喜怒 (Kibo) – Emotionen
Beim Mittagessen tauschen sich meine Freunde über die Ergebnisse ihrer Ausflüge aus. “Dämmerung über Halifax” befindet sich nicht mehr im Besitz des Ehepaares Briggs. Mrs. Briggs hatte erzählt, dass ihr Mann beim Anblick des Bildes immer sehr emotional wurde und zu weinen begonnen hätte. Das Bild hatte einen schlechten Einfluss auf ihn, daher hatte sie entschieden, es wegzugeben. Sie hatte es einem obdachlosen Künstler, der zuweilen in einer Kunsthalle in der Nähe übernachte, geschenkt. Sein Name sei Jacob und auch die Adresse der Kunsthalle hatte Mrs. Briggs dem Lord bereitwillig genannt.
Dr. Nidelven und Carla berichten nun von unserem Besuch bei Miss Bancroft. Neben dem, was sie mir schon auf dem Heimweg erzählt haben, erwähnt Carla nun auch ein kleines aber hochinteressantes Detail: auf dem Bild war ein Schiff zu sehen, dass bei näherer Betrachtung kein anderes als die Almina gewesen sein kann.
Auch Henrys Recherchen waren von Erfolg gekrönt. Er hat herausgefunden, das “Schicksal” sich in der Galerie “Gordon & Sons” befindet und plant heute Nachmittag den Ausstellungsort zu besuchen.
Mare erzählt, dass Sie Adrian Stimson angetroffen und mit ihm gesprochen hätte. Er hatte ihr das Bild gezeigt. Mare beschreibt eine korallenfarbene fremdartige Wüstenlandschaft mit seltsamen Gebäudekonstruktionen. Das Bild habe sehr real gewirkt und sie fühlte sich an einen Ort erinnert, den sie schon einmal besucht hatte. Auch die anderen, außer Dr. Nidelven, kennen diesen Ort. Sie waren dort gelandet, als sie vor einigen Monaten Dr. Krebs verfolgt hatten. Sie waren über ein Portal in einer Mine in den Devil Steps im Severn Valley dorthin gelangt und auf seltsame Weise über einen Umweg durch die Traumlande wieder auf die Erde zurückgekehrt. Das Gespräch ufert etwas aus und meine Freunde beginnen in Erinnerungen zu schwelgen. Der Lord glaubt, die Bilder schon einmal gesehen zu haben, auf dem Weg durch die Tunnel, die sie irgendwie vom Yuggoth in die Traumlande geführt hatten, auf der Flucht vor den Mi-Go. Auch erwähnt er die Verbindung zwischen Bernhard Link und Dr. Krebs. Was auch immer damals auf dem Yuggoth geschehen ist – mich beschleicht das Gefühl, dass es etwas mit dem zu tun hat, das mir bevor steht. Mare beendet schließlich ihren Bericht indem sie erzählt, dass Mr. Stimson versucht hatte sie zu überzeugen, an einem magischen Ritual teilzunehmen.
Als sie ihre Berichte beendet haben, drehen sich die Gedanken und Gespräche meiner Freunde um den bedauernswerten Nelson Blakely. Der Lord ist überzeugt davon, dass etwas in diese Welt kommen wird, das hier nicht hergehört, wenn wir nicht verhindern, dass das, was auch immer da in Blakely heranwächst, schlüpft. Mary-Ann ist heute morgen zurück nach Exeter gereist, um an einem möglichen Heilmittel zu forschen. Sie hofft, dass die Pilze aus dem verwunschenen Wald ihr dabei helfen. Sollte sie scheitern und nicht rechtzeitig eine Medizin finden können, die Blakelys Leiden beendet, soll der Mann sterben. Der Gedanke, dem Wirt ein Ende zu setzen, scheint heute nicht das erste Mal Thema einer Diskussion in dieser Runde zu sein. Alle scheinen sich ziemlich einig, was dies betrifft. Abgesehen davon, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, dass das so ohne weiteres möglich ist, bedeutet der Tod eines Wirtes nicht auch automatisch den Niedergang der Brut, die in ihm heranwächst. Wenn es eine Lösung gibt, liegt sie sicherlich nicht in dieser Welt. Sie denken wieder einmal zu einfach, zu weltlich, zu westlich…
Während meine Freunde diskutieren, hänge ich meinen eigenen Ideen nach. Der Yuggoth, die Traumlande, Gladamon, das Wesen aus dem See in der Ebene von Leng. Es sind nur Gedankenfetzen, die in meinem Geist aufblitzen. Meine Ideen sind nicht einmal im Ansatz ausgereift, daher äußere ich sie zunächst nicht. Dennoch gibt es jemanden, der mithört.
