Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

Tanaka Yoshiro

Ich stehe im Burghof von Odawara-jō. Wir werden von dem 210.000 Mann starken Heer des Toyotomi Hideyoshi schon seit 6 Monaten in bedrückender Überzahl belagert. Heute haben sie den Festungsring der Burganlage eingenommen. Der Fall steht unmittelbar bevor…

 

 

…Eine Stimme ruft mich…der Führer des Hōjō-Clans erblickt mich von den Zinnen der Burg…Ich eile

„Dono“ sagend, verbeuge ich mich vor meinem Fürst Hojo Ujimasa… „Tanaka Yoshiro, Verwalter meiner Burg und Ländereien, wie lange reichen die Vorräte noch?“

„Hōjō-sama“, antworte ich, „unsere Vorräte gehen zur Neige. Wenn wir streng rationieren, können wir noch 10 Tage durchhalten.“

Dann schweige ich demütig…

Ich werde angewiesen, die Vorräte dementsprechend einzuteilen. Ich nicke und entferne mich wortlos….

Wir haben noch 25.500 Reiseinheiten, mit denen wir unsere Armee und die Bevölkerung der Burgstadt ernähren müssen. In spätestens 2 Wochen bricht eine Hungersnot aus…

Die Pläne für eine weitere, strengere Rationierungsstufe sind schon längst fertig und ich muss meine Quartiermeister nur informieren, dass sie ab sofort umgesetzt werden müssen…

Es wird Abend. Der Feind feiert seinen Sieg vor unseren Toren. Wir verfügen in unseren Mauern über 2000 Fußsoldaten, 500 Bogenschützen, 500 Lanzenkämpfer und 12 Samurai. In seinem persönlichen Dienst stehen dem Fürst 6 Ninjas zur Verfügung, die von Fūma Kotarō, dem Oberhaupt des Ninja-Clans der Fūma, angeführt werden. Er hat seine verborgenen Kämpfer bereits in das Lager von Toyotomi Hideyoshi geschickt, um die Pläne des Feindes auszuspionieren.

Auch ich traue der anbrechenden Nacht nicht und gebe sofort Order, die Vorräte in den Lagern, die nahe des Festungsringes liegen, zu räumen und in die zentrale Burganlage, Hon-maru – Das Erste Viertel, zu schaffen. Als erstes wird das Lager im Nishi-no-maru – Westliches Viertel – geleert. Es muss dezent geschehen, um die Bevölkerung nicht noch weiter zu beunruhigen…

 

Odawara Map

Kurz nachdem die Sonne vollständig untergegangen ist, beginnt der Angriff. Katapulte schleudern zischend Feuerkugeln in die Stadt. Der Beschuss erfolgt vom Tor der Nacht – Hoshi-no-mon – und trifft das Nordöstliche Viertel – Hokuto-no-maru. Zum Glück liegt das Viertel am anderen Ende der Stadt, so dass wir unsere Anstrengungen zur Nahrungssicherung im Westlichen Viertel ungestört beenden können: 3000 Reiseinheiten aus Lager 36 gerettet und ins Lager 60 im Ersten Viertel verbracht.

Kaum fertig, wird auch das Westliche Viertel Ziel von Feuerkugeln. Ich danke meinen Schutzgeistern für das gute Timing…

Der Katapultbeschuss des Nordöstlichen Viertels wird eingestellt. Hokuto-no-maru brennt! Auf dem Dach des Wohnhaus der Bediensteten des Fürsten tanzt Hideyoshis heißer Atem. Soldaten eilen zum Löschen. Dort steht auch das Lager 50 mit 5000 Reiseinheiten. Ich eile mit meinen Männern sofort dorthin. Ich brauche niemanden zur Eile antreiben. Sie wissen, worum es geht…

