相客 (Aikyaku) – Ein Reisebegleiter
Wir sind am frühen Morgen mit der Bahn in Richtung Kyōto aufgebrochen, um dort den Inari-Großschrein zu besuchen. Voraussichtlich werden wir erst am Abend dort ankommen. Maikurofuto studiert auf dem Weg eifrig Kanji. Die Fahrt führt uns über Kitakyushu, Okayama und Himeji.
In Osaka müssen wir umsteigen. Wir teilen uns auf der letzten Etappe unserer Fahrt das Abteil mit einem anderen Reisenden. Ein Mann in den Sechzigern hat hier bereits Platz genommen. Seine Kleidung und die Schwerttasche, die im Gepäckfach verstaut ist, legen die Vermutung nahe, dass er in der Kampfkunst bewandert ist. Auch er erkennt mich als jemanden, der auf dem Schwertweg voranschreitet. Wir kommen ins Gespräch, tauschen uns über Techniken und Betrachtungsweisen verschiedener Schulen aus. Es wird eine kurzweilige Fahrt, die für meinen Geschmack viel zu schnell zu Ende ist. Die Zugdurchsage kündigt die Ankunft in Kyōto an. “Es wäre mir eine Freude, selbst einmal Zeuge Ihrer Kunst zu werden”, sage ich zum Abschied. Der alte Mann lächelt. “Das könnte möglich werden”, antwortet er, “ich werde mich in den nächsten Wochen in Ayabe aufhalten. Einer meiner Schüler hat mich eingeladen, dort zu unterweisen.” Das Dōjō, in dem er unterrichten wird, befinde sich im Baisho-en, dem “Pflaumen- und Piniegarten“, dem spirituellen Zentrum des Omoto-kyo, einer jungen Strömung des Shinto, erklärt er. “Vielen Dank für dieses Angebot. Ich werde darüber nachdenken”, erwidere ich. Dann müssen wir gehen. Der Zug fährt in unseren Zielbahnhof ein.

武田 惣角 – Takeda Sokaku
Als wir ausgestiegen sind, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das Gesicht des Mannes war mir von Anfang an irgendwie vertraut, aber ich wusste es nicht einzuordnen. Jetzt fällt es mir plötzlich wieder ein. “Weißt du, wer das war?”, frage ich Maikurofuto, doch dieser zuckt erwartungsgemäß mit den Schultern. “Das war Takeda Sokaku, der Großmeister des Daito-ryu, einer der größten Kämpfer unserer Zeit”, erkläre ich voller Ehrfurcht und Begeisterung. Maikurofuto nickt verstehend und ich meine, ein Lächeln unter seiner Maske zu erkennen. “Du willst bestimmt gerne die Gelegenheit nutzen und ihn in Ayabe besuchen”, mutmaßt er. Das kann ich nicht leugnen. “Dann mach das doch einfach”, schlägt er vor. “Aber wir haben doch eigentlich etwas anderes vor”, wende ich ein. “Ja schon”, erwidert er, “aber in erster Linie ist das meine Sache. Versteh mich nicht falsch, ich will dich da nicht ausschließen, aber es wäre schade, wenn du meinetwegen die Stimme deines Herzens ignorierst.” “Und du bist sicher, dass du mich nicht brauchst?”, frage ich. “Ich komme schon zurecht”, lenkt er ein, “im Inari-Schrein kennt man mich bereits und mein Gesicht verstecke ich einfach hinter einer dieser Fuchsmasken, die die Leute hier überall tragen. Das fällt gar nicht auf.” Tatsächlich scheinen wir zu einem besonderen Zeitpunkt nach Kyōto gekommen zu sein. Die Straße sind voll von feiernden Menschen, die im Sinne Inaris das Leben zelebrieren. Viele von Ihnen tragen Fuchsmasken. Es scheint ein wichtiges Fest zu sein.









