Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

チンダロスの犬 (Tindaros No Inu) – Der Hund von Tindalos

Um 12:00 Uhr treffen wir den Lord vor der Universitätsbibliothek. Nach zwei Stunden Recherche bin ich nicht viel schlauer. Ich habe rein gar nichts gefunden, das mir irgendwelche Hinweise auf die Königin der Nacht und ihrer Rolle in der Mythologie meiner Heimat gibt. Vielleicht sollte ich in Cambridge weiter nachforschen, dort gibt es eine japanische Fakultät.

Um kurz nach zwei am Nachmittag treffen wir uns im Foyer der Bibliothek wieder. Mycroft und der Lord haben etwas über die unheimlichen Besucher herausgefunden. Sie sind bei ihren Recherchen auf eine Geschichte gestoßen, in der diese Wesen beschrieben sind. Es ist die Geschichte eines Mannes, der über viele Jahre im Besitz eines magischen Artefakts gewesen war, als ihm etwas ähnliches widerfuhr. Sie werden “Die Hunde von Tindalos” genannt und spüren Störungen der Strömungen im Astralraum auf. Weiter heißt es, dass sie unbeirrbar sind in ihrem Streben, das astrale Gleichgewicht wieder herzustellen, wenn sie eine Störungsquelle ausgemacht haben und so lange immer wieder kommen, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Wenn sie es alleine nicht schaffen, kommen sie auch im Rudel.
“Im Klartext heißt das, wir werden sie nicht los, solange du die Kugeln hast”, sage ich vorwurfsvoll an den Lord gerichtet auf dem Weg nach draußen. Ich hatte es mir schon denken können, aber nun ist es quasi bestätigt, dass die Kugeln diese Kreatur zu uns gelockt haben. Doch der Lord hat nichts besseres zu tun, als sich zu empören. Fassungslos echauffiert er sich, was “diese dreckigen Hunde” sich einbilden. Er werde es Ihnen schon zeigen, auch wenn er noch nicht wisse, wie.
Ich verstehe seine Aufregung nicht.
“Es ist doch ganz normal. Bei uns nennt man es Onyō, in China Yin und Yang. Es hat Folgen, wenn man das Gleichgewicht stört. Warum überlässt du ihnen die Kugeln nicht einfach?” Der Lord sieht mich plötzlich an, als hätte ich etwas Unerhörtes von mir gegeben. Sein Hals schwillt an und sein Gesicht bekommt eine leicht rötliche Färbung. Ich habe offenbar unabsichtlich einen wunden Punkt getroffen.
“Yin und Yang, das ist mir egal”, poltert er los, als wir vor der Tür der ehrwürdigen Bibliothek ankommen. Er ist nicht bereit auch nur darüber nachzudenken, die Kugeln herzugeben. Ich denke an die fünf Toten auf Highclere Castle und an den Wachmann, der gestern in Croydon sein Leben ließ. Ich möchte mir nicht das Grauen und Entsetzen vorstellen, mit dem ihre Seelen brutal ihren Leibern entrissen wurden, vorstellen. Es wird noch mehr Tote geben, wenn er die Kugeln behält, noch mehr Menschen, die wegen seiner Gier auf grauenvolle Weise sterben. Das macht mich wütend.
Mycroft winkt ein Taxi herbei.
“Warum bist du so besessen?”, frage ich ungehalten, “was verlierst du, wenn du ihnen gibst, was sie wollen?”
“Was ich verliere?”, erwidert er aufgebracht, “Ich verliere alles! Ich habe Feinde!”
‚Feinde, die du ohne diese verfluchten Kugeln gar nicht hättest’, will ich wütend erwidern, aber das Taxi fährt gerade vor.
“Ich bin eigentlich hier, um ein Haus zu kaufen”, würge ich die Diskussion kurzerhand ab.

