Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

鏡像 (Kyōzō) – Spiegelbilder

Wir sind nun schon eine ganze Weile auf Schloss Mirastel zu Gast, doch statt uns der Lösung des Rätsels um das Verschwinden von Lady Evelyn näher zu bringen, wirft unser Aufenthalt hier nur immer neue Fragen auf. Die heutigen Bewohner des Schlosses können uns darauf keine Antworten geben. So sind wirklich ahnungslos. Vielleicht wußte der verstorbenen Monsieur Aquredouvre etwas oder war zumindest etwas auf der Spur? Jeder noch so kleine Hinweis könnte uns weiterhelfen, doch Madame Aquredouvre hat uns den Zugang zum Zimmer ihres seligen Gemahls nicht erlaubt. Dennoch will Mycroft heute in das Zimmer eindringen und nach Hinweisen suchen. Das Bund mit Schlüsseln zu nahezu allen Zimmern des Hauses hängt weitgehend unbedacht im Küchentrakt. Die Tagesabläufe der Schlossbewohner sind uns mittlerweile sehr vertraut, so dass wir gut abschätzen können, wann ein günstiger Zeitpunkt für einen unbeobachteten Zutritt gegeben ist. Er bittet mich, ihm dabei den Rücken frei zu halten.

Gegen elf Uhr am Vormittag setzen wir unseren Plan in die Tat um. Ein Kleiderschrank, ein Sekretär und ein Bett – vielmehr enthält das Zimmer nicht. Auffällig ist ein Gemälde der jungen Madame Aquredouvre. Es ist so gehalten, dass es wirkt, als folgte die Dargestellte dem Betrachter mit ihrem Blick. Wir unterziehen zunächst den Schrank einer vorsichtigen Untersuchung. Es macht den Eindruck, als würde im Boden ein geheimes Versteck liegen. Der Raum unter den Bodenplatten klingt hohl, doch wir finden keine Möglichkeit, dem Schrank sein Geheimnis zu entreißen, ohne auffällige Spuren zu hinterlassen. Nervös schaue ich zu dem Bildnis der Madame. Es ist mir unheimlich, wie die Dame uns mit ihrem strengen Blick fixiert. Zu allem Überfluss beginne ich nun auch noch Geräusche zu hören. Mir ist als hätte gerade jemand oder etwas “Pssst!”, gemacht und unter dem Bett ist ein Rascheln zu vernehmen. Auch Mycroft horcht auf. Offenbar habe ich mir die Geräusche doch nicht eingebildet. Unter dem Bett entdecken wir einen zusammengerollten Teppich. Wieder macht es “Pssst!”. Mich beschleicht ein ungutes Gefühl. “Lass uns lieber gehen”, meint Mycroft, “dieses Zimmer ist mir unheimlich.” Ich nicke zustimmend. Leise und zügig verlassen wir das Zimmer wieder.

Am Nachmittag will ich in der Bibliothek nach dem nächsten Termin, an dem die Plejaden mit Merkur in Konstellation stehen, recherchieren. Es ist am 29. März, ziemlich genau in zwei Monaten. Ich merke mir dieses Datum. Wenn die Zusammenhänge stimmen, die uns die Scheibe, die meine Freunde in dem verborgenen Turmzimmer gefunden haben, suggeriert, wird an diesem Datum der Einfluss der Königin der Nacht auf unseren Planeten gestärkt sein. Vielleicht ist es mir möglich, diese Besonderheit in irgendeiner Form wahrzunehmen.

Das Treppengeländer in der Bibliothek erregt erneut meine Aufmerksamkeit. Einige der Zeichen entsprechen den Planetensymbolen, die auch auf der Scheibe eingraviert sind. Vielleicht handelt es sich gar nicht um eine wörtliche Botschaft, sondern um Koordinaten?

Ich suche meine Freunde auf, um diese Idee mit ihnen zu teilen. Als ich durch die Eingangshalle gehe, entdecke ich den Lord, der mit leerem Blick auf das Foucaultschen Pendel starrend ausharrt. Sein eigenes, kleines Pendel hält er in der Hand. Es schwingt in der Form des großen Pendels, jedoch wesentlich schneller.
“Geht es dir gut?”, frage ich, doch der Lord reagiert nicht. Als ich meine Freunde treffe und sie von dem seltsamen Verhalten des Lords in Kenntnis setze, sagen sie mir, dass er sich bereits seit mehr als einer halben Stunde in diesem Zustand befände. Es dauert noch eine weitere halbe Stunde, bis der Lord wieder ansprechbar ist. Er zeigt sich überrascht, als wir ihm berichten, dass er eine ganze Stunde in Trance verbracht hatte. Für ihn hatte es sich nach wenigen Minuten angefühlt, in denen er beobachtet hatte, dass sich die rechte Hälfte des Schlosses quasi in Luft auflöste. Er glaubt, dass diese Hälfte in die Traumlande versetzt würde. Ein ähnliches Phänomen hatte er bereits auf Highclere Castle beobachtet, während Mycroft und ich noch in Japan unterwegs waren.

Mycroft und Senchō haben, während ich in der Bibliothek recherchiert habe, mit Maxime Le Tellier gesprochen. Schon seit ein paar Tagen reift die Idee, dem seltsamen Objekt, das des Nachts die Wega verdunkelt, einen Besuch abzustatten, mit einem Ritt auf dem Byakhee, jedoch sind die Überlebenschancen für Menschen ohne Schutz dort oben ziemlich gering. Meine Freunde wollen Taucheranzüge benutzen, um sich bei ihrem Flug vor der Kälte und dem Luftdruckabfall in großer Höhe zu schützen. Maxime hat angeboten, seine Kontakte in Paris spielen zu lassen, um an Taucheranzüge heranzukommen. Nun kommt er, um uns zu bestätigen, dass zwei Taucheranzüge in Paris für uns bereit lägen. Die Lieferung der Anzüge würde etwa eine Woche dauern, sagt er. Mycroft fragt nach der Adresse, denn er möchte keine Zeit verlieren und die Ausrüstung selbst abholen. Maxime ist einverstanden und informiert seine Kontakte in Paris. Derweil wird der Citroen abfahrbereit gemacht und Mycroft und Senchō machen sich in Begleitung von Mari-chan auf den Weg. Drei Stunden nachdem sie aufgebrochen sind, klingelt das Telefon. Es ist Mycroft. Er und Senchō sind sicher in Paris angekommen, berichtet er, aber er hat auch eine schlechte Nachricht für uns. Mari-chan hatte an der Stelle, wo mir vor einigen Tagen ein Holzscheit oder ein Stein auf den Kopf gefallen war, noch weitere Proben nehmen wollen. Dabei sei sie, ebenso wie Carla-san, in die Luft gerissen worden, wo sie in einiger Höhe verschwand. Der Lord verfällt ob dieser Nachricht in heiteres Lachen. Er scheint nun langsam aber sicher vollends den Verstand zu verlieren.