Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

危疑 (Kigi) – Zweifel

Ich erwache und erinnere mich an einen Traum der letzten Nacht. Ein bunter Schmetterling hatte darin meinen Weg gekreuzt. Ich folgte ihm mit meinem Blick. Der Falter flatterte der Sonne entgegen und ich konnte im Gegenlicht nur mehr seinen Schatten erkennen. Als der Schmetterling zur Erde zurück flog, hatte er sich verändert. Seine Flügel schillerten nicht mehr in den Farben des Regenbogens. Sie waren vollständig gelb geworden. 

Um zehn treffe ich auf Highclere Castle zum  allvormittäglichen Ritualtraining ein. Maikurofuto ist zurück, doch er verbirgt sein Gesicht vor uns. „Was ist passiert?“, frage ich ihn. „Es ist etwas anders gelaufen, als wir uns das gedacht hatten“, erklärt er, „der Gelbe König hat mir ein Angebot gemacht, uns bei der Bannung seines Bruders zu helfen. Ich bin darauf eingegangen, aber dafür musste ich in seinen Dienst treten… “ „Was ist mit deinem Gesicht?“, frage ich weiter, „warum verbirgst du dein Antlitz vor uns?“ „Mein Anblick ist nicht mehr so leicht zu ertragen“, fährt Maikurofuto fort, „Hastur hat mich gezeichnet.“ Ich schaue ihm fest in die Augen und versuche zu erahnen, was so furchtbar sein könne, dass er sein Gesicht verhüllen zu müssen glaubt, um uns zu schützen. „Was ist mit Mare?“, frage ich weiter, denn Maikurofuto ist allein zurück gekommen. „Ich habe sie mit dem Gelben Buch zurück geschickt, bevor ich zu ihm gegangen bin“, erklärt er, „hat sich gestern aus Berlin gemeldet. Mary-Ann ist gerade los geflogen, um sie abzuholen.“ „Berlin?“, frage ich erstaunt. „Da, wo wir das Buch gefunden haben“, führt Maikurofuto weiter aus. Ich nicke verstehend. Dann betritt Lorudo-dono den Hangar. Straff zieht er das Programm durch – unsere Koordination wird langsam besser. Nach dem Training beordert er uns in die Bibliothek. „In einer halben Stunde seid ihr alle da“, verfügt er streng und verläßt den Hangar. 

Wie von Lorudo-dono gewünscht finden wir uns also zur befohlenen Uhrzeit in der Bibliothek ein. Lorudo-dono kommt schnell zum Punkt und fasst noch einmal zusammen, was Maikurofuto von seinem Ausflug zum Planeten des König in Gelb zu berichten weiß. Die gelbe Kreide aus der Wüste Oreg-na könnte beschafft werden, aber ein paar Dinge müssten jetzt neu betrachtet und organisiert werden. „So wie sich die Situation nun darstellt kann Mr. Winterbottom seiner Aufgabe als Sicherheitsbeauftrager während des Aufenthaltes des Königs nicht mehr nachkommen. Daher wird Mr. Okumura diese Aufgabe jetzt übernehmen. Offiziell wird erklärt, dass Mr. Winterbottom aufgrund einer Erkrankung nicht zur Verfügung stehe.“ Sein Ausdruck macht deutlich, dass er diese Entscheidung getroffen hat und dass es niemandem hier im Raum zusteht, diesen Entschluss in Frage zu stellen. Es irritiert mich etwas, dass  Lorudo-dono mit einer Selbstverständlichkeit über mich verfügt, als wäre ich einer seiner Gefolgsmänner. Er hätte sich sicherlich keinen Zacken aus seiner Krone gebrochen, wenn er mich einfach gefragt hätte, ob ich diese Aufgabe übernehmen würde, doch je näher der Tag der Entscheidung rückt, desto überheblicher und entrückter erscheint mir der Lord.

