckt, dass es ihn abrupt zurück in die Wachwelt zog, wo er schweißgebadet und schreiend dem Schlaf entrissen wurde.
Die drei Weisen im Meerschaumturm in den Traumlanden – sind sie etwa Avatare der drei Brüder? Oder war diese Vision nur eine symbolische Botschaft? “Blau ist das Wasser, grün die Vegetation auf der Erde und gelb ist die Farbe der Stadt auf einem fernen Stern”, überlegt Mycroft. Senchō kündigt an, sich morgen in Richtung Trondhjem aufzumachen. Nach vielen Monaten des Verdrängens, strebt er nun doch danach, mehr über sein Erbe zu erfahren und es vielleicht sogar anzutreten. Die Antworten wird er wohl nur in seiner Heimat finden. Die Nidelva hat er schon vor einigen Tagen nach Flensburg in Norddeutschland überführen lassen.
Es klopft an der Tür. Jaqueline verkündet einen Anruf für Mr. Winterbottom. “Wer ist es?”, fragt Mycroft barsch. Es scheint Verständigungsprobleme zu geben, den Jaqueline zuckt ahnungslos mit den Schultern. “Sie werden doch wohl den Namen erfragt haben”, herrscht Mycroft die hilflose Hausdienerin an. “Der Name ist Nidelven”, antwortet sie kleinlaut. Mycrofts Laune schlägt spontan um. Mit leuchtenden Augen und leichtfüßigen Ganges schwebt er aus dem Zimmer, um den Anruf entgegen zu nehmen.
Nach dem Essen sprechen wir über Katzen und Hunde. Mycroft möchte unsere Anwesenheit in Frankreich nutzen, um seinen Dobermann, den er im Sommer des letzten Jahres bei Carla-sans Nachbarn Fremont als Welpe gekauft hatte, kennenzulernen und gegebenenfalls mit nach England zu nehmen. Ich will mit ihm fliegen. Carla-san kommt diese Entscheidung sehr entgegen. Sie möchte sich nach den Strapazen der letzten Wochen in ihrem Wohnsitz in der Normandie erholen. Der Lord wird morgen gemeinsam mit Lady Evelyn und Mare den Zug nach Paris nehmen und von dort weiter nach Calais und per Schiff über den Kanal zurück nach England reisen. Die das freundschaftliche Band zwischen den beiden jungen Damen ist durch die gemeinsamen traumatischen Erfahrungen nur noch fester geworden. Zeit miteinander zu verbringen wird beiden gut tun. Mari-chan wird mit ihrer Sopwith zurück fliegen.
Die Pläne für die Abreise sind nun also gemacht. Morgen heißt es zunächst Abschied nehmen vom Chateau Mirastel, wenngleich ich nicht um die Ahnung umhin komme, dass es nicht das letzte Mal sein dürfte, dass wir hier zu Gast sind. “Was hältst du davon, in London ein Dōjō zu eröffnen, wenn wir zurück in England sind”, fragt Mycroft mich. Tatsächlich hat sich diese Idee, die mir erstmals kam, als ich vor etwas mehr als einer Woche dem Lord seine ersten Unterweisungen in der Schwertkunst erteilte, in mir manifestiert und ich habe immer wieder darüber nachgedacht, so dass ich inzwischen durchaus auch konkrete Pläne in dieser Hinsicht entwickelt habe.
“Kannst du etwa Gedanken lesen?”, frage ich scherzhaft.
“Verrate es keinem weiter”, raunt Mycroft verschwörerisch, während er sich sein Ginglas zum vierten Mal seit unserer Ankunft nachfüllt. Ich bin verunsichert. Obwohl ich zu wissen glaube, dass er keine Gedanken lesen kann, ziehe ich diese Möglichkeit dennoch in Betracht. Die Idee setzt sich in meinem Geist fest. Die Vorstellung, das jemand anderes meine Gedanken belauschen könnte, gefällt mir überhaupt nicht, selbst oder gerade dann, wenn es mein bester Freund ist. Ich winde mich in einem inneren Zwiespalt zwischen Rationalem und Irrationalem und ich sehe mich nicht in der Lage, beides voneinander zu trennen. Das Irrationale gewinnt schließlich an Oberhand, Panik steigt in mir auf und der lauernde Wahnsinn bahnt sich stetig und spürbar seinen Weg an die Oberfläche. Das kann nicht gut sein. Hastig greife ich nach einen Glas, fülle es reichlich mit Gin und leere es fast in einem Zug.
“Das habe ich dir bestimmt erzählt, als ich mal nicht ganz bei mir war”, sage ich zu Mycroft, nachdem ich mich etwas beruhigt habe. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es so war. Dennoch, meine heftige emotionale Reaktion gibt mir zu denken. Ich bin mental wohl doch stärker angeschlagen, als ich mir eingestehen möchte. Ich sollte dringend etwas unternehmen, dass mir hilft, mich besser beieinander zu halten.









