火災旋風 (Kasai senpu) – Feuersturm
Wir haben nun erst einmal genug Informationen gesammelt. Ein weiterer Besuch der Bibliothek scheint vorerst nicht von Nöten. So fahren wir nach dem Frühstück zurück ins Hampshire. Ich mache einen Umweg, um Lorudo-dono und Mare auf Highclere Castle abzusetzen.
Zu Hause angekommen lasse ich mir von Amanda ein zweites Frühstück bereiten und studiere die Tageszeitung. In einem Artikel wird über die für den Anfang des nächsten Jahres geplanten Europareise des japanischen Kronprinzen Hirohito berichtet, auf dessen Agenda auch ein Besuch des Vereinigten Königreichs steht. In Anbetracht der Tatsache, dass mein Name dem britischen Königshaus bereits wohlbekannt ist, denke ich ersthaft darüber nach, zu diesem Zeitpunkt möglichst weit weg von hier zu sein – nicht, dass wieder irgendjemand auf die Idee kommt, mich zu einem offiziellen Empfang einzuladen…
Ich verbringe ein paar Stunden in meinem Dōjō und widme mich meinen täglichen Übungen zur Perfektion meiner Kunst. Am Nachmittag ziehe ich mich zur Meditation in das verborgene Heiligtum zurück. Ich beobachte meine Gedanken, die unweigerlich durch die Zeit treiben. ‚Hōjō-sama!‘ Irgendjemand ruft meinen Namen aus einer weit entfernten Vergangenheit. Ich sehe noch einmal die letzten Minuten des unglücklichen Fürsten, der ich war, vor meinem inneren Auge ablaufen. Das Rot meines Blutes, das sich kreisförmig auf dem weißen Sterbegewand ausbreitet, erinnert mich an die Sonnenscheibe des japanischen Nationalsymbols. Es ist mir zuvor noch nie so klar bewußt geworden, wie nah die Farbe des [simple_tooltip content=’Sonnenscheibe‘]Hi no Maru[/simple_tooltip] der Farbe des Blutes ist, das in ihrem Namen und schon viele Jahrhunderte zuvor vergossen wurde und in Zukunft vergossen werden wird.
Ich entgleite in eine schattenhafte Vision. Vor mir erstreckt sich in einiger Distanz die Ostküste Japans. Ich befinde mich in einer erhöhten Position. Auf dem Gipfel des Fujisan? Amaterasus Sonnenscheibe erhebt sich wie ein Feuerball aus dem Meer. Sie dehnt sich aus, rollt rasend schnell und unaufhaltsam auf die Insel zu, erreicht ihre Gestande und geht dort in einer pilzförmigen Wolke auf, die sich blutrot brennend auf das Land ergießt. Sprach- und erklärungslos beobachte ich, wie meine Heimat in einem Sturm aus Feuer untergeht.
Langsam kehre ich zurück in die Wahrnehmung der stofflich erfahrbaren Welt der Gegenwart und bin voller Fragen. Untergang… Tod… Vergehen… Wird Japan am Ende an seiner eigenen Überheblichkeit scheitern? Und wie ist es wohl, wirklich zu sterben? Ob sich unser Bewusstsein beim Austritt aus der materiellen Erfahrungswelt auf eine andere Ebene versetzt? Vielleicht dorthin, wohin wir gehen, wenn wir träumen? Ist nicht der Schlaf selbst eine kleine Form des Todes und der Abschied von der Wachwelt jeden Abend eine Art des Sterbens? Ich suche nach Antworten in den Sternen, doch der projezierte Himmel bleibt stumm. Erkenntnis kann ich nur in mir selbst finden.
Am Abend steht mir der Sinn nach Zerstreuung und ich beschließe, dem Golden Dear einen Besuch abzustatten. Zu meiner Überraschung treffe ich dort meinen Nachbarn William Harrington. Noch nie habe ich ihn hier im Dorfpub gesehen. „Will“, rufe ich überrascht aus, „du hier?“ William Harrington sieht mich im ersten Moment ebenso überrascht an. Ich bestelle beim Wirt zwei Halfpints und setze mich zu meinem Nachbarn. „Wie kommt es, dass wir uns noch nie zuvor hier über den Weg gelaufen sind?“, frage ich.
„Clara sieht es nicht gerne, wenn ich trinke“, gesteht er, „schon gar nicht in einem Pub. Sie hält Orte wie diesen für ein Machwerk des Teufels.“ Weiter erklärt er: „Sie ist mit den Kindern für eine Woche Leeds zu ihren Eltern gefahren und ich habe nun ein paar Tage Narrenfreiheit.“ Grinsend hebt er seinen Bierkrug. „Cheers und gute Gesundheit“, prostet er mir zu, was ich mit einem „Kampai!“ beantworte.
Wir unterhalten uns angeregt. Will schwärmt von seinen Kindern und klagt über die Verklemmtheit und die Erwartungshaltungen seiner Gattin. Er erzählt mir, dass er in zwei Wochen – konkret am zehnten Oktober – mit ein paar Geschäftspartnern eine Golfpartie austragen wolle und lädt mich auch zu dieser Veranstaltung ein. „An diesem Tag bin ich leider schon anderweitig verpflichtet“, erkläre ich bedauernd. Will nickt verstehend. „Ach ja, richtig“, meint Will verschwörerisch grinsend,“der König kommt zu Besuch.“ Ich spiele den Ahnungslosen. „Was hat das denn mit mir zu tun“, frage ich. „Mein lieber Sanjūrō, mach mir doch nichts vor“, sagt Will, „mir ist nicht entgangen, dass ein gewisser Lord in deinem Haus ein und aus geht. In welcher Beziehung stehst du zum Earl of Carnarvon?“ Ich schlucke. Wenn sich meine Verbindung zum Britischen Adel hier im Dorf herum spricht, ist es bald vorbei mit der Ruhe auf Curdridge Hill. „Wir sind wohl auf eine groteske Art und Weise soetwas wie Freunde“, antworte ich. Anders vermag ich mein Verhältnis zu Lorudo-dono kaum zu beschreiben. „Aber bitte, hänge das nicht an die große Glocke,“ ersuche ich ihn. Will versichert mir seine Verschwiegenheit und Diskretion und ich vertraue seinem Ehrenwort.