“Ich glaube, ihr könnt Hilfe gebrauchen, oder?”, flüstert er fast fürsorglich.
“Gut möglich”, antworte ich in Gedanken. Dass ich im Dunkeln tappe und nicht weiß, was als nächstes zu tun ist, muss ich ihm nicht sagen. Das weiß er bereits. Erstaunt stelle ich fest, dass ich seine Gesellschaft irgendwie zu schätzen beginne. Ob diese Neigung mir selbst entspringt oder ob es die Folge einer subtilen Form der Manipulation ist, weiß ich nicht genau. Vermutlich beides irgendwie. Vielleicht ist es auch einfach eine Schutzreaktion meiner Psyche.
Als meine Freunde sich am Nachmittag auf den Weg in die Galerie “Gordon & Sons” machen, beginnt Dr. Nidelven mit mir die Therapiestunde. Mit ruhiger Stimme versetzt sie mich in einen meditativen Zustand. Sie leitet mich an, zu atmen und meinen Atem in jede Faser meines Körpers zu leiten. Ich spüre selbst, dass Teile meines Körpers blockiert sind und mein Atem sie nicht durchdringen kann. Mit Dr. Nidelven hilft mir durch sanfte Berührungen und Massagen, meinen Atem wieder in den Fluss zu bringen. Ich tue mich schwer, aber irgendwann gelingt es uns gemeinsam, diese Blockade aufzuweichen und meine darunter liegenden, verborgenen Emotionen freizulegen. Gefühle, die ich lange nicht mehr gespürt habe – zuletzt glaube ich, als Kind – überwältigen mich.
“Es ist gut, Mr. Okumura”, leitet mich Dr, Nidelvens Stimme, “lassen Sie es zu. Es gehört zu Ihnen.”
Noch weigere ich mich, anzunehmen, was da gerade in mir zum Vorschein kam. Ich will mich nicht hilflos, ohnmächtig und einsam fühlen, doch ich erkenne, dass diese Gefühle in mir existieren. Es tut weh, ich spüre, dass Tränen über mein Gesicht rinnen, doch der Schmerz hat auch etwas befreiendes. Nachdem Dr. Nidelven mich aus meiner Trance geweckt hat, spricht sie mit mir über das, was ich erlebt und erfahren habe.
“Das ist ein guter Anfang, Mr. Okumura”, meint sie, “wir sollten die Behandlung morgen unbedingt fortsetzen.” Ich bin einverstanden und wir vereinbaren auch für den morgigen Nachmittag einen Sitzungstermin.
Nach der Sitzung, pünktlich zum Fünf-Uhr-Tee, kehren auch meine Freunde nach Halton House zurück. Das Bild “Schicksal” befindet sich nun im Besitz von Henry Walton Jones. Er hatte es für nur 40 Pfund kaufen können. Das Bild hatte in der Galerie in einem Kellerraum gehangen. Da sich die Beschwerden der Gäste über ein derartig widerwärtiges Kunstwerk gehäuft hatten, sah man sich gezwungen, das Bild aus dem Ausstellungsraum zu entfernen.
Am frühen Abend mache ich eine Spaziergang zur Canon Row. Die Renovierungsarbeiten gehen gut voran. Das Dach ist bereits geflickt und Mr. Watson und seine Mitarbeiter haben schon mit der Aufbereitung der Inneneinrichtung begonnen. Es riecht nach frisch gesägtem Holz, frischer Farbe und nach Neuanfang.









