Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

試 (Kokoromi) – Experimente

Ich habe letzte Nacht allein in meinem Gästezimmer geschlafen. Mycrofts Bett ist völlig unberührt. Ich gehe hinunter zum Frühstück. Mycroft und der Lord wirken übernächtig. Sie haben die Stunden der Dunkelheit genutzt, um weiter das Buch Tsathoggua zu studieren. Während die beiden sich nach dem Frühstück zum Schlafen zurückziehen, machen Senchō, Mare und ich uns auf den Weg, die Laternen steigen zu lassen. Mari-chan widmet sich – wie auch schon in den vergangenen Tagen, dem Studium ihrer Pilzsammlung.

Wir fahren zunächst an den Ort an dem mich vor ein paar Tagen etwas schweres am Kopf getroffen hat. Mycroft ist der Meinung es war ein Stein, Senchō ist überzeugt dass es ein dicker Ast war, der mich K.O. geschlagen hat. Was es tatsächlich war, werde ich wohl nicht erfahren, das ist aber auch nicht wirklich relevant. Wir steigen aus, bauen eine unserer Himmelslaternen auf und entzünden eine Kerze in ihrem Innern. Wir warten einen kurzen Moment, bis die Luft unter dem Laternenschirm soweit erhitzt wurde, dass der Lampion an Auftrieb gewinnt und dem Firmament entgegen schwebt. Wir folgen dem Licht mit unseren Blicken, bis es aus unserem Sichtfeld entschwindet. Kein Hindernis hält seinen Flug auf.

Auf dem Weg zu dem Ort, an dem wir Carla-san das letzte Mal gesehen haben, gerät Mare auf der vereisten Fahrbahn mit dem Auto ins Rutschen. Es geschieht aber nichts, außer das sie mir und Senchō einen gehörigen Schrecken einjagt. Die Stelle, an der uns Carla-san abhanden gekommen ist, hatte Mare, die von uns allen am ruhigsten geblieben ist, gestern mit einem Pfahl markiert, so dass wir die Position leicht wiederfinden. Auch hier lassen wir eine Laterne in die Luft entgleiten und auch hier steigt sie ohne Hindernis hoch in den Himmel auf. Wir wiederholen das Experiment mit 50 bis 70 Metern Abstand zum Markierungspfahl in alle vier Himmelsrichtungen, aber auch hier steigen die Laternen ungehindert in die Höhe. Was auch immer gestern hier war und Carla-san geraubt hat, ist jetzt nicht mehr da.

Auf dem Weg zurück zum Mirastel erkundigen wir uns in Culoz bei der Gendarmerie, ob es weitere Vorkommnisse in unserem Fall gibt. Erwartungsgemäß haben die Diebe in Beon zugeschlagen. Ein Hausschwein, ein Kopfstein, ein Wagenrad, ein Hammer und eine Zange sind entwendet worden. Heute Nacht wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Gemeinde Tallisien dran sein.

Am Bahnhof steigen zwei Männer aus dem Zug, die sehr nach Presseleuten aussehen. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Es ist nicht Französisch. Die Laute, die sie sprechen, sind härter und die Silben kantiger, als die der Sprache der Menschen, die hier leben. Der Fall erregt inzwischen internationale Aufmerksamkeit, wie es scheint.

Zum Mittagessen sind wir zurück auf Mirastel. Mycroft und der Lord sind nicht zugegen. Sie erholen sich noch von ihren nächtlichen Studien. Mari-chan stürzt sich nach dem Mahl wieder auf ihre Pilzstudien. Senchō, Mare und ich überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen. Ich diskutiere mit Mare darüber, in Beon zwei weitere Laternen steigen zu lassen. “Das macht keinen Sinn”, wende ich ein, “was auch immer letzte Nacht da war, ist inzwischen wieder weg. Wir werden dort nichts finden.”
“Das weißt du doch gar nicht”, protestiert Mare und beharrt weiter darauf, den Versuch in Beon durchzuführen. Ich lasse mich schließlich breitschlagen und leiste ihrem Wunsch Folge. Auf jedem Fall wollen wir heute Abend nach Tallisien fahren und versuchen, die Diebe dort auf frischer Tat zu ertappen.

