Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

明治三十二年間に (Meiji sanjūni nenkan ni) – Im Jahre Meiji 32

Unterhalb der Etage, auf welcher wir mit unseren Booten gelandet sind, stoßen wir auf weiteren Raum. Ein Großteil des Raumes wird durch ein Becken belegt, das bis zum Rand mit einer transparenten Flüssigkeit gefüllt ist. Vielleicht ist es Wasser, vielleicht etwas anderes. Ich will das jetzt nicht näher untersuchen. Am Beckenrand sind an einigen Stellen Überläufe zu erkennen, durch welche die Flüssigkeit bei steigendem Wasserspiegel – etwa wenn man dort etwas hinein würfe – gezielt abfließen könnte. 

Wir schenken dem Becken keine weitere Beachtung und folgen weiter der Treppe nach unten. Wir erreichen schließlich den Grund und finden uns in einer Schlucht aus Gesteinsquadern wieder. Einige Meter über uns erkennen wir das Meer, doch hier unten ist es trocken und wir können atmen – als wäre eine Kuppel über diesen Ort, der gut drei- bis viertausend Meter unter der Wasseroberfläche liegen dürfte. Links und rechts von uns ragt eine Reihe etwa vier Meter hoher Monolithen empor. Die Oberfläche wirkt wie dunkles Glas. Im Vorbeigehen erkenne ich mein Spiegelbild und ich sehe noch etwas: Einen jungen Soldaten der Kaiserlich Japanischen Armee im August des Jahres [simple_tooltip content=’nach der internationalen Jahresrechnung 1900′]Meiji 32 [/simple_tooltip] in Tainjin, China, in seiner Hand ein blutgetränktes [simple_tooltip content=’Japanisches Militärschwert in der Post-Samurai-Ära‘]Guntō[/simple_tooltip], zu seinen Füssen zwei tote Männer. Einem wurde der Schädel mit einer Axt gespalten. Sein Kopf ist derart zertrümmert, dass sein Gesicht nicht mehr zu erkennen ist. Der Uniform nach war er ein japanischer Soldat. Bei dem anderen klafft eine tiefe von einer scharfen Klinge verursachte Wunde in der Brust. 

Verwundert betrachte ich diese Bilder. Ich verstehe ihre Bedeutung nicht, aber irgendwie spüre ich, dass das etwas mit mir zu tun hat. Diese Bilder lösen eine seltsame Beklemmung in mir aus. Auch Finlay ist auffällig in sich gekehrt, während er die Reflexionen der Monolithenwände betrachtet. Plötzlich durchfährt mich etwas wie ein Blitzschlag und ich erkenne schlagartig, dass ich dieser junge Gefreite bin. Eine wohlweislich tief in mir verschlossene Erinnerung dringt brutal in mein Bewußtsein.

Es war der 14. Juli des Jahres 1900, des 32. Jahres des Tennō Meiji. Ich war im Alter von zwanzig Jahren als frisch gebackener Gefreiter mit dem zweiten Internationalen Expeditionskorps nach China gekommen. Unsere Einheit sollte die Truppen der Vereinigten Acht Staaten, einer Allianz zwischen Russland, dem Vereinigte Königreich, Frankreich, den Vereinigten Staaten, dem Deutschen Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Italien und Japan, verstärken. Heute nun endlich, nachdem die Izumi bereits sechs Tage vor der chinesischen Küste kreuzte, erhielten wir unseren Landungsbefehl. Ich war am Abend mit einem Kameraden auf Patrouille. Ich mochte den Kerl. Ich glaube, wir waren sogar ziemlich gut befreundet. Wie war doch gleich sein Name? Ja, richtig… Takana, Takana Naoki.

Tainjin war bei unserer Ankunft bereits an die Truppen der Vereinigten Acht Staaten gefallen. Die Stadt lag in Trümmern. Die Spuren der vorangegangenen Kämpfe waren nicht zu übersehen. Überall roch es nach Feuer, Tod und Verwesung. Es war mein erster Einsatz in einem Krieg, und dieser war noch nicht einmal als ein solcher deklariert worden. Wir waren hier, um in China für Recht und Ordnung zu sorgen und den ausländerfeindlichen Aktivitäten der Boxerbewegung Einhalt zu gebieten. Fukoku kyōhei – Reiches Land, starke Armee… Diesen Leitsatz, den Tennō Meiji unserer Nation auf die Fahnen geschrieben hatte, hatten wir alle verinnerlicht.

