Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

魚と犬 (Ou to inu) – Fische und Hunde

Gut ausgeruht erwache ich in Karura-sans Gästehaus.
„Hast du Lust auf eine kleine Jagd?“, fragt mich Maikurofuto beim Frühstück. Auf meinen verständnislosen Blick hin erzählt er mir und den anderen Anwesenden, unterstützt von Lorudo-dono und Senchō, dass die ungeladenen, feuchtfüßigen Besucher wieder im Haus waren.
„Das klingt zwar eher nach einem Fischzug als nach einer Jagd“, wende ich schmunzelnd ein, „aber ich bin dabei.“ Eine gute Gelegenheit, das Mino Kanesada seiner Feuerprobe zu unterziehen, denke ich bei mir.
„‚Es ist nicht hier. Wir müssen noch einmal wieder kommen‘, haben sie gesagt“, erklärt Lorudo-dono, der sich mittels eines Zauberspruches in die Lage gebracht hatte, die blubbernden Laute der Kreaturen, welche die Sprache dieser Geschöpfe darstellen, zu verstehen, „und sie sagten auch, dass es mehr nach  Mensch rieche, als die anderen Male, die sie hier waren, und dass sie auch ganz deutlich den riechen können, der ihren Herrn und Meister geweckt hat.“ Karura-san ist etwas blaß. Ihr gefällt es nicht, dass diese Wesen aus den Tiefen des Meeres wie selbstverständlich jede Nacht in ihr Haus kommen. Wenn Lorudo-donos Übersetzung stimmte,  würden sie damit nicht aufhören, bis sie das gefunden hatten, was sie suchten. „Umso mehr ein Grund, dem Treiben Einhalt zu gebieten und die Einbrecher zu fangen und unschädlich zu machen“, argumentiert Maikurofuto. Auch Mari-chans Augen leuchten vor Begeisterung. Sie spricht davon, eines dieser Wesen lebend fangen zu wollen, um es zu erforschen. Maikurofuto, Mari-chan und ich beginnen gleich konkrete Pläne zu schmieden und überlegen laut, wie wir – wenn es uns gelänge, eine dieser Kreaturen tatsächlich lebendig zu fangen – diese halten müssten. Wovon sich so ein Wesen wohl ernähren mochte?

Im Rest unserer Gruppe sorgen unsere Pläne und Spekulationen eher für Abscheu und Widerwillen. Maikurofuto versucht, Lorudo-dono umzustimmen und argumentiert, dass ein gefangenes oder getötetes dieser „Tiefen Wesen“ den König doch womöglich von der Notwendigkeit Lorudo-donos Abwesenheit zum Zeitpunkt des Venus-Pentagramms überzeugen könne. Der König weiß nichts von Cthulhu oder einer Stadt unter dem Meer am Pol der Unzugänglichkeiten und er würde die Geschichte nicht glauben, wenn man sie ihm erzählte. Eine dieser Kreaturen – egal ob tot oder lebendig – wäre ein Beweis dafür, dass es mehr und unheimlicheres unter dem Meer gibt, als wir auch nur erahnen können. Lorudo-dono scheint einen Moment lang über diese Option nachzudenken, doch dann wendet er ein, dass er die geistige Gesundheit seines Königs lieber doch nicht aufs Spiel setzen wolle. Senchō, Mare und Karura-san stimmen ihm in dieser Hinsicht zu. „Wie Ihr wünscht, Mylord“, antwortet Maikurofuto und versucht sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Mir und Mari-chan flüstert er verschwörerisch zu: „Dann machen wir das eben ein anderes Mal.“

Senchō und Karura-san verbringen den Vormittag damit, Türen und Fenster im Erdgeschoß des Hauses mit Schnitzereien – Abbilder eines Älteren Zeichens – zu versehen. Diese sollen verhindern, dass Cthulhus Schergen erneut Zutritt zu Karura-sans Wohnsitz erlangen.

Nach dem Mittagessen machen wir einen Spaziergang zu einem nahegelegenen Hügelgrab. Auf dem Weg dorthin erzählt Lorudo-dono von seiner ersten Begegnung mit Henuri-san. Nach einem spektakulären, gerade noch glimpflich verlaufenen Beinahe-Absturz mit der Martinsyde hatte er das Hügelgrab gestreift. Der Historiker Jones, der das Grab gerade besichtigte, äußerte sich, nachdem er sich der Unversehrtheit der Flugpassagiere versichert hatte, empört über die Frevelhaftigkeit im Umgang mit alten Kulturgütern. Ich höre mir die Geschichte interessiert an. Mein Bruder hätte in so einer Situation vermutlich ganz ähnlich reagiert. Historiker sind eben  – egal welcher Herkunft – ein ganz eigener Schlag Mensch.

Wir begegnen Raymond, einem Nachbarn von Karura-san. Er hat zwei kräftige Dobermänner bei sich. Raymond und Karura-san unterhalten sich angeregt. Ich verstehe kein Französisch, aber aus Mimik und Gestik der beiden schließe ich, dass es in ihrem Gespräch um die Einbrüche in Karura-sans Haus geht. Maikurofuto interessiert sich für die Hunde und bittet Karura-san, Raymond zu fragen, wo er die Hunde gekauft habe. Raymond sei Hundezüchter und -trainer, übersetzt Karura-san dessen Antwort, und gerade vor ein paar Tagen hatte eine seiner Zuchthündinnen frisch geworfen. Wir werden eingeladen, ihn auf seinen Hof zu begleiten. 

Maikurofuto entscheidet sich für eine schwarze Hündin, die er zu einem Wach- und Schutzhund ausbilden lassen möchte. Raymond willigt ein. In einem halben Jahr sei das Weibchen alt genug, um auf ihren Herrn geprägt zu werden – dann müsste Maikurofuto für die Ausbildung des Hundes zugegen sein.

Als wir von unserem Spaziergang zurückkehren, bereiten wir uns auf den Rückflug nach England vor. Lorudo-dono und Karura-san lassen sich von Mari-chan direkt nach Highclere Castle fliegen. Maikurofuto fliegt seine Maschine nach Croyden, wo noch mein Silverghost wartet. Gegen 18:00 landen wir im Aerodrome. Senchō möchte gerne noch sein Gepäck nach Curdridge bringen, bevor wir uns wieder mit Lorudo-dono treffen, also fahren wir zunächst zu meinem Anwesen.

Dort angekommen kann ich es mir nicht verkneifen, auch Senchō und Mare die Entdeckung im Keller von Curdridge Hill zu zeigen. Als ich die Tür zum Heiligtum öffne und in den projezierten Sternenhimmel blicke, zieht es mich in Gedanken zurück in das Jahr 1590, das Jahr, in dem die Hōjō Odawara und die Kantō-Region an Toyotomi Hideyoshi verloren hatten. Ich spüre, dass diesem Ort eine gewisse Kraft inne wohnt, die sich vielleicht auch nutzbar machen läßt. Wie das allerdings zu bewerkstelligen wäre, entzieht sich noch meiner Kenntnis. 

Es ist mittlerweile fast neun Uhr und ich verspüre wenig Lust, jetzt noch einmal in das Auto zu steigen und die einstündige Fahrt nach Highclere Castle anzutreten. Meine Freunde sind einverstanden, die Nacht auf Curdridge Hill zu verbringen. Mit einem kurzen Anruf auf Highclere Castle bestätigen wir Lorudo-dono, dass wir sicher in England angekommen sind. Er bittet uns morgen zu elf Uhr am Vormittag zum Brunch auf seinem Stammsitz. Es gibt noch einiges zu besprechen.