* Wilde Träume
Die Träume waren wild & chaotisch, ja zutiefst beunruhigend. Lange hatte ich keine nächtlichen Eindrücke, alles war stumm geworden in mir, dank des Schweigegelübdes.
Nun liege ich starr auf meinem Futon, bin wach, aber unbeweglich, dann doch dort, im Himmel, schwebend über Sanjuro. Er ist an der Stelle, wo sich Ujimasa selbst entledigt hat. Wie damals Fuma Kotaro beobachte auch ich, wie er sich seiner Oberkleidung entledigt…mit Schrecken erkenne ich:
„Er will erneut sich das Leben nehmen!“
Ich will zu ihm, ihn warnen, ihn auf die dunklen Schatten weisen, die ihn unhüllen, ihn niederdrücken, wegschubsen – ich schreie lautlos – machtlos – kraftlos.
Plötzlich höre ich einen Singsang, meine Hände bewegen sich wie von alleine, fremdgesteuert, in einem unglaublich komplexen, mir nicht nachvollziehbaren Mudra Muster, einer magischen Handgestik, wie ich von in meinem Träumen von dem Lehrer widerwillig lernte.
Mit dem Staunen eines Kindes löst sich etwas in mir, eine mystische Kraft, die in einem gelblich goldenen Schein sich von meiner Aura löst, in sich tragend dieses magische Muster. Es rast auf meinen japanischen Freund hinzu, erfasst ihn & wirft ihn zurück.
Die Schatten blitzen golden auf & lösen sich sofort danach auf. Sanjuro schüttelt sich, schaut sich um & endeckt: Er blutet in der Bauchgegend, dort wo das Tanto eindrang, die traditionelle Stelle für Seppuku. Er steht auf, wundert sich, putzt sich das Messer & sich dann benommen langsam wieder ankleidet.
Die typischen Läuten der Glocken von den Wandermönche reißen mich in meiner Klosterzelle aus meiner Schockstarre. Ich erwache. Eine Stimme ist in meinem Kopf:
„Das war ein kleiner Dienst. Erneut habe ich Euch geholfen. Ich hoffe Ihr wisst es zu schätzen. Deine Freunde sind in höchster Gefahr. Für unsere Pläne ist es wichtig, daß Sie jetzt noch nicht sterben. Rette sie! Sonst wird es uns allen schlecht ergehen!“ Bilder eines fremden eiskalten Planeten, bizarre medizinsche Verstümmelungen an meinen Freunden, das Erwachen von vielen Großen Alten, schließlich die Neuordnung der Welt sowie die vollständige Zerstörung von Highclere Castle erscheinen vor meinem geistigen Auge.
Ich erwache mit einem Schrei! „Freunde! Passt auf! Gefahr!“ Mit diesen Worten breche ich mein Schweigegelübde, alle Kraft weicht aus mir. Ich erwache, fühle matt & alt. Was kann ich nur tuen?
Langsam & Mühevoll erhob ich mich vom schlichten Futon, verbeugte mich vor der Statue von Inari, bete mein Morgengebet & ging zum Brunnen, um mich zu waschen. Ohne innere Regung vollziehe ich die Übungen, die der Unbekannte mir gezeigt hat. Was kann ich tuen, frage ich mich unentwegt.
Das Mudra gelingt mir nicht, doch es gelingt mir immer besser. Trotzdem kann ich damit meinen Freunden nicht helfen. Mit einem Lehrer würde es mir sicherlich schnell gelingen…doch ich scheue davor zurück. Die Folgen sind klar, ich entferne mich damit weiter vom Menschsein.
Da fallen mir die Spuren auf. Also waren es doch nicht nur Träume. Mein nächtlicher Verfolger, der nach seinem Angaben nur das Beste für mich im Sinne hat, ist also wieder anwesend, hier in dieser „echten“ Welt.
Die weiße Fuchsmaske von Inari, die ich zum Schutz vor neugierigen Blicken nahezu stets trug, juckt mein verschandeltes Gesicht, reibt sich am König in Gelb. Mit einem tiefen Atemzug vertrieb ich den panischen Impuls, mich ohne Maske hilfeschreiend ins nächste Dorf zu rennen.
Das würde kein gutes Ende nehmen.
Stattdessen atme ich oft tief & ruhig, bis ich bereit bin, zu meditieren. Ich will mich meiner Träume zu erinnern, suche nach einer Lösung. Nach einer langen Zeit des Za Zen gleitet ich erneut aus meinem Körper. Schwebe in den Himmel, sehe nebenläufig Mond, Sonne, Planeten, ich reise, treibe, atme im All.
Der Impuls, der mich an diesen Ort getragen hat, verlangsamt sich. Ich sehe unter mir meine Freunde. Schreien wäre sinnlos wie ich weiss. Ich beobachte schweigend & sehe die Szene.
„Sie laufen direkt in die Gefahr.“ entfährt es mir…Hilflosigkeit, Selbstvorwürfe und Verzweifelung erfüllen, drohen mich zu ertränken, lassen mich auch an den Freitod denken…
Ein vertraute Stimme ruft mir zu: „Siehst Du, auch diese Freunde leiden, ohne Dich werden Sie sterben! Hilf Ihnen!“ Der Schrecken & die rasante Abfolge der Ereignisse lähmen mich, das bizarre Schauspiel beobachtend.
Der Lord, Henry, Ragnar, Carla, Mare & Mary-Ann sind in eine Falle gelaufen, gestrandet auf einem feindlichen Planeten – es erinnert mich an mein Schicksal – eine Träne läuft die geschunde Wange hinter – zitternd hole ich widerwillig die gelbe Flöte aus meinem Jacket hervor, setze sie an meine Lippen & stimme eine fremdartige Melodie an – höre fast zeitgleich das Flattern von Flügeln sich rasch nähern & spüre wie sich unser Schicksal dreht.
„Haltet durch!“ rufe ich stumm meinen Freunden zu & ich wende mich dem Byakhee zu…










