玻璃質の刀 (Harishitsu No katana) – Das gläserne Schwert
Nach dem Frühstück besuche ich den Ort, an dem die Menschen aus Odawara ihren Schutzgeistern huldigen. Ich hoffe, ein paar Einheimische zu treffen und von ihnen etwas über den vermeintlichen Fluch zu erfahren. Der Himmel ist grau und es schneit leicht.
Ich sehe zwei Frauen, die im kargen Winterfeld Kräuter sammeln, um sie den Geistern als Gaben zu reichen. Ich lasse sie ihr Ritual beenden und spreche sie dann höflich um die Erlaubnis, eine Frage stellen zu dürfen, bittend, an. Die Frauen, beide etwa im mittleren Alter, sind überrascht, jedoch gewähren sie mir meine Bitte. Ich stelle mich als Herr Satō aus Osaka vor. “Ich bin Investor und spiele mit dem Gedanken, die Burganlage zu erwerben und wieder aufzubauen”, behaupte ich. Während ich diese Geschichte erzähle, kommt mir der Gedanke gar nicht so abwegig vor. “Nun habe ich aber gehört, dass böse Geister auf der Burg umgehen sollen. Können Sie mir sagen, was es mit diesen Geschichten auf sich hat?”
“Oh ja, das stimmt”, erklärt eine der Damen, “ein Schwager meiner Cousine dritten Grades hat es mit eigenen Augen gesehen. Ein gelber Blitz mitten in der Nacht. Seitdem hört man Nachts gruselige, heulende und klagende Laute von dort oben und manchmal sieht man eine Gestalt auf der Burg umherwandern.”
“Haben Sie das auch gesehen?”, frage ich. Sie verneint, aber sie nennt mir auf meinen Wunsch hin den Namen des Schwagers der Cousine dritten Grades, Kazuki, und beschreibt mir den Weg zu seinem Haus. Zum Schluss rät sie mir noch, nicht zu investieren. “Der Ort ist verflucht”, sagt sie, “niemand sollte dort oben sein.”
Ich bedanke mich für die Auskunft und kehre zurück, um Mycroft zu treffen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich es war, der diesen “Fluch” hier ausgelöst hat. Ich bin auf eine seltsame Art mit diesem Ort und mit Ujimasa verbunden. Vermutlich bin ich auch der einzige, der diesen Fluch wieder beenden kann, allerdings weiß ich noch nicht, wie ich das anstellen soll. Die Antworten finden wir wahrscheinlich dort oben auf der Burg.
Wir betreten das Burggelände aus Richtung des Tores des Mondes. Das Tor selbst steht nicht mehr – vermutlich schon eine ganze Weile – doch der Weg in die inneren Bezirke existiert noch. Während wir den Weg durch das westliche und das zweite Viertel hinauf zum Hauptviertel gehen, ereilen uns gemeinsame Erinnerungen an die Sengoku-Zeit. Wir haben das Hauptviertel bereits erreicht, als Mycroft meint, eine Gestalt gesehen zu haben, die schattenhaft hinter einem Baum verschwand. Er sagt, dass die Gestalt etwa von meiner Größe und Statur gewesen sei. Ich selbst entdecke nichts, lasse mir aber von Mycroft die Stelle zeigen. Dort entdecken wir tatsächlich Fußabdrücke im frischen Schnee. Ich erkenne den typischen Abdruck mittelalterlicher Reisstrohsandalen. Auch erkennt man Schleifspuren, als hätte die Person, die diese Spuren hinterlassen hat, einen Mantel getragen, der bis zum Boden reichte. Seltsamerweise endet die Spur nach sechs Schritten einfach im Nichts.
Ein Knacken im Gebüsch erregt Mycrofts Aufmerksamkeit. Wir folgen dem Geräusch, doch es ist nur ein Hase. Ein Hase, wie jener, der sich in der alten Geschichte von Usagi no Tsuki, dem Hasen im Mond, dem Herrn des Himmels selbst als Opfer darbrachte und darauf im Himmel wiedergeboren wurde.
