Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

競売 (Kyōbai) – Die Versteigerung

Die Sonne ist gerade dabei, aufzugehen, als ein kurzer aber heftiger Windstoß die nur angelehnten Fensterladen lautstark aufwirft und so meiner Ruhe unsanft ein Ende setzt. Murrend stehe ich auf und schließe das Fenster, bevor ich hinunter in die Küche gehe und mir einen Tee bereite. Schon nach dem ersten Schluck hebt sich meine Laune deutlich. Ich lasse mich in der Kaminecke meines Esszimmers nieder, und beobachte, während ich meinen Tee genieße, wie die Morgensonne meinen Garten Stück für Stück in ein rotgoldenes Licht taucht. Auf dem Tisch vor mir liegt der Brief, den ich gestern abend an meinen Vater geschrieben habe. Der Umschlag ist noch nicht verschlossen und so füge ich „Post Scriptum“, wie man hier sagt, noch paar Sätze hinzu: „Auch ich habe in der letzten Nacht geträumt. Es gab Ähnlichkeiten mit dem, was du beschrieben hast, doch an der Stelle, an der du aufgewacht bist, träumte ich weiter. Dem Jungen Haruka wird nichts geschehen. Ein Krieger wird kommen, ihn befreien und ihm seine Angst nehmen. Sein Name ist Sanjūrō.“

Es ist mittlerweile halb acht geworden. Eigentlich passt es mir ganz gut, dass ich heute so früh geweckt worden bin. Bis Glastonbury, wo heute die Auktion stattfindet, werde ich gut und gerne zweieinhalb Stunden brauchen. Wenn ich jetzt losfahren, habe ich genug Zeit, unterwegs noch irgendwo zu frühstücken. Maikurofuto ist noch nicht zurück. Bevor er und Senchō gestern zum Flughafen nach Croyden gefahren sind, gab es eine kurze Diskussion. Senchō wollte nur ungern im Beiwagen mitfahren, außerdem würde sein Reisegepäck wohl kaum auf die Harley passen, also habe ich kurzerhand den Silverghost zur Verfügung gestellt. Es bleibt mir jetzt also nur, mit dem Motorrad nach Glastonbury zu fahren.

Ich fahre gemütlich und komme gegen halb elf in der Stadt, in der sich König Artus‘ Grab befindet, an. Erinnerungen an meinen letzten Besuch werden wach. Vor meinem inneren Auge sehe ich Menschen in wallenden Gewändern lachend zu fremdartiger Musik durch die Straßen tanzen. Dort ist eine Gruppe von Frauen. Ich kenne sie. Eine von ihnen lächelt mich an. Es ist Maria… Ich erinnere mich jetzt deutlich. Wir sind uns auf der Burg Wildenberg nicht zum ersten Mal begegnet.

Vor dem Landhaus, in dem die Versteigerung stattfinden soll, treffe ich Lorudo-dono und Mare. Kurz bevor die Versteigerung beginnt fährt mit quietschenden Reifen der Silverghost vor. Maikurofuto hat es gerade noch rechtzeitig geschafft. Er hat einen von Senchō übersetzten Artikel aus einer norwegischen Zeitung dabei. Darin wird berichtet, dass eine Nachricht von Finley Llanworth, seinerzeit erster Offizier an Bord der Arumina, als Flaschenpost an die neuseeländische Küste gespült worden war. Lorudo-dono nimmt diese Nachricht mit sichtlicher Besorgnis auf.

Außer ein paar Möbeln, Büchern, zwei Pferden, einem Jagdgewehr, einer einfachen Flöte und diversem anderem Krimskrams befindet sich unter den zur Auktion stehenden Dingen auch eine Schatulle, die einen kleinen mit metallisch glänzenden Steinen gefüllten Glasbehälter enthält. Lorudo-dono ersteigert eine Kommode, Maikurofuto bietet auf zwei Pferde und erhält den Zuschlag. Nun kommt die Flöte unter den Hammer. Zunächst werden nur Penny-Beträge geboten, bis plötzlich ein Mann, der mir vorher noch gar nicht aufgefallen ist, mit zehn Pfund mit einsteigt. Ich bemerke ein leichtes Blitzen in Maikurofutos Blick. Das Jagdfieber hat ihn gepackt. Ohne mit der Wimper zu zucken bietet er elf Pfund. Der andere hält mit. Als das Gebot bei fünfzehn Pfund steht, bietet Maikurofuto zwanzig. Der Fremde murrt verärgert und macht sich wieder auf den Weg nach draußen. Ich folge ihm unauffällig und beobachte, wie er in ein wartendes Auto steigt, das auch gleich fort fährt. Ich versuche mir die Gesichter und das Fahrzeug gut einzuprägen, gehe dann wieder zurück in den Auktionsraum. Mare erhält gerade den Zuschlag für die Schatulle mit dem seltsamen metallischen Material. Später ersteigert sie noch eine Wäschetruhe.

Nachdem die „Beute“ verladen wurde, brechen wir auf in Richtung Newbury und erreichen pünktlich zum Tee Lorudo-donos Anwesen. Maikurofuto sieht mitgenommen aus und auch Lorudo-dono macht einen gequälten Eindruck. Schlechte Träume und Verfolgungswahn treiben beide um. „Habt ihr auch Träume“, fragt Maikurofuto in die Runde. „Ja, habe ich“, antworte ich, „wenngleich auch weniger erschreckend.“ Ich erzähle von meinem Traum, in dem ich in der Rolle des Susanō die achtköpfige Schlange Yamata no orochi überlistet und bezwungen habe. Seltsam sei, und auch das berichte ich, dass diese Erlebnisse den Beschreibungen eines Traumes, von dem mein Vater mir geschrieben hatte, auffällig ähneln. 

Lorudo-dono und Maikurofuto ziehen sich heute früh zurück. Ich plaudere noch ein wenig mit Mare, frage sie über den Säbel aus, den sie mir nachdem ich meiner Sachen vor den Toren der Burg Wildenberg abhändig geworden war, in die Hand gedrückt hatte. Die Waffe machte auf mich einen antiken Eindruck. Ob das ein Familienerbstück sei, möchte ich wissen. Das bestätigt sie. Mare entstammt also einem Kriegergeschlecht. Sowas hatte ich geahnt. Ihr Feuer und ihr Temperament kommen nicht von ungefähr. Vielleicht sollte ich sie zu meiner Schülerin machen… Auf dem Heimweg denke ich noch weiter darüber nach.