Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

隣の人 (Tonari no hito) – Nachbarn

Ich gebe eine Stellenanzeige im Lokalteil der Times auf. Nachdem ich gestern den Nachmittag damit zugebracht habe, mein Haus und meinen Haushalt in Ordnung zu bringen und nach drei Stunden immer noch nicht fertig war, kam ich zu der Entscheidung, jemanden einzustellen, der sich darum kümmert, dass Curdridge Hill stets im besten Licht erscheint.

Ich widme mich heute erbaulicheren Dingen. Seit einer Woche schon wartet der Entwurf eines Banners mit meinem Familienwappen und -namen darauf, vollendet zu werden. 

Bewaffnet mit Pinsel und Tusche mache ich mich an die Arbeit. Sie geht mir gut von der Hand. Als ich fertig bin, überlege ich, wo wohl der beste Platz für das Kunstwerk wäre. Ich entscheide, dass das Banner seinen Platz unter dem Vordach neben der Haupteingangstür finden soll. Das Werk ist aufgehängt und sieht wirklich gut an dieser Stelle aus. Ich bin sehr zufrieden. 

„Mr. Okumura, verzeihen Sie, hätten Sie einen Moment Zeit?“ Es ist Mr. Harrington. Er entschuldigt sich noch einmal förmlich bei mir für das ausfallende Verhalten seiner Gattin am Sonntag. Sie sei im Hinblick auf ihren Glauben etwas hysterisch, erklärt er. Sie hatte sogar soweit gehen wollen, persönliche Beschwerde bei Lord Carnarvon einzulegen, da sie es unerträglich fände, neben einem Heiden zu wohnen. Das hatte er ihr aber ausreden können, sagt er. Ich verleihe meinem Bedauern darüber, dass meine Anwesenheit den Familienfrieden der Harringtons stört, Ausdruck und schlage Mr. Harrington vor, doch einfach mal mit seiner Familie bei mir zum Tee einzukehren. Mr. Harrington hält das für eine gute Idee und eine gute Gelegenheit, die Vorurteile und Ängste seiner Gattin eventuell zu zerstreuen. Sie stamme aus einem tief religiösen Haushalt und die Vorstellung, dass nur Christen gute Menschen wären, sei tief in ihr verwurzelt. 

Mr. Harringtons entdeckt nun das frisch aufgehängte Banner an meiner Haustür. „Das sieht hübsch aus“, meint er und fragt nach der Bedeutung. Ich erkläre ihm, dass das Hanabishi, die vierblättrige Rautenblüte, die den japanischen Mohn symbolisiert, zusammen mit dem Oktagon mein Familienwappen sei. Die Zeichen darunter seien die Kanji meines Familiennamen:  (Oku = Tiefe, Inneres, Kern, weit entfernter Ort) und (Mura = Dorf, Weiler).
„Sie haben ein Wappen?“, wundert sich Mr. Harrington, „Sind sie von Adel?“
„Japanischer Kriegeradel“, antworte ich. Mr. Harrington scheint beeindruckt.
„Dann sind sie ja tatsächlich so eine Art Ritter, ein ‚Samurai‘, wie mein Sohn es behauptet…“ Er läßt sich tatsächlich zu einer Verbeugung hinreißen. Ich bin beinahe gerührt ob dieser Geste.
„Ihre Kultur ist überaus interessant, ich würde gerne mehr darüber erfahren“, sagt er dann.
„Wie gesagt, Mr. Harrington, meine Einladung zum Tee steht“, antworte ich.
„Bitte, nennen Sie mich William“, wendet er ein. Ich überlege einen Augenblick, welchen Namen ich ihm für die vertraute Anrede nennen soll, entscheide mich dann für „Sanjuro“.