Wir stehen nun schon fast vor der Burg. Ich gehe weiter auf das Burgtor zu und merke, wie sich die Frequenz meines Herzschlages spürbar erhöht. Mycroft folgt mir auf den Fuß. Ich bin von tiefer Ehrfurcht ergriffen. „Amekumo no. Oheru tsuki mo. Mune no kiri mo. Harai takeri na. Aki no yū kaze.“ Die Worte kommen mir wie von selbst über die Lippen. „Wagami ima. Shōyute yaika ni. Kamo fu hiki. Sora yori kitari. Sora ni kirima,“ vollende ich das Gedichte. Ich atme ruhig. Nichts passiert. Dennoch habe ich das Gefühl, dass diese Zeilen eine Schlüsselrolle in dieser Geschichte einnehmen. Etwas aber war noch nicht richtig. Vielleicht ist es der falsche Ort oder Zeitpunkt, oder die Intonation war nicht richtig. Vielleicht muss vorher auch noch etwas anderes erfüllt werden.
Vor uns liegt nun das alte Burgtor. “Ich möchte zu gerne wissen, ob es den Schrein im Keller noch gibt”, gestehe ich. “Ich habe ein ungutes Gefühl”, wendet Mycroft ein und lädt sein Gewehr durch, “aber ich bin bereit.”
Beherzt öffne ich die Tür ins Innere der Burg. Knarrend gibt sie den Weg frei. Mycroft schaut sich nervös um. “Wir sollten versuchen, weniger Lärm zu machen”, flüstert er. Ich nicke und nehme mir vor, meine Euphorie etwas zurück zu nehmen.
Das Innere der Burg ist – wie auch der Rest der Anlage – ziemlich heruntergekommenen. Wir schalten eine Taschenlampe ein, um uns zu orientieren. Die hölzerne Bodenverkleidung ist verrottet und stellenweise durchbrochen. Auf dem Weg zu der Tür, hinter welcher ich den Zugang zum Schrein vermute, klafft ein großes Loch von etwa einem halben Meter Tiefe im Boden. Nur ein einzelner, vereister Balken führt hinüber. Mycroft geht vor, ich folge. ‘Bloß nicht abrutschen’, denke ich bei mir, als mir auffällt, dass der Schutt und die geborstenen Balken unter mir durchaus ernsthafte Verletzungen verursachen könnten. Just in diesem Moment verliere ich das Gleichgewicht und rutsche ab. Etwas schlitzt meinen Hakama auf und bohrt sich in meinen Unterschenkel. Ich stecke im Schutt fest.
“Ist alles okay”, fragt Mycroft. “Das weiß ich noch nicht”, erwidere ich und strecke ihm die Hand entgegen, “hilf mir bitte erstmal hier raus.”
Mit vereinten Kräften gelingt es uns, mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Die Wunde ist zum Glück nur oberflächlich, tut aber höllisch weh. Wir desinfizieren und verbinden die Verletzung und beruhigen unsere Nerven mit einem Schluck Gin aus Mycrofts Feldflasche. Nach einer kurzen Erholungspause dränge ich darauf, weiter zu gehen.
Es sind nur ein paar Meter bis zu der alten Schiebetür, die meiner Erinnerung nach in den Keller zum verborgenen Schrein führt. Ich erkenne sie ganz klar an dem mittlerweile verblasste Abbild der Burg in einem blühenden Frühlingsgarten, das vor vielen Jahren kunstvoll mit Pinsel und Tusche auf das dünne Holzfurnier zwischen den Rahmen aufgetragen wurde. Auf den ersten Blick ist sie gar nicht als Durchgang zu erkennen,, aber das ist durchaus so gewollt. Sie erweist sich allerdings als überaus widerspenstig. Die Zeit und die Feuchtigkeit haben das Holz verzogen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Rahmen völlig vereist sind. Es wäre ein Leichtes, die Tür einzutreten, aber das wäre nicht gerade leise. Wir schauen uns um, ob wir hier oben etwas finden, dass wir als Hebel einsetzen könnten, aber die Bohlen sind dafür nicht geeignet. “Wir können die Tür ohne zusätzliches Gerät nicht geräuschlos öffnen”, stelle ich schließlich resigniert fest. Mycroft ist immer noch skeptisch, merkt aber, dass er gegen meine Ungeduld keine Chance hat. “Bitte, nach dir”, sagt er und bedeutet mir mit einer Geste, zu tun was ich nicht lassen kann. Krachend bricht die Tür zusammen, als ich mit mäßigem Kraftaufwand dagegen trete. Wir verharren einen Moment abwartend, aber nichts regt sich. Hinter der Tür befindet sich der gleiche quadratische Raum, der hier auch schon vor mehr als drei Jahrhunderten lag, in dessen Mitte eine Falltür zum verborgenen Heiligtum führt.