Wir kommen in der Canon Row an. Mr. Smith und Mr. Watson haben sich bereits einander bekannt gemacht und erwarten uns. Ich ignoriere den leicht abschätzigen Blick des Lord. Mir ist klar, dass dieses einfache Stadthaus seinen Ansprüchen nicht einmal im Ansatz genügt.
Ich erkläre Mr. Watson meine Umbauwünsche und frage nach der Machbarkeit und den Kosten, während Mycroft sich die Kellerräume genauer ansieht. Die große Trainingshalle ließe sich nach meinen Vorstellungen umsetzen. Die tragende Säule in der Mitte und das Treppenhaus müssten allerdings stehenbleiben, meint Mr. Watson, das war mir aber auch vorher schon klar.
Wir nehmen nun das Ober- und das Dachgeschoss unter die Lupe. Mr. Watson bedauert, dass das Dach nicht zumindest notdürftig abgedeckt wurde, da nun über die Zeit auch die Dielen im obersten Stockwerk stark beschädigt sind. Den Aufwand für den Umbau und die Sanierung schätzt er auf 300 Pfund.
Nach einigem Hin und Her kann ich mich mit Mr. Smith auf einen Kaufpreis von 700 Pfund für das Haus einigen. Nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages wirkt der Makler irgendwie erleichtert. Er scheint froh zu sein, die Immobilie überhaupt noch an den Mann gebracht zu haben.
Ich frage Mr. Watson, ob er die Planung und die Umsetzung der Sanierung und des Umbaus des Hauses übernehmen möchte. Er ist einverstanden. Mit der Reparatur des Daches könne man erst im Frühjahr anfangen, sagt er, aber der Umbau der Innenräume könne schon bald beginnen. Ich bin zufrieden. Wenn alles glatt geht, werde ich bereits in diesem Sommer mein Dōjō eröffnen. Ich sehe es schon vor mir:

“[simple_tooltip content=’Kagedō – Der Weg der Schatten‘]陰道[/simple_tooltip]
Schule der traditionellen fernöstlichen Kampfkünste.”

Meine Freunde wollen noch einmal zurück in die Bibliothek und versuchen, mehr über die Hunde von Tindalos zu erfahren, vielleicht einen Weg zu finden, sie zu bekämpfen. Diesen finden wir zwar nicht, aber dafür ein anderes interessantes Werk: ein kryptozoologisches Bestimmungsbuch von S. Petersen. Auch der Hund von Tindalos hat darin einen Eintrag.

Nach dem Bibliotheksbesuch lädt uns der Lord ein, seine Gäste in Halton House zu sein. Wir beziehen also dort Quartier für diese Nacht. Der Lord geht früh zu Bett. Bereits um 21:00 Uhr empfiehlt er sich. Ich liefere mir mit Mycroft einen kleinen Übungskampf im Garten, als plötzlich ein gellender Schreckensschrei und aufgeregtes Hundegebell aus dem Schlafzimmer des Lords erschallt. Ich ahne Schlimmes. Wir beeilen uns, zu unserem Freund zu kommen. Der Lord sitzt kreidebleich mit entsetztem Blick auf seinem Bett und starrt die Wand an. Cook knurrt und kläfft energisch die Wand an.
“Er war wieder hier”, sagt der Lord matt, “dieses Mal waren es zwei.”
In diesem Moment klingelt das Telefon. Es ist ein Anruf vom Flughafen Croydon. Es gab wieder einen Überfall. Wieder wurde ein Mann getötet und wieder der Tresor durch den Hangar gezerrt, doch er konnte nicht aufgebrochen werden.
‚Es wird nicht aufhören’, denke ich bei mir, ’sie werden immer wieder kommen.’
Ich fürchte den Moment, an dem sie mir wieder unter die Augen treten könnten.

Ich komme heute nur schwer zu mir. Allein der Gedanke an die schwarze Burg beruhigt mich in meiner Meditation. Aus der Ferne beobachte ich den Hund von Tindalos, der auf den Dächern der Burg umher streift. Kuro tritt an meine Seite und streicht schnurren um meine Beine. Als ich mich zur Ruhe begebe, versuche ich, die Traumlande zu erreichen. Der letzte Halbmond liegt erst zwei Tage zurück. Vielleicht kann ich ihn finden und mit ihm sprechen, doch die Tore in die Traumlande bleiben für mich heute nacht verschlossen.