Ich befehle den Soldaten die Löscharbeiten einzustellen und die Reissäcke zu retten. Ich stelle eine Kette vom Lager zum Tor der Morgenröte über die Brücke auf. Innnerhalb von 20 Minuten ist Lager 50 leer und nach einer weiteren Stunde dessen Inhalt im Lager 60 verstaut: 8000 Reiseinheiten gesichert, mit den schon vorhandenen 2000 in Lager 60 sind jetzt insgesamt 10.000 RE im inneren Zirkel der Burg gelagert. Die restlichen 15.500 REs müssen in der Stadt verbleiben, um eine Panik zu verhindern…

Hojo-sama bestellt mich zu sich und befiehlt mir die gefährdeten Lager zu räumen. Ich halte mit ausdruckslosem Gesicht seinem Blick stand, während ich mich langsam verbeuge. “Dies ist längst geschehen, Hojo-sama” erwidere ich mit mehr beleidigter Herablassung in meiner Stimme, als mir zusteht, bevor ich mich, den Blick trennend, anstandsgemäß tief verbeuge…

Kurz vor Sonnenaufgang kehren Fuma Kataros Ninjas zurück und berichten, das ganze Gefeiere vor unserem Festungsring sei nur eine Kriegslist. Der eigentliche Angriff soll bei Morgengrauen losgehen…

Die Nacht vergeht schlaflos für mich. Ich zähle nochmal die Reiseinheiten in Lager 60 durch…

Der Morgen graut, die Sonne geht auf…

Ich bin mit meinen Zahlen im Reinen und erwarte den Tod im morgendlichen Kampf.

Doch es passiert nichts. Das einzige was ich höre, ist das Gezwitschere des “Sonnenrufers”, der der Morgensonne den Weg in den Himmel hinauf weist…

Der Tag hat schon längst begonnen, als eine Flagge des Feindes vor unseren Toren Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Der Unterhändler wird hineingelassen…

Hojo-sama verlangt meine Anwesenheit bei der Verhandlung. Seine Brüder und sein Sohn sind auch anwesend, sowie unsere Shinto-Priesterin. Der Unterhändler ist eine Unterhändlerin. Toyotomi Hideyoshi beleidigt uns. Täuschung, Beleidigung, Unsicherheit sind nun seine Waffen. Er hätte uns auch einfach überrennen können. Warum wählt er diesen Weg?

Mein Fürst fordert einen Waffenstillstand von 36 Stunden, bevor er bereit ist, Verhandlungen mit seinem Gegner aufzunehmen. Die Unterhändlerin verstrickt sich in respektlosen Widerworten und wird von Izumi, unserer Shinto-Priesterin, von der Burg gebellt. Fürst Hojo Ujimasa gebietet ihr keinen Einhalt…

Im Laufe des Tages erfolgt kein Angriff, es trifft aber auch keine Antwort des Feindes ein…

Der Tag vergeht wie keine Ewigkeit…

Nur unsere Priesterin scheint den Bezug zur Realität verloren zu haben. Losgelöst in ihren magischen Sphären beschwört sie einen Pi-ran-ya-Zauber, der die Fische in unseren Festungsgräben zu blutrünstigen Monstern verwandeln soll, die unsere Feinde auffressen, sobald sich in das Wasser begeben…

Die uns umgebenden Wassergräben sind schon seit Wochen leergefischt. Und warum sollten sich unsere Feinde dort hinein stürzen??? Aber es tut unseren einfachen Burgbewohnern gut, eine Shinto-Priesterin angestrengt murmelnd zu sehen, wie sie ausgeschnittene Papierkreuze über die Festungsmauer in das Wasser wirft…

In der folgenden Nacht finde ich Schlaf auf meinem Futami. Die 36 Stunden vergehen ereignislos für uns alle.