Naoki und ich hatten den Auftrag, im Ostbezirk der Stadt in Koordination mit anderen Einheiten aufkeimende feindliche Aktivitäten aufzuspüren und zu beseitigen. Dieser Teil der Stadt war von den Kämpfen relativ verschont worden. Die meisten Häuser – vor allem Wohnhäuser und Geschäfte – standen noch. Hinter den Fenstern konnte man vereinzelt Bewegung erkennen. Auf den Straßen war es still. Kaum ein Einheimischer wagte sich hinaus. Plötzlich ertönt ein markerschütternder Schrei hinter uns. Bevor ich begreife, was passiert, sehe ich, wie Naokis Schädel von einer herbeifliegenden Axt zertrümmert wird und mein Kamerad zu Boden sinkt. Ein wutentbrannter Chinese stürmt auf mich zu und zückt ein Messer. [simple_tooltip content=’Übersetzung (wörtlich): „Chinesischer Dämon“‚]“Chunkō no Akuma“[/simple_tooltip], brülle ich, ziehe mein Guntō, stürme auf ihn zu und versetze ihm eine tiefe Schnittwunde quer durch seinen Oberkörper, verletze dabei lebenswichtige Organe. Der Mann spuckt Blut und bricht zusammen. Voller Missgunst und Verachtung sieht er mich an, während er zu meinen Füssen stirbt. Mich erfüllt die gleiche Abscheu ihm gegenüber. Er hat meinen Kameraden, meinen Freund, getötet. 

Ich besinne mich und fordere über Funk Verstärkung an, da entdecke ich einen kleinen Jungen – vielleicht vier Jahre alt – der aus einem Hauseingang stumm zu mir hinüberblickt. „Hey, ist alles in Ordnung?“, rufe ich ihm in Mandarin zu. Der Junge blickt mich verwundert an. „Warum schläft mein Papa auf der Straße?“, fragt er ahnungslos mit Blick auf den toten Chinesen vor mir am Boden. Ich schlucke. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. „Ich… ähm… er…“, stottere ich. „Meine Mama schläft auch“, sagt der Junge, „schon sehr lange. Sie ist im Haus. Kannst du mir helfen? Vielleicht kannst du sie aufwecken…“ Ich zögere eine Weile. Will ich wirklich wissen, was sich hinter den Wänden dieser Hütte verbirgt? „Bitte hilf mir. Mama muss mir Essen machen“, fleht der Junge und so folge ich ihm, wenngleich ich nichts Gutes zu entdecken erwarte. 

Es dringt kaum Licht in das kleine einstöckige Haus. Der Junge führt mich in eines der Zimmer. Auf dem Bett liegt regungslos eine Frau. Die Luft riecht irgendwie eisenhaltig. Der Unterleib der Frau ist entblößt und im schummerigen Licht der Abendsonne, das durch ein kleines Fenster in den Raum fällt, erkenne ich dunkle Streifen und Flecken geronnenen Blutes an ihrem Hals und ihren Schenkeln. Es bedarf keiner besonders großen Vorstellungskraft um sich zusammen zu reimen, was hier passiert ist. Ich frage mich, wer zu soetwas fähig sein könnte, als der Junge sagt: „Heute nachmittag sind Männer gekommen, die so angezogen waren, wie du. Sie haben mit Mama gestritten. Mama hat mich rausgeschickt zu spielen und als ich wiederkam hat sie geschlafen. Weißt du, was mit ihr ist? Ist sie vielleicht krank?“ 

[simple_tooltip content=’japanischer Militärrang: Gefreiter‘]“Tohei“[/simple_tooltip], höre ich draußen jemanden rufen, „Okumura-tohei!“ Es ist Otsuka-[simple_tooltip content=’japanischer Militärrang: Korporal, Hauptgefreiter‘]Gochō[/simple_tooltip]. Ich lasse den Jungen stehen und stelle mich meinen Aufgaben. Salutierend begrüße ich den Korporal und erwarte seine Befehle. Mein Vorgesetzter verlangt einen Bericht über den Vorfall, den ich ihm auch liefere. Ich erkenne aus dem Augenwinkel, dass der Junge mich beobachtet, während ich meinen Rapport abgebe. Zwei meiner Kameraden sind mit einem Leichensack angerückt und verstauen Naokis sterbliche Hülle für die Überführung in die Heimat. Ein anderer Gefreiter wird abgestellt, um mit mir gemeinsam die Patrouille fortzusetzen. Niemand interessiert sich für den Jungen, den toten Chinesen und seine Frau.

Ich hatte diese Erinnerung verdrängt – auch all die anderen Unmenschlichkeiten, die ich in den folgenden Monaten während der „Strafexpedition“ gegen die Boxer zu Gesicht bekam. Noch immer schockiert es mich, wie leicht Soldaten – Menschen – einer Kultur, die sich selbst als zivilisiert und fortschrittlich begreift, zu Bestien werden können. Ich habe mich nie an den Morden, Plünderungen und Misshandlungen an Zivilisten beteiligt, ich habe aber auch nichts dagegen unternommen. Der Dämon wo
hnt in jedem von uns – auch in mir kann er jederzeit zu Tage brechen. Das wurde mir damals bewußt. Ich konnte all das nur mit Alkohol ertragen und wenn ich es recht bedenke, gab es seitdem keinen Tag mehr, an dem ich mich nicht dem Sake, dem Gin oder anderem den jeweiligen Umständen angemessen mehr oder weniger intensiv hingab.