仲立人 (Nakadachi-nin) – Der Unterhändler
Am zweiten Tag des achten Monats im vierten Jahr der Regentschaft des Kaisers Kazuhito
Ich komme nicht zur Ruhe in dieser Nacht. Erst in den frühen Morgenstunden – es wird schon fast wieder hell – übermannt mich schließlich doch die körperliche Erschöpfung. Kaum dass ich etwas eingenickt bin, werde ich auch schon wieder geweckt. Ein Bote läßt ausrichten, dass Yokai Tomoko, ein Unterhändler Hideyoshis, eine Audienz bei mir wünscht. „Tomoko?“, frage ich ungläubig, „das ist ein Frauenname. Bist du sicher?“ Der Bote bestätigt das. Das überrascht mich doch sehr. Mir war nicht klar, dass Hideyoshi so wenig von uns hält, dass er eine Frau schickt, um mit uns zu verhandeln – ein klarer Akt der Provokation. Doch ich bin nicht in der Position, sie abzuweisen. Dies ist vielleicht unsere letzte Chance auf einen Frieden. „In Ordnung“, sage ich schließlich, „lasst sie vor. Und informiert meinen Bruder und meine Söhne. Sie sollen bei den Gesprächen dabei sein.“
Auf dem Weg zum Empfangssaal stoße ich um ein Haar mit meinem Burgverwalter zusammen. Tanaka-san entschuldigt sich unnötig umständlich für seine Unaufmerksamkeit, obwohl ich es war, der gedankenverloren beinahe in ihn hinein gestolpert ist. „Beruhigt euch, Tanaka-san“, sage ich, „greift euch Papier, Feder und Tinte und kommt mit mir. Ich brauche einen Protokollanten.“ Tanaka-san verharrt in der gebeugten Stellung, in der er sich gerade befindet. „Hai, Hōjō-sama“, antwortet er fest und deutlich.
Als Yokai Tomoko eintrifft, geht ein Raunen durch unsere Reihen. „Was denkt er sich dabei, eine Frau zu schicken“, flüstert Ujiteru mir zu. Ich gebe meinem Bruder wortlos zu verstehen, dass das jetzt nicht von Bedeutung ist.
„Mein Fürst bietet Euch die Gelegenheit zur Kapitulation ohne weiteres Blutvergießen“, trägt Yokai Tomoko mir die Nachricht ihres Herren ohne Umschweife vor. Im Grunde ist es auch das, was ich will, aber Kotarō ist noch da draußen und versucht, seine Mission zu erfüllen. Wenn ich es geschickt anstelle, kann ich ihm vielleicht noch etwas Zeit verschaffen.
„Ich bin bereit, mit Eurem Fürsten zu verhandeln“, sage ich, „morgen Abend, hier in unseren Gemäuern.“ Die Unterhändlerin sieht mich empört an. „Ihr stellt Bedingungen?“, fragt sie entrüstet, „Einen Waffenstillstand – für 36 Stunden?“ „Genau dies“, bestätige ich. Yokai Tomoko scheint nicht zufrieden zu sein. „Euch ist aber schon klar, in welcher militärischen Situation Ihr Euch befindet?“, fragt sie provokant. Was soll das jetzt werden? Will sie mich der Dummheit bezichtigen? Versucht sie uns zu drohen? Mit welchem Recht? „Mir ist unsere Lage durchaus bewußt, doch seid Ihr Euch Eurer Rolle klar?“, frage ich streng, „Ihr habt ein ziemlich loses Mundwerk für Euren Stand. Es wundert mich, dass Euer Kopf da noch auf Euren Schultern sitzt. Ich verhandle nur mit Hideyoshi, und zwar in 36 Stunden“, stelle ich klar. Die Unterhändlerin zögert. Sie scheint zu überlegen und abzuwägen, ob sie uns noch weiter provozieren sollte. Dann entscheidet sie sich aber wohlweislich dagegen. „Ich werde meinem Fürsten euren Wunsch ausrichten, aber ich kann euch nicht versichern, dass mein Herr diesem Wunsch entsprechen wird“, sagt sie. Dann empfiehlt sie sich und verlässt die Burg.
„Glaubst du, Hideyoshi läßt sich auf den Waffenstillstand ein?“, fragt mich Ujiteru, nachdem sie gegangen ist. „Ich weiß es nicht“, antworte ich ehrlich, „ich appelliere an seine Kriegerehre, aber wir sollten trotzdem auf alles gefasst sein.“
Ich lasse Yasuke zu mir kommen. Ich mache mir Sorgen um Kotarō. Yasuke und die anderen Shinobi, die mit auf unserer Burg sind, sollen Erkundungen einholen und herausfinden, was mit ihrem Anführer geschehen ist.
Der Tag vergeht ohne eine weitere Nachricht – nichts von Yasuke, nichts von Kotarō, nichts von Hideyoshi. Auch weitere Angriffe bleiben aus, dennoch bleibe ich angespannt. Die Ungewissheit zerrt an meinen Nerven.