Gegen Morgen erscheint die Unterhändlerin erneut vor unseren Toren. Da die Verhandlungen auf unserem Boden stattfinden werden, verlangt sie eine Friedensgeisel im Austausch zu ihrem Feldherren, solange er bei uns auf Odawara-jo weilt. Mit scharfem Blick fixiert sie Izumi und sagt, sie würde sich auch mit unserer Priesterin zufrieden geben. Hojo-sama lehnt ab. Ich bin nur kurz beleidigt, als er seinen Sohn erwählt, anstatt mich. Ich muss demütig erkennen, dass ich in dieser Situation nicht wertvoll genug bin…

Der Vorschlag wird angenommen! Der Austausch soll am Tor der Prinzessin vorgenommen werden…

Erstaunlich kurze Zeit später steht Toyotomo Hideyoshi in Person vor unserem Tor. Mir fällt auf, dass ich Fuma Kataro seit einiger Zeit nicht mehr gesehen habe…

Der gegnerische Feldherr verlangt von meinem Fürsten, dass sich sein ganzer Clan ihm zu unterwerfen habe, mit allen Ländereien. Sein Sohn oder sein Bruder darf seine Nachfolge antreten. Hojo-sama gestattet er die Situation nach seinem eigenen Ehrgefühl zu bewerten und die daraus entstandene Konsequenz selbst zu wählen.

Wie großzü
gig, er verlangt nichts explizit…

Mein Fürst Hojo Usijama nimmt das Angebot an! Morgen um 10 Uhr soll die Burg übergeben werden. Hojo-sama muss abtreten, und er überlegt ins Kloster zu gehen. Sein Sohn soll der neue Burgherr und Vasall des Toyotomo werden.

Es ist also entschieden! Ich lasse das Beste – und reichlich davon – aus Lager 60 für das kommende, nächtliche Gelage in die Küche der Burg schaffen. Dörrfisch und -fleisch mit Reis, sowie Sake, was das Lager hergibt, werden serviert. Mein Fürst umgibt sich in dieser Nacht mit seinen Vertrauten, zu denen ich mich zählen darf, und wir plaudern und feiern die vergangenen Zeiten…

Um 10 Uhr morgens am folgenden Tag werden alle Tore geöffnet. Doch nur Toyotomo Hideyoshi und seine Delegation reiten in die Stadt hinein. Hojo-samas Sohn wird im Burgfried als Vasall des Siegers eingeschworen. Der Frieden ist nun besiegelt. Auch ich verbeuge mich nun vor meinem neuen Herren, Hojo Ujinao: “Hojo-sama!”

Der Abzug der Truppen wird mehr als eine Woche brauchen. Diese Zeit hat unser Odawara-jo nicht. Wir brauchen dringend Nahrung, um zu überleben. Dies bemerke ich an. Als Untergebener meines neuen Herren, der nun Vasall des Toyotomo Hideyoshi ist, ist es meine Pflicht ihn über die desolate Lage seiner Untergegeben aufmerksam zu machen. Er lacht: “Das hat doch noch Zeit!” “NEIN!” ist meine gewissenhaft pflichterfüllte Antwort. “Bevor Eure Truppen abgezogen sind, sind wir verhungert. Ihr wollt doch nicht zerstören, was Ihr gerade gewonnen habt?”

Die nächtlichen Katapultangriffe wurde von uns nicht unbeantwortet gelassen. In dieser Nacht starben 3000 Soldaten auf feindlicher Seite durch unsere Bogenschützen. Ich fordere nur die nun freigewordene Nahrungsmenge des reduzierten Heeres, was mir mit einem Lächeln des Siegers gewährt wird. Das Überleben der Burgbevölkerung ist gesichert…

Hojo Ujimasa erbittet eine Frist von einer Woche, um die Übergabezeremonie an den neuen Herren vorzubereiten. Er kündigt an, die Zeremonie mit Seppuko abzuschließen. Ich verbeuge mich tief und lange zur Erde hin…

Meine Aufgabe ist es nun eine Bestandsaufnahme der Ressourcen der Burg aufzulisten: Soldaten, Waffen, Einwohnerzahl, Nahrungsbestände und natürlich das Vermögen, den Burgschatz zu beziffern. Ich stelle die Liste in wenigen Tagen zusammen. Den Burgschatz gebe ich nur zu Hälfte an und lasse den Rest in der Nähe des Heiligen Bergs – Holi-Yama – vergraben. Ich wähle dazu invalide Soldaten aus: Blind, stumm, verstört…

Noch deutlich vor Ablauf der 1 Wochen Frist habe ich meine Arbeit erledigt…

Fuma Kataro ist wieder zurück gekehrt. Er wurde im feindlichen Lager festgesetzt, nun aber wieder freigelassen, nachdem er Toyotomi Hideyoshi als neuen Herren akzeptiert hatte.

