Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

目に見えぬ (Me ni meinai)- Unsichtbar


Senchō sucht mich in einer ruhigen Minute unter vier Augen auf.
“Das, was du da vorgestern Abend gemacht hast, war ziemlich beeindruckend”, sagt er, “kannst du mir das auch beibringen?”
“Ich kann dich sicherlich die Form lehren”, antworte ich, “aber ich weiß nicht, ob es bei dir das gleiche bewirkt.”
Senchō schaut mich fragend an.
“Jemand hat mir diese Gabe verliehen”, erkläre ich, “jemand, der mir seine Gunst gewährt. Ich kann es nicht so einfach weitergeben.”
“Welcher jemand?”, drängt Senchō mit seiner typisch unverhohlenen Offenheit.
“Die Königin der Nacht vermutlich”, antworte ich und berichte ihm dann von meinem und Mycrofts Abenteuer in Odawara. Er wird ohnehin keine Ruhe geben, bevor ich es ihm nicht erzählt habe.

Zurück bei unseren Freunden wollen wir – auch wenn es aussichtslos erscheint – versuchen, den Ort zu finden, über dem sich das seltsame Objekt, das des Nachts die Wega verdunkelt, befindet. Wir fahren los in Richtung Nordosten. Etwa 50 Kilometer vom Mirastel entfernt halten wir und versuchen etwas zu erkennen, doch das Objekt ist einfach zu hoch, als dass wir es vom Boden aus mit bloßem Auge ausmachen könnten. Plötzlich hören wir Carla-san schreien. Fassungs- und hilflos müssen wir zusehen, wie sie in Sekundenschnelle in die Luft gehoben wird und in etwa zehn Metern Höhe vor unseren verblüfften Augen verschwindet, als würde sie in eine Art Tarnfeld hineingezogen. Der Lord sinkt demoralisiert und niedergeschlagen zu Boden und streckt seine Arme flehend gen Himmel. “Nehmt mich auch!”, ruft er verzweifelt, doch sein Bitten findet kein Gehör. “Mylord, kommt, wir müssen hier weg”, mahnt Mycroft zur Eile. Wir müssen den Lord fast mit Gewalt vom Boden wegzerren, um ihn zum Rückzug zu bewegen. Eilig entfernen wir uns und ergreifen die Flucht im Automobil.

Nachdem wir eine gewisse Distanz zwischen uns und den Ort des seltsamen Geschehens gebracht und unsere Nerven sich etwas beruhigt haben, halten wir an. Der Lord ist in eine Art teilnahmslose Lethargie verfallen. Er macht einen wirklich elenden Eindruck. “Was war das gerade?”, fragt Mycroft entrüstet und blickt zurück in Richtung der Stelle, wo Carla-san verschwunden ist. “Carla ist verschwunden!”
Wir sind offenbar gerade Zeuge der Sammelleidenschaft der unbekannten Diebe und Entführer geworden. Beruhigend ist diese Einsicht jedoch nicht. Etwas unsichtbares schwebt lautlos über unseren Köpfen. Wie sollen wir etwas bekämpfen, das wir weder sehen noch hören können? Wir wissen nicht einmal, wie groß es ist, ob es sich über die gesamte betroffene Region erstreckt oder ob es vielleicht wesentlich kleiner ist und sich bewegt.
“Das könnte man herausfinden, indem man einen Ballon oder Himmelslaternen steigen lässt”, überlegen ich. “Himmelslaternen?” Einige fragende Blicke ruhen auf mir. Ich erzähle meinen Freunden von einer Tradition, die ich in China kennengelernt habe. Dort gibt es Feste, bei denen Papierlichter als Glücksbringer in den Himmel gesendet werden. Ich habe gelernt, wie man solche Laternen anfertigt.
Mein Vorschlag stößt auf allgemeine Zustimmung. Senchō erklärt sich mit Freuden bereit, die dünnen Holzstäbe, die wir für den Bau der Laternen benötigen werden, aus Weidenholz zu schnitzen. “Für den Schirm müssen wir ein leichtes Papier verwenden”, erkläre ich, “am besten Seidenpapier.”

Auf dem Weg zum Mirastel kommen wir durch Culoz, wo wir die Gendarmerie über das Verschwinden unserer Freundin unterrichten. Der Gendarm ist entsetzt und drückt sein tiefes Bedauern über unseren Verlust aus.

Nach dem Mittagessen beginnen wir mit dem Bau der Himmelslaternen. Ich leite Senchō, Mare und Jaqueline, die Hausdienerin, an und bis zum Abend haben wir gemeinsam 12 Himmelslichter gefertigt. Mare sinniert über die astronomische Scheibe. Sie vermutet, das etwas besonderes passiert, wenn die Sternbilder beziehungsweise deren Hauptstern in Konstellation mit dem im gleichen Segment angeordneten Planeten steht. “Jemand wird geschwächt oder gestärkt”, spekuliert sie.
“Das ist sehr wahrscheinlich”, sage ich, während ich das Seidenpapier, das Jaqueline vom Dachboden geholt hat – als das gute Porzellan seinerzeit ins Haus geliefert wurde, war es darin eingeschlagen gewesen – zurecht schneide, “ich kann dir sogar das genaue Datum einer dieser Konstellationen in jüngerer Vergangenheit nennen. Das war der Grund, warum wir ohne Zeitverlust nach R’yleh und wieder zurück reisen konnten.” Mare zieht angestrengt nachdenkend die Stirn in Falten. “Das Venuspentagramm”, versuche ich ihr auf die Sprünge zu helfen, “wenn Aldebaran in Konstellation mit Venus steht, wird Cthulhu geschwächt und Hastur erstarkt.” Erschrocken kneife ich meinen Mund zusammen. Die Leichtigkeit, mit welcher mir der Name des maskierten Königs in der fernen Stadt über die gerade Lippen kam, gibt mir zu Denken. Bin ich dem Unvorstellbaren schon so nahe? Senchō, Mare und Jaqueline sind in ihre Arbeiten vertieft. Ihnen fällt meine Verunsicherung nicht auf.

Es ist bereits am Dunkeln, als wir gegen vier Uhr am Nachmittag genug Laternen gebaut haben. Im Speisesaal wird Kaffee und warmer Apfelkuchen mit frisch geschlagener Sahne serviert. Wir wollen unser Experiment mit den fliegenden Lichtern erst morgen bei Tageslicht beginnen.