Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

代々の秘事 (Daidai no hiji) – Familiengeheimnisse

Am vierten Tag des achten Monats im vierten Jahr der Regentschaft des Kaisers Kazuhito.

Die ersten Sonnenstrahlen klettern zunächst zaghaft über den östlichen Horizont. Von unserer Position aus können wie fast bis zum Meer sehen. Still und andächtig beobachten wir den Anbruch des neuen Tages.

„Wir sollten gehen“, sagt Ujiteru, „Hideyoshi wird in ein paar Stunden hier sein.“ Ich stimme ihm zu und so machen wir uns auf den Weg hinunter zur Burg. Ujinao ist bereits auf den Beinen. 

„Bist du bereit für deine zweite Chance?“, frage ich ihn. „Das bin ich, Vater“, antwortet er gefasst. Auch er macht den Eindruck, als hätte er in der letzten Nacht nicht viel geschlafen.

Pünktlich zur neunten Stunde erscheint Hideyoshi wie vereinbart. Ich erkläre in seiner Gegenwart Ujinao zu meinem Nachfolger und er läßt sich von meinem Sohn die Gefolgschaft schwören. Odawara und die Kantō-Region gehört nun offiziell zu seinem Gebiet. Bevor er aber dazu kommt, auch Ujiteru und Naoshige den Treueschwur leisten zu lassen, trage ich ihm meine Bitte vor. Nach ausschweifenden, jedoch im Grunde nichtssagenden Erklärungen erbitte ich ergeben seine Erlaubnis, mein Leben als Fürst und Krieger ehrenvoll beenden zu dürfen. Ujinao sieht mich bestürzt an. [simple_tooltip content=’Sehr respektvolle Anrede : Vater‘]“Otosama“[/simple_tooltip], flüstert er, während er um Fassung ringt.

Auch Hideyoshi scheint überrascht, doch auch gleichermaßen beeindruckt. Mit ehrenvollen Worten erweist er mir seinen Respekt und gewährt mir meine Bitte nach der rituellen Selbstentleibung. 

Nun ergreift mein Bruder das Wort und erklärt seinerseits, dass er nicht bereit sei, sich Hideyoshi zu ergeben und ihm die Treue zu schwören. Hideyoshi hört sich seine Ausführungen und Erklärungen ruhig an.“Es ist allein Eure Entscheidung, Ujiteru“, sagt er dann, „wenn die Vasallenschaft für Euch nicht in Frage kommt, bleiben Euch nur zwei Möglichkeiten. Sagt mir, wählt Ihr die Verbannung oder den Tod?“ Das ist keine Frage, über die Ujiteru nachdenken muss. „Erlaubt mir bitte, den letzten Weg gemeinsam mit meinem Bruder zu gehen“, bittet er. Hideyoshi Blick wandert zwischen mir und meinem Bruder hin und her als wolle er die Absicht hinter unseren Worten prüfen, doch dann verfügt er schließlich gönnerhaft: „So sei es. In sieben Tagen sollen die Brüder Hōjō Ujimasa und Ujiteru gemeinsam den ehrenvollen Tod durch Seppuku erfahren.“ Sein Blick richtet sich nun auf Naoshige. Auch ihn hat mein Entschluss ziemlich unvorbereitet getroffen, doch er entscheidet sich ohne Umschweife für ein Leben im Dienste des Eroberers.

Nachdem auch Naoshige Hideyoshi die Gefolgschaft geschworen hat, richtet Hideyoshi das Wort wieder an mich. Er erklärt mir, dass er in seinem Lager einen Gefangenen hätte, einen Shinobi. Fūma Kotarō sei sein Name. Ich erkläre, dass der Mann zu meiner Gefolgschaft gehöre. Es ist kein Geheimnis, dass die Fūma den Hōjō schon seit drei Generationen dienen. Hideyoshi will wissen, ob auch die Fūma in seinen Dienst treten werden. „Darüber müsst Ihr mit Kotarō sprechen“, sage ich, „ihr wisst selbst, dass die Shinobi ihrem eigenen Kodex folgen.“ Selbstverständlich weiß Hideyoshi das, doch die Enttäuschung darüber, dass ich offenbar überhaupt keinen Einfluss auf Fūma Kotarōs Entscheidung habe, ist ihm anzusehen. Tatsächlich ist es so, dass Kotarō, wenn es mein Wille wäre, wirklich in Hideyoshis Dienst treten würde, aber warum sollte ich Hideyoshi diesen Gefallen erweisen?

Nachdem alles geregelt ist und Hideyoshi die Burg wieder verlassen hat, suche ich das Gespräch mit meinem ältesten Sohn, nicht ohne mich zuvor von meinem Bruder zu verabschieden. Ujiteru will nach Edo auf seine Burg zurückkehren. Er hat seine Familie seit einem halben Jahr nicht gesehen und will die letzte Tage seines Lebens mit seiner Frau und seinen Kindern verbringen. „Auch wenn ich wenig Lust auf das Jammern und Lamentieren der Frauen verspüre“, meint er, „wir sehen uns in einer Woche.“

