小田原城 (Odawara-jō) – Die Burg Odawara
Ich schlafe tief und traumlos und erwache ausgeruht am zeitigen Morgen. Um 8:30 kommt Dr. Wilson in Begleitung einer Krankenschwester, um meinen Heilungsprozess zu begutachten. Die Verletzung verheilt gut, meint er, und lässt mir von Schwester Iris einen frischen Verband anlegen. Ich solle mich noch ein paar Tage schonen, sagt er, dann würde ich bald wieder voll genesen. Er überlässt mir noch ein paar Pillen gegen die Schmerzen. „Ich glaube nicht, dass ich die brauchen werde“, wende ich ein. Dr. Wilson schaut mich prüfend an. „Nur für den Fall der Fälle“, meint er.
Nachdem sich Dr. Wilson und Schwester Iris verabschiedet haben, fällt mir ein Umschlag auf der Kommode in meinem Foyer auf. Es ist Post aus Fernost – ein Brief von meinem Bruder. Er schreibt mir vom Verkauf einer Parzelle in der Präfektur Kanagawa im Jahre 1892, auf denen damals die Überreste der Burg Odawara standen. Dieses Grundstück hatte Reginald Fletcher erworben und ungewöhnlicher Weise nach zwei Jahren wieder verkauft.
Odawara-jō wurde im 13. Jahrhundert während der Kamakura-Zeit, in welcher die Geschicke Japans vom Shogunat unter der Herrschaft des Hōjō-Klans geleitet wurden, errichtet. Während der Sengoku-Epoche, der „Zeit der streitenden Staaten“, war die Festung in den Händen des Klan der „Späteren Hōjō“ (Go-Hōjō), deren zweites Oberhaupt durch Heirat den prestigeträchtigen Namen und das Wappen des alten Hōjō-Klans übernehmen konnte. Am Ende der Sengoku-Zeit herrschte der Daimyō Hōjō Ujimasa auf Odawara-jō. Zusammen mit den Takeda und den Imagawa bildeten die Go-Hōjō den „Dreipakt des Ostens“. Hōjō Ujimasa gilt als einer der erbittertsten Widersacher der Männer, die als die drei Reichseiniger in die Geschichte des Landes eingehen sollten: Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu. Hōjō Ujimasa siegte in großen Kriegen etwa gegen den Uesugi-Klan, welcher traditionell konkurrenzbedingt stets auf Kriegsfuß mit den Go-Hōjō stand. Zuletzt jedoch mußte sich die Hōjō nach einer sechs Monate andauernden Belagerung durch die Truppen Toyotomis geschlagen geben. Odawara-jō wurde von Toyotomi eingenommen und das von den Hōjō kontrollierte Gebiet an ihn übergeben. Hōjō Ujimasa musste nach der Niederlage Seppuku begehen.
Die Überreste von Odawara-jō sind es also, die das Fundament von Curdridge Hill bilden – ein geschichtsträchtiger Ort.
Nachdem ich Yukios Brief gelesen habe, gehe ich in die Küche und mache mir einen Tee. Dort treffe ich Amanda. Ich suche das Gespräch mit ihr, versuche herauszufinden, woher sie kommt. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, sagt sie, hat ihre Mutter nie kennengelernt – sie war kurz nach Amandas Geburt gestorben – und wuchs allein bei ihrem Vater auf. Ich frage sie, ob sie Verwandte in Berlin hätte, was sie aber verneint. Amanda meidet, während wir reden, den Blickkontakt mit mir – entweder ist es ihr unangenehm, dass ich sie über ihre Herkunft befrage oder aber sie verschweigt mir etwas anderes.
Ein Bote bringt ein Telegramm. Engineer Watson informiert mich, dass die Bauarbeiten morgen beginnen können und bittet mich, ihm mitzuteilen, wann er mit seinen Männern vor Ort sein solle. Ich gebe dem Boten vom Telegraphenamt direkt meine Antwort mit und bestelle Watson und seine Kollegen zum 13.09. um acht Uhr nach Curdridge Hill. Ich lasse auch meinen Freunden auf Highclere Castle ausrichten, dass die Arbeiten morgen beginnen sollen.
Am Nachmittag mache ich einen Spaziergang durch meinen Garten. Es ist warm und sonnig. Familie Harrington hat sich im Außenbereich ihres Wohnsitzes zum Sonntagstee niedergelassen und nutzt diesen einen der letzten freundlichen Tage des Jahres für den Aufenthalt im Freien. Ich grüße freundlich und frage, ob Kuro, der von ihnen Night gerufen wird, wieder zurück gekommen sind. Das sei nicht der Fall, bedauert William Harrington. Oliver macht ein bedrücktes Gesicht. „Wenn Night nicht zurück kommt, finden wir eine neue Katze für dich“, tröstet ihn seine Mutter. Clara Harrington ist mir gegenüber noch immer etwas skeptisch, jedoch gibt sie sich wirklich Mühe, ihre tief verwurzelten Vorurteile und Ängste zu überwinden und mich als einen ganz gewöhnlichen Menschen zu betrachten und zu behandeln.
Am frühen Abend klingelt das Telefon. Es ist Maikurofuto. Ich bin hocherfreut, seine Stimme zu hören, frage, wie es ihm geht und ob er schon Besuch empfangen könne. „Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du heute Nacht für mich ein Zimmer in deinem Haus frei hast“, sagt er aber, „Ich will auf jedem Fall dabei sein, wenn du morgen dein ‚Burgverlies‘ öffnen lässt.“ Ich willige ein, frage noch, ob ich ihn abholen soll. Das wäre nicht nötig, meint Maikurofuto, er würde sich fahren lassen.
Etwa eine Stunde später läutet es an der Tür. Maikurofuto steht davor, im Rollstuhl sitzend, der von einer jungen mir unbekannten Dame geschoben wird, wahrscheinlich seine Krankenschwester.
„Du hättest mir auch sagen können, dass du jemanden mitbringst“, sage ich, „dann hätte ich Amanda noch das zweite Gästezimmer herrichten lassen.“ „Mach dir keine Umstände, wir brauchen kein zweites Zimmer, nicht wahr, Liebling?“, meint Maikurofuto mit Blick zu der Frau. Liebling? Jetzt bin ich verwirrt. „Sanjūrō, darf ich dir Doktor Kare Asen Nidelven vorstellen?“, sagt Maikurofuto. Die Dame, die Maikurofutos Rollstuhl schiebt, nickt mir freundlich zu. Nidelven? Kare? Es dauert ein paar Sekunden, bis bei mir der Groschen fällt, dann aber erwidere ich erfreut: „Es ist mir eine Ehre, Dr. Nidelven.“
Dafür, dass Maikurofuto gestern noch fast gestorben wäre, wirkt er heute schon wieder recht munter. Ich frage ihn, ob seine schnelle Genesung auf die gute Pflege und Fürsorge von Dr. Nidelven zurückzuführen sei, was er aber nur zum Teil bestätigt. Er hatte im Traumland, so berichtet er, einen Heiltrank aus einer Pflanze, die „White Magic“ genannt wird, zu sich genommen. Zwei weitere Tränke seien bei Esme in Canas in Auftrag gegeben worden. Im Traumland war er Senchō begegnet und hatte ihn über den ungünstigen Zwischenfall in Tegel unterrichtet und weitere Neuigkeiten ausgetauscht.










