祭殿 (Saiden) – Heiligtum
Ich werde unsanft von lautem Kindergeschrei geweckt. Es ist noch nicht einmal acht Uhr. Murrend ziehe ich mir die Decke über den Kopf, doch dass Geschrei scheint dennoch immer lauter zu werden. Schließlich kapituliere ich und schäle mich schwerfällig aus dem Bett.
Schlaftrunken erscheine ich um 8:30 Uhr zum Frühstück. Es gibt Kaffee (sehr gut!) und Cornettos, ein klebrig-süßes Frühstücksgebäck, von denen ich kein Stück herunter bekomme.
Nach dem Frühstück brechen wir zur Ausstellung auf. Wir hoffen hier Hinweise auf das Siegel, aufgrund dessen Fehlens wir das mysteriösen Labyrinth, dass wir vorgestern nach unserem Besuch auf dem Jahrmarkt erforscht haben, unverrichteter Dinge wieder verlassen mussten. Ugolinis Sammlung enthält einige interessante Stücke: eine lebensgroße Statue zweier Menschen, Mann und Frau, als Sitzbank gearbeitet, ein metallener Beschlag, der vermutlich einst an einem Wagen angebracht war, mit Schriftzeichen versehene Goldtafeln, die bislang noch nicht übersetzt werden konnten, doch nichts, was auch nur ansatzweise an ein Siegel erinnern könnte.
Wir wollen erneut unser Glück versuchen, das Labyrinth vollständig zu erforschen. „Ihr müsst den Weg zu Ende gehen“, hatte Madame Empusa uns allen geraten. Es gibt nur einen Raum, dessen Ausgang wir nicht gefolgt sind, ein runder Raum mit einem Loch in der Mitte, dessen Ausgang wir nicht erahnen können. Womöglich ist das der Weg.
Wir finden den Eingang ins Labyrinth und den Weg zu besagtem Raum. Wir lassen ein Seil hinunter, klettern nacheinander in die Dunkelheit hinab und landen auf sandigem Boden. Der Boden unter unseren Füßen gibt nach wie Treibsand. Gnadenlos zieht uns der Sand in einem Strudel in die Tiefe.
Dunkelheit. Ich spüre festen Boden unter den Füßen. Wo bin ich? Bin ich tot? Eine Lichtgestalt offenbart sich. Es ist eine der Wächterinnen, die uns vor zwei Tagen von hier fortgeschickt haben. ‚Zur falschen Zeit am falschen Ort. Ohne Siegel‘, erinnere ich mich an ihre Worte. Im Schein der Lichtgestalt erkenne ich die Gegenwart meiner Freunde.
„Zeigt eure Talismane“, fordert sie uns auf. Ohne zu wissen, warum, leiste ich diesem Befehl Folge. Auch meine Freunde holen die Kleinodien hervor, die sie von Madame Empusa erhalten haben.
„Seid geweiht“, spricht die Wächterin, „seid berechtigt, das Siegel zu empfangen.“ Die Kleinodien in unseren Händen beginnen ein Eigenleben zu entwickeln. Die kugelförmigen Elemente, mit denen die vermeintlichen Schmuckstücke verziert sind, lösen sich von den Talismanen und dringen über unsere Hände in unsere Körper ein. Sie leuchten und bewegen sich unter unserer Haut. Sehr befremdet und skeptisch, beobachte ich diese Veränderung in mir mit einem gewissen Unhagen.
Der Raum wird dunkel, die Gestalt wird Licht und beginnt zu verblassen. Dort, wo sie stand, leuchtet es grün. Bei näherer Betrachtung geht das grüne Leuchten von einer seltsamen Scheibe aus.
Carla wagt sich vor und hebt die Scheibe auf. Sie zeigt ein geflügeltes Geschöpf mit Tentakeln als Maul. Irgendwie kommt mir das Bildnis bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher ich diese Kreatur kenne.
Plötzlich stehen wir in dem Raum unmittelbar vor dem Raum mit den Wächtersäulen, an denen wir bei unserem letzten Besuch an diesem mysteriösen Ort gescheitert sind. Aber Henry ist nicht bei uns…
Wir wundern uns kurz und gehen dann weiter. Dieses Mal können wir den Säulenraum unbehelligt durchqueren. Auf der anderen Seite gibt es einen Ausgang in einen weiteren Raum, in dem nichts weiter als ein steinerner Quader steht. Mycroft klettert, das Siegel mit sich führend, auf den Sockel. Der bewegt sich etwas, sinkt ein wenig in den Boden ein. Carla klettert ebenfalls auf den Stein, welcher wieder ein Stück tiefer sinkt, doch auch das reicht noch nicht. Erst, als ich ebenfalls auf den Sockel steige, sinkt dieser vollständig in den Boden ein und gibt ein einrastendes Geräusch von sich. Er bleibt auch in dieser Position, als wir wieder heruntersteigen. Am Ausgang zum Säulenraum hat sich dafür ein anderer Block aus dem Boden gehoben. Im Innern ist dieser hohl. Sechs metallisch wirkende Platten liegen darin. Mycroft zögert nicht und holt eine dieser Platten aus ihrem Verwahrungsort heraus. Die Platten sind auf der Rückseite gegürtet. Es handelt sich um Schilde.
Nun nehmen wir nacheinander auch die anderen fünf Schilde heraus. Mit jedem Schild, das wir entnehmen, sinkt der hohle Quader ein Stück zurück in den Boden. Als wir den letzte Schild entnommen haben, ist er ganz versunken, der Block, den Mycroft, Carla und ich durch unser Gewicht versenkt haben, ist dafür wieder in die Höhe geschoben worden.
Henry betritt den Säulenraum. Wir beobachten, wie sich die Schattenwächterinnen manifestieren und ihre Schwerter über seinem Haupt kreisen lassen. Als er die Mitte des Raumes erreicht, hören wir eine Stimme. „Zeige deinen Talisman und lege ihn auf dein Herz!“, befehlen die Kriegerinnen wie aus einer Kehle. Henry folgt ihrem Geheiß und auch die Kugeln auf seinem Amulett werden lebendig und kriechen unter seine Haut. Der hohle Quader hebt sich erneut.
„Auch für dich liegt ein Schild bereit“, tönt es. Tatsächlich liegt nun ein weiterer Schild in dem Hohlraum. Henry nimmt ihn an sich und der Stein versinkt wieder vollständig im Boden.
Wir machen uns mit dem Siegel und mit den Schilden an unseren Armen auf den Weg hinaus aus der Höhle. Ich beobachte, wie einige der leuchtenden Wesen unter meiner Haut aus meinem Körper in den Schild wandern. Das alles ist sehr seltsam. Unbehelligt erreichen wir den Ausgang der Höhle, doch Ratlosigkeit steht uns allen in die Gesichter geschrieben.
Warum tun wir das alles? Es ist, als ob wir Instrumente zu irgendeinem uns unbekannten Zweck wären. Wir handeln im Sinne anderer und wissen nicht einmal, was mir damit erreichen. Trotzdem folgen wir einfach diesem Pfad…