Das Experiment in Beon verläuft, wie ich erwartet hatte, genauso wie unsere Laternenflüge vom Vormittag. Die Lichter steigen hoch in den Himmel, ohne auf ein Hindernis zu stoßen.

Wir fahren weiter nach Tallisien und kehren dort einer Gastwirtschaft ein. Die anderen Gäste betrachten uns skeptisch. Beim Essen sprechen wir darüber, wo in diesem Ort wir uns wohl am besten postieren sollten, um den Dieben und Entführern auf die Spur zu kommen. Die Gemeinde, in der wir heute sind, ist bekannt für ihre Weinberge. Mare vermutet daher, dass eine Weinrebe durchaus interessant für die unbekannten Sammler sein könnte. “Das wurde bisher noch nicht gestohlen”, meint sie. Ihre Gedanken schweifen ab und sie sinniert darüber, was die Fremden mit den geraubten Dingen und Geschöpfen wohl anfangen mögen. An Carla-sans Idee von einem “Museum der alltäglichen Dinge” könnte etwas dran sein, nur das in einem Museum Artefakte und keine lebendigen Wesen ausgestellt werden. Mare spricht von einem Diorama, das die Fremden womöglich zusammen- und in einer Art Terrarium zur Schau stellen. “So, wie Maximes Aquarien”, überlege ich. Senchō sieht mich an, als hätte er gerade eine Erleuchtung erfahren. “Dann sollten wir uns vielleicht mal mit ihm unterhalten”, schlägt er vor.

Der örtliche Gendarm betritt die Wirtschaft. Da wir – offiziell als Privatermittler im Auftrag von Dr. Monbardeau – seit unserer Ankunft hier eng mit der Polizei des Distrikts zusammenarbeiten, sind wir ihm nicht ganz unbekannt. Das ist eine gute Gelegenheit, dem unterschwellige Misstrauen der Einheimischen entgegen zu wirken. Ich bitte Mare, mir als Übersetzerin behilflich zu sein und unterrichte den Gendarm über unser Vorhaben, mit Hilfe von Fluglaternen mehr über die mysteriösen Vorgänge in Erfahrung zu bringen. Er möge bitte die Bevölkerung darüber informieren, ersuche ich ihn, damit niemand beunruhigt wird und sich womöglich von Furcht oder Neugier getrieben unnötig in Gefahr begibt. Der Gendarm ist dankbar für diese Information und klärt die Anwesenden nach unserem Wunsch auf.

Gegen 22:00 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Weinberg. Wir beobachten das Areal angestrengt in die Dunkelheit lauschend und spähend, jeder mit einer Himmelslaterne ausgestattet. Nach einer Weile macht sich Mare bemerkbar. Wir finden sie mit einem sehr bleichem Gesicht vor. Gerade hat sie beobachtet, wie eine Weinrebe durch eine unsichtbare Kraft aus der Erde gehoben wurde und weiter oben vor ihren Augen verschwand. Obwohl wir alle damit gerechnet haben, dass so etwas passiert, hat ihr diese Beobachtung gehörig den Schrecken in die Glieder fahren lassen. Eilig entzünden wir eine Himmelslaterne und lassen sie aufsteigen. Nichts. Kein Hindernis stoppt ihren Flug in die Höhe. Auch Senchō wird jetzt leicht nervös. Gerade hat er einen leichten, unerklärlichen Luftsog nach oben bemerkt. “Weg hier!”, ruft er mit unterschwellig panischem Blick. Zügig leiten wir einen geordneten Rückzug ein.

