夜行列車 (Yakō Ressha) – Nachtzug
Ich bin jetzt seit zwei Wochen zurück auf meinem Landsitz Curdridge Hill. Meine Wunden heilen nur langsam. Nicht nur die physischen. Ich bin dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen, und das auch nur durch den Einsatz alter Magie. Ich fühle mich gestresst, gehetzt und hin und her gerissen. Mächte, die ich nicht kontrollieren kann, zerren an mir. Was ich jetzt brauche, ist eine Auszeit. Ich spiele mit dem Gedanken, mich unter neuem Namen nach Südostasien abzusetzen, irgendwo auf einer kleinen, unauffälligen Pazifikinsel unterzutauchen. Keine Magie, keine okkulten Mysterien, ein bescheidenes, simples Leben im Einklang mit der Natur…
Eine schöne Vorstellung, aber eben eine Vorstellung, mehr nicht. An zu viele Türen habe ich bereits geklopft, zu viele bereitwillig geöffnete Pforten durchschritten. Es ist illusorisch. Ich kann nicht fliehen. Es wird mich nicht loslassen. Sie werden mich überall finden. Selbst in den Traumlanden, selbst im Tod. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder meinen Frieden finden werde.
Es klopft an der Zimmertür.
„Mr. Okumura, sind Sie zu sprechen?“
„Was gibt es, Amanda?“, frage ich durch die geschlossene Zimmertür.
„Ein Telefonat. Miss Di Fiona wünscht Sie zu sprechen.“
„Ich komme gleich“, antworte ich, „bitte legen Sie das Telefonat in den Salon. Ich bin in fünf Minuten da.“
„Was gibt es, Carla“, frage ich, als ich es mir im Salon bequem gemacht habe.
„Hallo Sanjūrō“, flötet sie auf der anderen Seite der Leitung in den Hörer, „wie geht es dir?“
„Den Umständen entsprechend“, erwidere ich.
„Das kann alles mögliche bedeuten bei dir“, meint Carla, „dass du dich aber auch nie klar ausdrücken kannst… Nun gut, worauf ich hinaus will:…“
Sie berichtet mir von einer Nachricht von Beatrice. In Glasgow sind bei einer Auktion offenbar Pergamente aus Carlas Bestand aufgetaucht.
„Ich denke, dass ein kleiner Tapetenwechsel vielleicht deiner Genesung recht zuträglich sein könnte, darum wollte ich dich fragen, ob du uns vielleicht begleiten möchtest. Wir wollen den Nachtzug von London nach Glasgow heute Abend nehmen.“
Ich spüre einen inneren Widerstand, der sich in mir regt. Ich möchte am liebsten gar nicht mehr raus und unter Leute, aber es wird meine Probleme nicht lösen, wenn ich mich kauernd wie ein verängstigtes Häschen in irgendeine Nische verkrieche, in der ich auch nicht mehr tun kann, als darauf zu warten, dass Fuchs oder Bär oder Wolf mich eines Tages trotzdem finden und mich in Stücke reißen.
„Ja gut“, antworte ich, „ich komme mit.“
Als wir im Zug unsere Quartiere – natürlich erster Klasse – bezogen haben, fühle ich mich sehr erschöpft. Bein und Schulter schmerzen gleichermaßen. Ich lasse mir von Mary-Ann frische Verbände anlegen und gehe mich dann etwas ausruhen. Das Zugpersonal lasse ich wissen, dass ich zum Dinner um 21:00 Uhr geweckt werden möchte. Das Abendessen wird musikalisch untermalt von einem Pianisten. Auch andere Musiker befinden sich im Salon. Vielleicht gibt es heute noch einen besonderen Auftritt.
Eine Frau kündigt an, dass sie jetzt ein innovatives Stück von einem Komponisten namens Eric Zann vortragen möchten. Zu bizarren Klängen aus Klavier und Violine hebt die Frau an zu „singen“. Der Text ist unverständlich, die Melodie eine obskure Aneinanderreihung von ekstatisch-berauschenden Klängen, die einer menschlichen Kehle zu entlocken es mir bis zu diesem Augenblick unmöglich erschien.
Ich bin unruhig. Diese Musik – sie wirkt so beängstigend vertraut. Bilder fliegen durch meinen Kopf, Bilder, von einer nächtlichen Wüstenstadt in den Traumlanden, Bilder von Menschen in zügelloser Ekstase. Ihre Hände greifen nach mir.
