氏政の墳墓 (Ujimasa no Funbo) – Ujimasas Grab
Am frühen Morgen bringt ein Bote ein Telegramm von Mary-Ann. Ich bin noch etwas schlaftrunken, so dass ich nicht gleich registriere, dass das Telegramm gar nicht an mich adressiert ist. Die Worte, die mich von dem Papier aus anspringen, ändern diesen Zustand abrupt und ich bin hellwach. “LOS, KOMM HER! Wir brauchen deine Hilfe!”, bellt es mich förmlich an. Der anmaßend Tonfall raubt mir die Fassung und ich stehe kurz davor, die Nachricht unbeantwortet in den Ofen zu werfen. Gerade noch rechtzeitig bemerke ich, dass der eigentliche Empfänger Mycroft ist. Etwas verlegen übergebe ich ihm das Schriftstück.
Wir kehren nun zum dritten Mal zurück nach Odawara. Ich habe eine Niederschrift von Ujimasas Todesgedicht und eine Öllampe dabei. Wir parken das Auto etwas abseits der Stadt und legen einen längeren Weg zu Fuß zurück. Der Schnee liegt etwa zehn Zentimeter hoch. Auf dem Plateau des Heiligen Berges ist er völlig unberührt. In der Wintersonne weiß glitzernd liegt die Hochebene friedlich vor uns.
Wir beginnen das Gebiet um den Turm des Mondes abzusuchen. Ich bin völlig hilflos und kann rein gar nichts erkennen außer Schnee. Mycroft aber scheint etwas entdeckt zu haben. Zielstrebig geht er auf etwas zu, das für mich wie eine Schneewehe aussieht. Dann bleibt er plötzlich stehen und betrachtet forschend den Boden zu seinen Füßen.
“Sanjūrō”, ruft er, “das solltest du dir ansehen.”
Es sind Spuren im Schnee, Spuren der gleichen Art, wie wir sie unten auf der Burg gesehen haben. Ujimasa wandelte auch hier.
“Da vorne, das könnte es sein”, sagt Mycroft und deutet auf die Schneewehe.
Voll innerer Ungeduld bewege ich mich auf die Verwehung zu. Ich will mich selbst überzeugen. Dort angekommen wische ich den Schnee beiseite. Dabei berühre ich mit meiner Hand den Stein, auf dem ich gerade noch das Mitsu-Uroko erkennen kann, bevor ich sanft in eine stumme Dunkelheit entgleite. ‚Verdammt’, denke ich und vernehme noch schwindend Mycrofts Fluch. Dann wird mir klar, dass ich auf dem richtigen Weg bin. ‚Ein Schwert, dich selbst und ein Gedicht’ – zweimal fällt die Finsternis. Beim dritten wird es anders sein. Mit dieser Gewissheit lasse ich mich von der Dunkelheit des Vergessens einfüllen.
Als ich zu mir komme, ist es bereits wieder dunkel. Mycroft hat mich zurück ins Auto gebracht.
“Na, gut geschlafen”, grinst er und hält schon einen Gin für mich bereit. Ich brauche dieses Mal nicht ganz so lange, um mich nach meiner Ohnmacht wieder zurecht zu finden, dennoch fühle ich mich auch dieses Mal nicht ganz in dieser Welt und irgendwie entrückt.
“Willst du heute nochmal da hoch?”, fragt Mycroft und deutet mit einem Nicken in Richtung der Burg. Nachdenklich betrachte ich die in der Dämmerung schattenhaft wirkende Ruine. Ich schüttetle den Kopf.
“Nein”, antworte ich, “ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, zu suchen. Ich muss erst noch über etwas nachdenken.”
Auf dem Weg zurück zu unserer Unterkunft in Minamiashigara grüble ich weiter über das Rätsel des Gedichtes nach. Meine Niederschrift ist in Flammen aufgegangen – das war Teil des Rituals. Ich bin ziemlich ratlos.
Im Ryokan lassen wir uns das Essen auf unser Zimmer bringen. Beim Essen teile ich meine Gedanken mit Mycroft.
“Ich verstehe es nicht”, sage ich, “‘Finde das Gedicht!’ – Wie soll ich etwas finden, das verbrannt wurde?”
“Vielleicht gibt es eine Abschrift oder einen Vorentwurf”, meint er. Einen Vorentwurf gab es tatsächlich. Ich weiß auch noch, wo ich den Text auf das Papier gebracht habe. Es war in meinen privaten Gemächern im Residenzhaus der Hōjō. Ob sich dort noch etwas finden lässt, ist unklar. Das Gebäude ist nahezu vollständig in sich zusammengebrochen. Dennoch, es ist ein Ansatzpunkt – irgendwo muss ich die Suche ja beginnen.