Im Dorf angekommen höre ich das kläglich-panische Miauen einer Katze. Ohne mein bewusstes Zutun beschleunigt sich mein Schritt. Auch Senchō legt einen Zahn zu. “Sie verfolgen uns!”, raunt er mir zu. Nur Mare lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Während wir schon nervös im Auto sitzen und auf die Abfahrt warten, entzündet sie noch in Ruhe eine weitere Laterne.

Gegen Mitternacht kehren wir zurück zum Mirastel. Der Lord und Mycroft haben den ganzen Nachmittag und Abend mit dem Studium des Buches des Tsathoggua verbracht. Sie machen einen entsprechend umnächtigten Eindruck. Leere Flaschen und volle Aschenbecher im Raucherzimmer zeugen davon, dass in den letzten Stunden viel Gin und viel Marihuana konsumiert wurde.

Wir berichten unseren Freunden von unseren Erlebnissen. Mare schilt Senchō und mich “Feiglinge”, was ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen kann. “Es gibt einen Unterschied zwischen gesunder Vorsicht und Feigheit”, protestiere ich. Senchō stimmt mir zu, doch Mare beharrt auf ihrem Standpunkt und ich spüre, wie mein Ärger stärker wird. Bevor ich weiter eskaliere, lenkt Mycroft ein. Er schlägt einen Übungskampf vor, um meine anschwellende Wut zu besänftigen.

Darauf gehe ich gerne ein. Ich hole zwei Bokutō und wir begeben uns in den Innenhof des Mirastel. Nach einigen Schlägen und Schritten – Mycroft begnügt sich wie üblich damit, meinen Attacken auszuweichen, statt selbst aktiv zu werden – beginne ich das Kanji 陰 (Kage) mit meinen Füßen abzulaufen, während ich das Schwert abwehrend vor mich halte, um potentiellen Angriffen entgegen wirken zu können. Der Zauber wirkt. Ich spüre, wie ich in das Reich der Schatten eintreten und wie sich der Mantel der Nacht um mich legt und mich verbirgt. Mycroft scheint durch mein Verschwinden sehr überrascht und irritiert. Noch bevor ich ihm nahe genug bin, um einen Treffer gegen ihn zu führen, stolpert er über seine eigenen Beine und stürzt zu Boden. Ich stehe über ihm und ziele mit dem Bokutō auf seine Kehle, als ich in meiner Bewegung inne halte und das Wirken des Zaubers beende.

Mycroft zeigt sich beeindruckt, nachdem er sich wieder aufgerappelt hat.
“Ist das das Geschenk von deiner Katze?”, fragt er.
“Kuro ist nicht meine Katze, er ist ein freier Geist”, antworte ich, “das ist eine Gabe der Königin der Nacht.”
“Die Königin der Nacht…”, wiederholt Mycroft nachdenklich, “weißt du wer das ist?”
“Nicht im Detail”, erwidere ich, “aber es hat etwas mit deiner Geschichte zu tun.”
Das Varieté-Stück in Berlin, das unter genau diesem Namen aufgeführt wurde. Ich habe damals nicht alles verstanden, was in dem Stück erzählt wurde, doch ich erinnere mich, dass der König in Gelb und die Königin der Nacht in dieser Geschichte als erbitterte Widersacher dargestellt wurden. “Wenn wir uns diesem Schicksal ergeben, stehen wir uns womöglich eines Tages als Feinde gegenüber”, überlege ich, aber wer sagt, dass wir uns diesem Schicksal ergeben müssen? “Vielleicht aber kann sie uns auch helfen, dein Problem zu lösen.” Wir sitzen noch eine Weile redend nebeneinander bevor wir wieder ins Haus gehen. Ich frage Senchō, ob ich die Nacht in seinem Gästequartier verbringen darf. “Wenn Mycroft solche Bücher liest, ist sein Schlaf überaus unruhig”, erkläre ich. Senchō lässt mich gewähren, warum er dabei so seltsam grinst, verstehe ich allerdings nicht.