Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

星の鏡 (Hoshi no Kagami) – Der Sternenspiegel

Es ist stockfinster, als ich mich aus dem Bett quäle. Mari-chan hatte mir gestern Abend am Telefon gesagt, dass sie heute beim ersten Tageslicht aufbrechen wolle, um unseren Freunden nach Frankreich zu folgen. Für mich bedeutet das, dass ich den Sechs-Uhr-Zug von Southampton nach Exeter nehmen muss. Ich habe ebenfalls bereits gestern Abend einen Fahrdienst bestellt, der mich von meinem Anwesen zum Bahnhof bringen soll. Es ist 5:15, als der Chauffeur mit dem Auto bei mir vorfährt.

Als ich um 7:30 Uhr in Exeter ankomme, deutet sich schon das erste Licht des Tages an. Mari-chan erwartet mich am Bahnhof und wir begeben uns direkt zum Flugfeld, wo Mari-chans feuerrote Sopwith auf uns wartet. Am frühen Nachmittag landen wir in Paris. Wir nutzen die Zeit, die zum Auftanken der Maschine gebraucht wird, um zu Mittag zu essen. Es ist 14:30, als wir weiterreisen können.

In der Luft erreicht uns ein Funkspruch von Senchō. Er teilt uns mit, dass er und die anderen im Culoz im Schloss Mirastel untergekommen sind. Von Lyon nach Culoz fährt ein Zug, erklärt er, dort müssten wir uns dann durchfragen. Zum Glück beherrscht Mari-chan die Französische Sprache soweit, dass die Sache mit dem “Durchfragen” an sich keine Schwierigkeit darstellen sollte.

In der Dämmerung landen wir auf dem Flugfeld in Lyon. Wir halten uns nicht lange auf und machen und direkt auf den Weg zum Bahnhof. Wir haben Glück. Der nächste Zug nach Culoz fährt in einer halben Stunde. Mari-chan bucht für uns dort zwei Plätze in einem Abteil der ersten Klasse. In Culoz finden wir schnell heraus, wie wir zum Mirastel gelangen. Das Schloss befindet sich im Besitz von Madame Arquedouvre, erfahren wir.

Als wir schließlich irgendwann zwischen 19:00 und 20:00 Uhr das Schloss erreichen, ist es bereits dunkel, daher kann man von der Außenfassade nicht viel erkennen. Über der Eingangstür tickt eine große Wanduhr, die nicht nur die Stunden, Minuten und Sekunden, sondern auch den Stand der Planten anzeigt. Das Gebäude hat vier unterschiedlich hohe Türme, von denen der nordwestliche und höchste mit einer Kuppel versehen ist, die mich an die Konstruktion eines Observatoriums erinnert. Das ist naheliegend, den Mirastel, so erklärte mir Mari-chan, bedeutet “Sternenspiegel”.

Wir läuten und nach kurzer Zeit öffnet eine junge Frau, augenscheinlich eine Hausangestellte, die Tür. Mari-chan erzählt ihr irgendetwas auf Französisch. Ich verstehe kein Wort, doch beobachte ich, wie sich in Gesicht des Mädchens mit wachsender Erkenntnis erhellt. “Vi, vi, Madame de Humboldt et Monsieur Okumura. Je vous en prie, entrez”, sagt sie schließlich und bittet uns unterstützt durch eine Geste in das Haus.

Wir betreten die beeindruckende Eingangshalle. Sie erstreckt sich über zwei Stockwerke. In der Mitte der Halle hängt ein Foucaultsches Pendel, ein Instrument, das die Rotation der Erde demonstriert. Es führen zwei Treppenaufgänge nach oben. An den Wänden sind in unregelmäßiger Anordnung Gemälde von mir größtenteils unbekannten Personen aufgehängt worden. Den ein oder anderen der Abgebildeten erkenne ich als Wissenschaftler oder Astronom wieder. Die Hausdienerin, sie heißt Jaqueline, erklärt uns, was Mari-chan freundlicherweise für mich übersetzt, dass es ein altes Ritual gibt, wonach jeder, der zum ersten Mal einen Fuß in das Schloss setzt, sich für einen der beiden Treppenaufgänge entscheiden muss, entweder für den linken oder für den rechten. Die Gästezimmer befinden sich im zweiten Obergeschoss, erklärt sie. Unser Gepäck würde sie nach oben bringen lassen.

Aus der Halle führen außer der Eingangstür noch drei weitere Türen im Erdgeschoss heraus. Jaqueline bittet uns, ihr zu folgen und bringt uns zu der Tür auf der linken Seite. Sie klopft höflich an und als von innen die Erlaubnis zum Eintreten ertönt, öffnet sie und kündigt mich und Mari-chan an. Wir werden eingelassen.