‚Lass dich fallen, komm zu uns. Befreie dich.‘ locken sie.
Ich spüre, wie mein Atem ins Stocken gerät und Schweißperlen auf meiner Stirn entstehen, doch dann plötzlich löst sich all meine Anspannung. Mir wird wohlig warm, ich dämmere weg und habe das Gefühl, zu schweben. Selbst meine Schmerzen sind wie weggeblasen. Ich fühle mich zufrieden und eingelullt. Schlaftrunken finden ich den Weg zu meinem Abteil, schaffe es, mich auf meine Pritsche zu legen und schlafe nach kurzer Zeit friedlich ein.
Mitten in der Nacht werde ich durch ein heftiges Rucken geweckt. Verschlafen rapple ich mich auf und hinke, auf einen Stock gestützt, aus dem Abteil. Es bietet sich mir ein Bild des Grauens. Die Wände des Salons sind blutverschmiert. Notenblätter kleben an den Wänden. Der Pianist sitzt am Klavier und blutet aus mehreren Stichwunden. Der Violinist fiedelt wie wahnsinnig.
Schwarzer Rauch gleitet am Fenster vorbei. Ich schaue hinaus und erschauere. Der Zug rast auf einen Malstrom zu. Schemenhaft lässt sich dahinter eine gelbe Stadt in einer malvenfarbenen Wüste erkennen.
‚Das passiert jetzt gerade nicht wirklich‘, versuche ich mir einzureden, ‚du liegst ganz friedlich auf deiner Pritsche und hast einen Albtraum. Wenn du aufwachst, ist alles vorbei.‘
Schwere Schritte sind auf dem Dach zu hören. Das Zugfenster neben mir birst in Stücke. Ein schwarzer Tentakel peitscht in den Raum und schnellt auf Mare zu, packt sie und droht sie mit sich fort zu reißen. Geistesgegenwärtig drückt Mare ihr Älteres Zeichen auf den Fangarm. Das zeigt Wirkung. Der Tentakel gibt Mare frei und zieht sich zurück.
Ein weiterer Tentakel schnellt durch das Fenster. Erschrocken weiche ich zur Seite, aber der Tentakel scheint es gar nicht auf mich abgesehen zu haben. Suchend tastet er nach den Notenblättern, erwischt auch einige. Mare und Carla haben inzwischen ein kleines Lagerfeuer entfacht und werfen die Notenblätter hinein. Mechanisch sammle auch ich einige Blätter ein und gebe sie dem Feuer preis.
Das Geräusch von berstendem Stahl durchdringt den Wagon. Ich habe das Gefühl, dass der Zug jeden Moment mit uns an Bord einfach zerquetsch werden könnte. Dann wirft Henry das letzte verbliebene Notenblatt ins Feuer, wo es lodernd zu Asche zerfällt. In diesem Moment bleibt der Zug abrupt stehen, der schwarze Rauch vor dem Fenster lichtet sich und der Malstrom, auf den wir gerade noch zusteuerten, ist fort.
Fassungslos starre ich auf das zerschlagene Zugfenster.
„Warum hab ich ich nur überreden lassen, mit auf diese Reise zu gehen“, murmle ich.
Meine Hände und mein Rücken sind benetzt mit kaltem Angstschweiß. Ich spüre die Anspannung, unter der ich stehe.
‚Vielleicht ist es ja wirklich nur ein Traum‘, überlege ich erneut. Auch wenn nicht, wäre es besser für mich, das zu glauben. Mary-Ann kümmert sich im den verletzten Pianisten, den die Ohnmacht ereilt hat. Carla, Mare und Henry wischen sich den Schweiß und den Ruß aus dem Gesicht. Der Lord schenkt sich an der demolierten Bar eine Drink ein. Alle Bewegungen erscheinen mir wie in Zeitlupe. Alles wirkt abstrakt und surreal.
Ich beschließe, das alles erst einmal sacken zu lassen und zu versuchen, noch etwas zu schlafen. Es muss früher Morgen sein. Im Osten lässt sich schon das erste Licht des neuen Tages erahnen. Ich wende mich meinem Abteil zu und empfehle mich meinen Freunden.
„Ich bin noch zu sehr angeschlagen für solche Geschichten“, erkläre ich ihnen, „und wenn ich nachher aufwache und das alles hier für einen schlechten Traum halte, bitte lasst mich in dem Glauben.“









