大本教 (Omoto-kyo) – Der Omoto-Kult
Es ist zehn Uhr, als die Bahn nach Tottori über Ayabe im Hauptbahnhof von Kyōto einfährt. Ich habe mich entschieden, den Rat meines Freundes zu befolgen und dem Ruf meiner inneren Stimme nachzugehen. Maikurofuto begleitet mich zum Zug. Er sagt, er wird die Zeit meiner Abwesenheit im Inari-Großschrein verbringen. Dort hofft er auf Antworten und spirituelle Erleuchtung und außerdem gelte es, ein Versprechen einzulösen. Die Geschichte von der Bannung des bösen Fuchsgeistes auf dem Berg Inari, die ich mittlerweile aus den Erzählungen meines Freundes heraus auf Japanisch zu Papier gebracht habe, heißt es zu überbringen. Ich bitte ihn, bei dieser Gelegenheit auch nach dem Päckchen von Ujimasa zu fragen. “’Hoshi wa hikari’ lautet die Losung“, erinnere ich ihn.
Gegen halb eins trifft der Zug in Ayabe ein. Nachdem ich in einer Suppenküche meinen Hunger gestillt habe, mache ich mich auf den Weg. Ich muss mich durchfragen und es dauert eine Weile, bis ich jemanden treffe, der mir sagen kann, wie ich zum Gelände des Omoto-kyo komme. Es ist etwa drei Uhr, als ich schließlich mein Ziel am Fuß der Berge am Rande der Stadt erreiche. Ein Schild am Eingang beschreibt den Ort als Lebens- und Wirkungsstätte eines gewisser Onisaburō, der als Messias auf die Welt gekommen sei, um die Menschheit in Brüderlichkeit und Frieden zu vereinen. Darunter steht ein Text in lateinischen Zeichen, dessen Sinn sich mir jedoch nicht erschließt – abgesehen von dem Namen Onisaburō, der auch hier Erwähnung findet.E
Eine junge Frau schöpft Wasser aus einem Brunnen nahe des Eingangs. “Willkommen”, begrüßt sie mich, als sie mich bemerkt, “kann ich Ihnen helfen, mein Herr?” “Vielleicht können Sie das”, antworte ich, “ich bin auf der Suche nach einem Schwertmeister. Sein Name ist Takeda Sokaku. Er soll sich hier aufhalten, hörte ich.” “Ja, gestern ist ein Schwertmeister hier angekommen”, erklärt sie, “er ist auf Wunsch von Meister Ueshiba gekommen. Im Moment ist er beschäftigt, Sie können aber gerne auf ihn warten, wenn Sie möchten.” Ich willige ein und sie führt mich zu einem Gebäude, das ich für ein zentrales Haupthaus halte. Dort gibt es einen Raum mit Sitzgelegenheiten und Tischen. An einer der Wände steht ein Regal gefüllt mit Büchern und Schriften.
Die junge Frau bietet mir an, Tee zu bringen, was ich gerne annehme. “Sie können sich auch gerne in unserer kleinen Bibliothek bedienen”, sagt sie. Mein Interesse an den Büchern ist ihr also nicht verborgen geblieben und stößt offenbar auf Wohlwollen. Ich wende mich also dem Bücherregal zu – eine interessante Sammlung zu spirituellen und religiösen Themen, Sprachwissenschaft und Kampfkunst. Meine besondere Aufmerksamkeit wird durch ein Esperanto-Lehrbuch erregt. Ich habe schon einmal von dieser Plansprache gehört – Henuri-san hatte darüber glaube ich das ein oder andere Mal etwas verlauten lassen. Ich lese die Einleitung. Sie ist in japanisch geschrieben und beschreibt das Wirken und Leben eines gewissen Dr. Zamendorf, den Schöpfer des Esperanto, als das eines Kami des Friedens und der Einigkeit. Esperanto, so heißt es, sei eine leicht zu erlernende und neutrale Sprache. Nur sechzehn einfache Grammatikregeln bilden das Fundament. Neutral deshalb, weil sie niemandem einen Nachteil gegenüber einem Muttersprachler bringt, wie es bei natürlichen Sprachen der Fall ist. Damit sei Esperanto die Sprache der Zukunft, in welcher die Menschheit weltweit in Brüderlichkeit vereint und frei von Kriegen leben wird.
“Was genau ist das hier für ein Ort?”, frage ich, als die junge Frau mit dem Tee zurück kommt. Sie sieht mich verwundert an. “Das wissen Sie nicht”, erwidert sie erstaunt. “Nein. Ich bin eher zufällig hier. Ich bin diesem Schwertmeister, von dem ich erzählte, begegnet und wollte ihn hier aufsuchen”, erkläre ich. Sie bereitet sorgsam den Tee, während sie mir zuhört. “Bitte sehr, verehrter Herr”, sagt sie und reicht mir die Schale, “ich erkläre Ihnen gerne, was es mit Omoto-kyo auf sich hat. Ich kann Sie auch etwas herumführen, wenn Sie das wünschen. Aber verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Naohi. Ich bin die Tochter von Deguchi Onisaburō und Sumiko.” Ich mustere sie eingehend. ‘So sieht also die Tochter eines selbsternannten Messias aus’, denke ich bei mir. “Okumura Sanjūrō”, antworte ich, “es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.” Habe ich mich jetzt wirklich gerade als ‚Sanjūrō’ vorgestellt? Offenbar, denn Naohi beäugt mich kritisch. “Sanjūrō?”, wundert sie sich, “das ist ein ungewöhnlicher Name.” “Ja”, stimme ich ihr schmunzelnd zu, “vor allem, wenn man bedenkt, dass ich letztes Jahr vierzig geworden bin.”