Als ich schließlich mit meinem Sohn alleine bin, frage ich ihn, wie es ihm mit unserer Situation ginge. Er schweigt eine ganze Weile, scheint seine Gedanken zu sortieren, bevor er schließlich sagt: „Es ist alles meine Schuld. Ich hätte uns viel Leid erspart, wenn ich vor einem halben Jahr nicht so lange gezögert und auf dich gehört hätte.“
„Du wolltest es eben auf die harte Tour lernen“, antworte ich, wende dann aber ein, „sei nicht zu streng mit dir. Kein Mensch ist frei von Fehlern. Und letztlich ist es besser ausgegangen, als wir hätten erwarten dürfen.“
„Du hast leicht reden“, erwidert Ujinao, „für dich ist all das in ein paar Tagen vorbei. Ich muss zusehen, wie ich jetzt mit der Sache zurecht komme.“ Er hält einen Moment inne, bevor er fortfährt: „Ich wünschte, ich wäre auch so mutig wie du.“
„Vielleicht hat das mit Mut gar nicht so viel zu tun“, sinniere ich, „vielleicht ist es sogar mutiger, das Leben zu wählen.“
Ujinao sieht mich skeptisch an. „Und warum hast du dich dann entschlossen, zu sterben?“
„Nicht, weil ich damit Mut beweisen will“, antworte ich, „ich bin alt und müde und sehne mich nach Ruhe und Frieden. Das ist alles.“

Wir gehen eine Weile schweigend nebeneinander her. Dann bricht Ujinao die Stille und fragt: „Glaubst du, dass du Mutter auf der anderen Seite wiedersehen wirst?“
„Darauf ruht meine Hoffnung“, antworte ich, „es hat mir das Herz gebrochen, als dein Großvater sie fortschickte.“
„Das kann ich mir kaum vorstellen“, sagt Ujinao, „du hast damals kalt, hart und gefühllos gewirkt, als würde dich das alles nicht berühren.“
„Das war nur der äußere Eindruck“, erkläre ich, „in meiner Position durfte ich keine Schwäche zeigen.“ Es ist das erste Mal, dass ich mit jemandem außer meinem Bruder darüber spreche, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich erzähle meinem Sohn die ganze Geschichte bis hin zur Erfüllung meiner Rache, die mir aber auch keine Befriedigung verschaffen konnte. Ujinao hört mir aufmerksam zu.

„Es tut mir leid, dass du so viel ertragen musstest. Ich habe nicht gewusst, dass du so viel Schmerz in dir trägst“, sagt er, als ich meine Geschichte beendet habe.
„Das muss es nicht“, erwidere ich, „ich habe dir diese Geschichte nicht erzählt, weil ich den Mitleid will. Vielmehr möchte ich dir vor Augen führen, wie glücklich du dich schätzen kannst. Was ist mit Tokuhime? Liebst du deine Frau?“ Ich kenne die Antwort auf diese Frage bereits, aber ich will sie jetzt aus dem Munde meines Sohnes hören.
„Selbstverständlich“, antwortet er, „ich kann mir keine bessere Frau vorstellen.“
Nichts anderes hatte ich erwartet. „Wenn es dir in irgendeiner Form wichtig ist, das Andenken deines Vaters zu bewahren, erhalte dir dieses Glück“, sage ich.
„Das werde ich, Vater“, verspricht er mir, „aber ich würde dich auch gerne noch um etwas bitten.“
„Dann sprich“, fordere ich ihn auf.
Zu meiner Verwunderung geht mein Sohn nun vor mir in die Knie. „Bitte gewähre mir die Ehre, dein [simple_tooltip content=’Sekundant bei der rituellen Selbstentleibung‘]Kaishaku-nin[/simple_tooltip] zu sein,“ sagt er und verharrt in seiner Demutsstellung.
„Steh auf, Ujinao“, antworte ich, „du hast es nicht nötig, vor mir im Staub zu kriechen. Ich hätte dich ohnehin gefragt, ob du diese Aufgabe übernehmen willst.“

Nach diesem Gespräch fühle ich mich wirklich erleichtert. Auch Ujinao macht den Eindruck, als wäre eine schwere Last von ihm genommen worden. Ujiteru hatte recht. Es war wichtig, das zu klären.

„Dono, da seid Ihr ja, ich habe Euch gesucht.“ Es ist Tanaka-san, der nach mir ruft. Hideyoshi hatte ihm aufgetragen, die Bestände und Vorräte auf Odawara-jō zu dokumentieren. „Was soll mit dem Burgschatz geschehen? Sollen wir etwas zurückhalten – für schlechte Zeiten?“ Das ist keine schlechte Idee. „Ja“, antworte ich, „nehmt die Hälfte und vergrabt sie irgendwo.“

Um die
Mittagszeit sucht mich ein Bote Hideyoshis auf. Eine Frau übermittelt mir seinen Wunsch nach einer gemeinsamen Teezeremonie, um mir seine Ehre zu erweisen. Er schlägt vor, am heutigen Abend mit seinem Teemeister Furata Oribe auf die Burg zu kommen. Mir gefällt die Idee und ich lasse ihm ausrichten, dass ich ihn zum vorgeschlagenen Zeitpunkt erwarte.

Hideyoshi erscheint am Abend auf Odawara-jō. Nach einer respektvollen Begrüßung begeben wir uns zum Teehaus, das idyllisch im Burggarten gelegen ist. Während Furata den Tee bereitet – bedacht auf höchste Perfektion – unterhält sich Hideyoshi ruhig mit mir. Wir plaudern über alte Zeiten, Missverständnisse und die Irrwege des Lebens. Ich habe den Eindruck, dass er mir eine tiefere Vertrautheit entgegen bringt – oder suggeriert – als angemessen wäre, doch ich versuche, mein Misstrauen zu verbergen. Schließlich fragt er nach einem Schrein, der sich auf Odawara-jō befinden soll.

„Wir haben hier einige Schreine und Heiligtümer“, antworte ich und beginne die vier allgemein bekannten Heilgen Stätten auf der Burg und ihre Funktion aufzuzählen. „Nein, davon ist es keiner“, meint Hideyoshi, „gibt es nicht einen verborgenen Schrein hier? Mit einem Schwert?“

Daher also weht der Wind! Ich lasse mir nichts anmerken und antworte ruhig: „Davon weiss ich nichts.“ Hideyoshi scheint mir zu glauben und bemerkt nicht, dass ich innerlich triumphiere.