Der Saal, in welchem wir unsere Freunde treffen, macht den Eindruck einer kleinen astronomischen Ausstellung. Der Parkettboden ist mit stellaren Symbolen verziert. Die auf dem Boden ausgelegten Teppiche zeigen den irdischen Sternenhimmel und unser Sonnensystem. In einer Vitrine sind historische Navigations- und Astronomiegeräte ausgestellt: ein Pendel, ein Taschenfernrohr und ein Kreuzstab. Bei diesem handelt es sich um ein Gerät zur Winkelmessung, ein Vorläufer des Sextanten. An den Wänden hängen hinter Glas detaillierte Sternenkarten und einige interessant anmutende Kupferplatten, für deren nähere Betrachtung mir jetzt aber die Zeit fehlt. Wir haben mit unserer Ankunft eine Besprechung unterbrochen.

Senchō brütet über diversen Papieren. Der Lord begrüßt uns, bemüht, die Fassung zu bewahren. Carla-san und Mare legen uns nahe, die Köstlichkeiten des aufgetragenen Buffets zu probieren, bevor alle Platten leer sind. Mycrofts Miene scheint sich aufzuhellen, als wir eintreten. “Schön, dass du da bist”, raunt er mir zu, als ich neben ihm Platz nehme.

Außer unseren Freunden sind noch Madame Arquedouvre, die erblindete Hausherrin sowie ein gewisser Dr. Monbardeau, seines Zeichens Hausarzt in der nahegelegenen Ortschaft Artemare und Ehemann von Madame Arquedouvres Tochter Augustine, zugegen. Henri, der Sohn der Monbardeaus, ist zusammen mit seiner Verlobten Fabienne und Lady Evelyn bei einem Ausflug auf den Berg Colombier verschwunden. Es gibt eine Skizze von dem Ort des Verschwindens, auf dem Fußspuren, die im Schnee gefunden wurden, verzeichnet sind. Auf der Höhe des Gipfelkreuzes entlang des Bergkamms – so macht es den Eindruck – verläuft eine gerade Linie, welche die Vermissten regelrecht verschluckt zu haben scheint. An den Spuren lässt sich erkennen, dass Fabienne, als das Phänomen, das zum Verschwinden der drei jungen Menschen geführt hat, zu ihrem Verlobten eilte, während Lady Evelyns Fußabdrücke sich in schräger Richtung von diesem Punkt entfernen, dabei weniger werden und schließlich ganz verblassen.

Seit einiger Zeit, erklärt Dr. Monbardeau, verschwinden im hiesigen Distrikt auf mysteriöse Weise Dinge, scheinbar zusammenhangslos und ohne jede Spur von den Dieben. “Es ist aber das erste Mal, dass Menschen verschwinden”, sagt er.

Der Lord hat eine Karte des Distrikts vor sich liegen und zeichnet dort die Orte, an denen Dinge verschwunden sind, mit dem Datum des Verschwindens ein. Er stellt fest, dass sich daraus ein Muster, vielleicht sogar ein Rhythmus ergibt. “Hat es vielleicht etwas mit den Mondphasen zu tun?”, frage ich. Der Lord blickt von den Dokumenten auf. “Ein guter Einwand”, meint er, doch eine Überprüfung der Daten ergibt keinen unmittelbaren Zusammenhang.

Nach der Besprechung beziehe ich Quartier in einem der Gästezimmer. Ich wähle den rechten Treppenaufgang für meinen Weg nach oben. Es gibt vier Gästequartiere an der Zahl. Eines zum Innenhof hin bewohnt der Lord zusammen mit Carla-san, das Zimmer daneben hat Mycroft bezogen. Auf der gegenüberliegenden Seite, links und rechts des Uhrwerks, schlafen Senchō und Mare. Senchō macht einen derben Scherz, der zwischen den Zeilen vermittelt, dass er lieber ein Zimmer für sich alleine hätte. Mycroft gibt mir wortlos zu verstehen, dass er sein Quartier gerne mit mir teilt. Mari-chan zieht in das “Mädchen-Zimmer” mit ein.

Nachdem wir Quartier bezogen haben, fahren der Lord, Mycroft und Senchō zusammen mit Dr. Monbardeau nach Artemare, wo Lady Evelyn im Haus des Doktors bis zu ihrem Verschwinden ein Zimmer bewohnt hatte. Sie wollen dort nach möglichen Spuren und Hinweisen suchen. Ich widme mich derweil weiter meinen Schattenstudien. Im Innenhof des Mirastel übe ich konzentriert, doch komme ich heute nicht recht weiter. Die Bewegungsfolge habe ich inzwischen verinnerlicht. Die Kata endet mit einer verhüllenden, schließenden Bewegung, als würfe ich einen unsichtbaren Mantel um mich. Es ist das richtige Timing, der perfekte Rhythmus, an dem ich noch arbeiten muss.

Meine Freunde kehren nach einer Weile zurück, leider aber ohne neue Erkenntnisse. Außer der Winterbekleidung, die Lady Evelyn bei ihrem Ausflug getragen hatte, fehlt nichts.