Wir plaudern noch eine Weile beim Tee, dann lasse ich mir von Naohi das Anwesen zeigen. Es gibt ein paar Wohnhäuser, diverse Schreine, die verschiedenen Kami geweiht sind,zwei Wirtschaftsgebäude und schließlich das Dōjō, das Ueshiba Juku (Ueshiba Akademie). Das Dōjō, erklärt mir Naohi, sei erst im letzten Jahr errichtet worden. Uns begegnen auch andere Menschen. Sie grüßen höflich und gehen weiter ihren Dingen nach. Mir fällt auf, dass alle eine gewisse Zufriedenheit ausstrahlen.
Naohi erzählt mir, dass Omoto-kyo von ihrer Großmutter gegründet worden sei. Sie habe in Onisaburō den Messias erkannt, den Mann, der die Menschheit vereinen wird. Auch Naohi scheint fest von diesem Glauben überzeugt zu sein. Sie erklärt mir, welche Kami in den Schreinen verehrt würden und betont, dass jeder Kami im Grunde nur ein Aspekt eines einzigen Gottes sei. Sie spricht von diesem als eine universelle Liebe, die uns allen innewohnt und die es zu erwecken gilt. Sie sagt, die Arbeit des Kultes diene allein der Veredelung der Seele und ihrem Aufgehen in dieser universellen Liebe, was nur durch die Überwindung der menschlichen Begierden vervollkommnet werden kann. Das alles klingt sehr interessant und irgendwie einleuchtend.
Naohi fragt, ob ich schon wüsste, wo ich die Nacht verbringen werde. “Es dürfte nicht allzu schwierig sein, in der Stadt ein Gasthaus zu finden”, antworte ich. “Sie können für die Dauer ihres Aufenthaltes auch gerne eines unserer Gästequartiere in Anspruch nehmen”, erwidert sie. Gerne gehe ich auf diesen Vorschlag ein. Auf dem Weg dorthin begegnen wir ein Frau mittleren Alters, die einen Stapel Feuerholz unter dem Arm trägt. “Ach hier bist du, Naohi, ich habe dich schon gesucht”, sagt sie. “Verzeiht, Mutter. Dieser Mann hier kam zu uns und ich habe mir erlaubt, ihn herumzuführen.” Ich verneige mich anständig vor der Frau. “Es ist mir eine Ehre, Frau Deguchi, ich bin Okumura Sanjūrō”, sage ich. Frau Deguchi antwortet mir mit einem Lächeln. “Deguchi Sumiko, es ist mir ebenfalls eine Freude”, sagt sie, an die junge Frau gewandt fährt sie fort: “Naohi-chan, vielleicht kannst du mir in der Küche helfen, wenn du Herrn Okumura alles gezeigt hast.”
Naohi führt mich zu einem einfachen Wohnhaus. Es ist klein aber gemütlich und für mich völlig ausreichend. Es gibt einen Ofen sowie eine Koch-, eine Wasch- und Schlafgelegenheiten für drei. “Feuerholz finden Sie hinter dem Haus”, erklärt Naohi, bevor Sie sich verabschiedet, “ich muss jetzt los. Meine Mutter wartet auf mich.“

Ueshiba Morihei in Ayabe
Ich mache mich daran, den Ofen anzuheizen. In der kleine Hütte wird es schnell warm. Dann mache ich mich auf den Weg in die Stadt, suche ein nahegelegenen Lebensmittelgeschäft auf, um ein paar alltägliche Notwendigkeiten zu besorgen und gebe im Postamt eine Nachricht nach Kyōto auf, in der ich Maikurofuto meinen konkreten Aufenthaltsort mitteile. Auf dem Weg zurück zu meiner Unterkunft, wieder auf dem Schreingelände, kommt ein Mann auf mich zu. “Sind Sie derjenige, der auf der Suche nach einem Schwertmeister hierher gekommen ist”, fragt er ohne Umschweife. Er ist Japaner, etwa in meinem Alter und von der Statur her eher klein. “Wer möchte das wissen?”, frage ich. “Ich bin Ueshiba Morihei”, antwortet er ruhig, “ich habe das Dōjō hier draußen errichten lassen. Darf ich nach Eurem werten Namen fragen?” “Okumura Sanjūrō”, antworte ich, “ich denke, ich bin derjenige, den Sie suchen.” Ueshiba fragt mich nach den Beweggründe meiner Anwesenheit an diesem Ort und ich berichte ihm von meinem Budō und meiner kürzlichen Begegnung mit Takeda Sokaku, die mich zu einem Besuch in Ayabe bewegt hatte. Ueshiba hört mir aufmerksam zu. “Sie sind nicht hergekommen, um sich zu messen?”, fragt er dann. “Nein, nicht vordergründig”, antworte ich, “wenngleich ich eine Herausforderung nicht ablehnen würde. Sollte die Möglichkeit bestehen, wäre ich jedoch sehr dankbar dafür, ein paar Tage lang mit Ihnen und Meister Takeda gemeinsam üben zu dürfen.” “Diese Möglichkeit besteht”, erklärt Ueshiba, “treffen Sie mich morgen früh zur sechsten Stunde im Ueshiba Juku. Ich gedenke, Sie zu prüfen, bevor ich entscheide, ob ich mit Ihnen üben möchte.” “Ja, gut”, antworte ich und bedanke mich förmlich für die mir gewährte Gelegenheit, bevor jeder von uns weiter seinen Dingen nachgeht.