Wieder will ich vorgehen und die Tür direkt öffnen, doch Mycroft hält mich auf. Er besteht darauf, den Raum zunächst auf magische und mechanische Sicherungseinrichtungen zu untersuchen. Er findet aber nichts auffälliges. Mit aller Kraft versuche ich die Falltür zu heben, doch auch sie ist festgefroren. Mit beherztem Einsatz aber gelingt es Mycroft mit äußerster Anstrengung die Falltür von ihrem eisigen Schloss zu befreien. Knirschend und quietschend hebt sich die Holzplatte und gibt den Weg nach unten frei. Dort herrscht tiefschwarze Finsternis. Vorsichtig steigen wir die auch hier vereiste Treppe hinunter. Ich meine im Schein der Taschenlampe etwas zu erkennen, das das Licht grün reflektiert. Ich leuchte gezielt in die Richtung, in der ich diese Reflexion wahrgenommen habe und bewege mich langsam näher, wohl wissend dass ein Freund mir den Rücken frei hält. Nach und nach erkenne ich die Stehlen, welche die Zeichen für die Sonne und den Mond tragen. Davor befindet sich ein länglicher Gegenstand aus einem grünlichen, reflektierenden Material. Es ist ein Schwert aus grünem Glas, erkenne ich, als ich etwa einen Meter davor stehe. Der Schrein ist also noch immer hier, doch seine Flamme ist hier erloschen. Sie ist weiter gewandert und brennt nun im Keller eines Herrenhauses in Südengland.
Das Schwert ist völlig schmucklos – keine Verzierungen, keine Insignien weisen darauf hin, wer es hergestellt oder wem es gehört hatte. Es ist nicht das Kirishimo und wenn es dieses einmal gewesen sein sollte, wurde es vollständig verwandelt. Ich verspüre den Wunsch, das Schwert zu berühren und aufzunehmen, doch ich zögere. Ich weiß, dass diesem Ort Kräfte innewohnen, deren Auswirkungen ich nicht abschätzen kann. Auf der anderen Seite steht die Verheißung von Erkenntnis. Ich kann mich nicht entscheiden und überlasse die Wahl schließlich einem Münzwurf. “Das ist eine gute Idee, das hat schon einige von uns weiter gebracht”, meint Mycroft zynisch. Er selbst hat seinen Pakt mit dem König in Gelb gewissermaßen auch dem Wurf einer Münze zu verdanken. Doch irgendetwas muss ich tun. Die Münze nimmt mir die Entscheidung ab. Sie zeigt Zahl und das bedeutet, ich nehme das Schwert. Mein Herz pocht bis zum Hals, als ich mich niederknie, um das Schwert aus seiner desolaten Halterung zu nehmen, und kalte Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn.
Jetzt oder nie! Ich schiebe alle Zweifel beiseite und ergreifen das Heft des Schwertes. In dem Augenblick, als ich das Schwert berühre, fällt ein tiefschwarzer Vorhang über mein Bewusstsein. Eine Stimme hallt in meinem Kopf wieder. “Es ist nicht wirklich fort. Ein Teil von ihm ist in meiner Seele aufgegangen.” Ich erkenne diese als meine eigenen Worte, bevor mich die Bewusstlosigkeit umfängt.