Für Maikurofuto hat er nur vorwurfvolle Blicke übrig. Ich spüre, dass das Vertrauen zwischen ihnen beiden schwer erschüttert wurde. Zugegeben, ich weiß im Moment selbst nicht so recht, wie ich Maikurofutos Entscheidung einordnen soll. Seine Motivationsgründe scheinen mir durchaus klar, auch glaube ich nicht, dass er sich jemals bewußt gegen uns wenden würde, doch vermag ich nicht zu sagen, wie stark der Einfluss des Gelben Königs auf meinen Freund tatsächlich ist und ob ich in der Lage sein werde, zu erkennen, wenn der Gelbe König gesetzten Falles selbst und direkt durch ihn agieren sollte – diese Möglichkeit schließe ich nicht aus. Ich weiß auch nicht, ob und welche weiteren Ziele der Herr der gelben Stadt auf dem dunklen Planeten verfolgt, als nur seinen verhassten Brüdern eines auszuwischen und in wie weit diese uns möglicherweise betreffen. Die Tatsache, dass Maikurofuto mir sein Gesicht nicht zu zeigen wagt, streut zusätzlich Zweifel in mein Herz.

Nach einer Stunde hat Lorudo-dono seine Unterredung beendet. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg zu meinem Silverghost, um nach Curdridge zu fahren. „Warte“, höre ich Maikurofutos Stimme hinter mir, „ich würde gerne mit dir kommen.“ Ich halte inne und prüfe mein Herz. Will ich das? Ich bin mir nicht sicher…

„Ja gut“, sage ich schließlich, ohne mich dabei zu Maikurofuto umzudrehen, „du kannst mitkommen.“

Mein Freund nimmt neben mir auf dem Beifahrersitz Platz. „Ich kann verstehen, dass du zweifelst…“, sagt er. Ich starte den Motor. „… aber ich kann dir versichern, dass ich im Grunde noch der Alte bin.“ „Bist du sicher?“, frage ich. „Ja“, antwortet Maikurofuto überzeugt. 

Wir fahren eine Weile schweigend über die Landstraße. „Ich habe diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen“, bricht Maikurofuto schließlich die Stille, „ich habe das getan, um uns einen Vorteil in unserem Kampf gegen Cthulhu zu verschaffen.“ „Ich hege keinen Zweifel an deinen Beweggründen“, erwidere ich, „ich zweifle auch nicht an dir. Es ist dein neuer Herr… in ihn habe ich kein Vertrauen und ich fürchte seine Macht.“ „Hastur ist weit weg und sein Einfluss auf die Erde ist begrenzt“, versucht Maikurofuto einzulenken. Hastur… allein der Klang dieses Namen, der ihm so leicht über die Lippen kommt, läßt mich erschauern. „Weißt du das oder glaubst du das?“, frage ich forschend nach. „Ich glaube es“, antwortet Maikurofuto und revidiert dann: „Ich hoffe es…“

Auf Curdridge Hill lasse ich uns von Amanda Tee servieren. Wir wollen über die Sicherheitsmaßnahmen zum Königsbesuch auf Highclere Castle sprechen. Maikurofuto hat schon einige Vorbereitungen getroffen. Am Montag – in drei Tagen also – hat ein gewisser Austin Powers, ein Berater in Sicherheitsfragen, seinen Besuch auf Highclere Castle angekündigt. „Diesen Termin wirst du für mich wahrnehmen müssen“, erklärt Maikurofuto. Als Amanda den Tee bringt, bemerke ich, dass Maikurofuto sie eingehend mustert, interessierter als sonst. Gibt es neue Erkenntnisse zu ihrer Herkunft? Ich frage Maikurofuto danach, als Amanda den Raum wieder verlassen hat.

„Nein, das nicht“, sagt er, „ich habe sie in…“ Er hält inne, bringt seinen Satz nicht zu Ende. „Nein doch nicht“, erklärt er dann, „ich habe mich wohl geirrt.“