Die nun verbleibenden Tage vergehen langsam. Es sind noch 3 Tage bis zu zum Tag des Seppuko meines ehemaligen Hojo-samas. Ich finde Zeit, den unter meinem Futami verborgenen Geheimgang in Richtung des heiligen Berges aufzusuchen, der unter dem Tempel endet. Dort scheint mir der geeignete Ort zu sein, die magische Kugel zu befragen, die mir einen Blick in meine Zukunft gewähren kann…

Ich atme tief durch und versenke meinen Blick in die Kugel…octopoide grüne Arme greifen nach mir…Ich muss laut aufschreien vor Schreck. Ich sehe Cthulhu ins Gesicht und mir wird schlagartig klar, wer ich bin, was ich nicht mache und dass die Zeit mir davon läuft. Ich bin kein Burgverwalter!ch bin immer noch Lord Carnarvon und muss eigentlich ganz woanders sein…

Ich reiße meine Blick aus der Kugel, deren Leuchten verstummt. Ich erkenne nun, dass mein inzwischen abgetretener Fürst eigentlich Sanjuro ist, der Colonel der Anführer der Ninjas – mir entfährt ein absurd klingendes Glucksen, das ein Lachen werden sollte – und Izumi, die Shinto-Priesterin, ist von Mary-Ann besetzt…

Doch die Zeit vergeht auch hier. Ich gerate in Panik. Was ist wenn ich weitere 9 Tage verliere, hier in dieser nicht existierenden Vergangenheit? Ist ein Tag hier auch ein Tag in der Realität? Nicht auszudenken, wenn es so wäre. Dieses Intermezzo ist nichts weiter als ein Zeitfresser! Ich muss hier so schnell wie möglich weg!! Doch wie……

Ich suche Fuma Kataro auf und erzähle ihm eindringlich von meiner Erkenntnis. Er schaut mich erst skeptisch an, doch ich kann zu Mycroft durchdringen und er macht sich sofort auf mit Sanjuro Hojo Ujimasa zu sprechen.

Am liebsten hätte ich sofort selbst Seppuko begangen, doch ich bin mir nicht sicher, ob diese Entscheidung mich nach England zurück bringt…Zu sehr ist diese Begebenheit um Sanjuro herum gestrickt.

Er ist vollständig in seinem Film gefangen, Mycroft Fuma kann ihn nicht überzeugen, dass dies nur eine magische Illusion ist. Aber er zeigt uns den geheimen Schrein der Burg, in dem eine blaue, heiße Flamme vor einem Schrein brennt, ganz genauso wie in Curdridge Hill, nur dass die Flamme dort rot war…

In der blauen Flamme sehe ich wieder die drei Zeichen, Sonne, Mond und Sterne; sehe die Parallelen zu den drei Brüdern und den 3 Pulvern aus dem Script des ersteigerten Sekretärs.

Der letzte Tag der gewährten Woche bricht an und der Burghof ist in weiß dekoriert. Hojo Ujisama tritt vor die Versammelten und verliest ein Gedicht in den Wind…

Herbstwind am Vorabend
Blas’ hinweg die Wolken, die sich zusammenballen
vor des Mondes reinem Licht.
Und die Nebel, welche unseren Geist trüben,
fege auch sie hinfort.

Nun vergehen wir
Also, was müssen wir davon halten?
Aus dem Firmament kamen wir
Nun mögen wir wieder zurückkehren
Das ist letztlich eine Frage des Standpunktes

…dem er die Asche des Papiers, auf dem es geschrieben stand, hinterher schickt…

Nun wird es still. Es ist nur das Rauschen seiner Ärmel, das ich höre, als er sein Wakisashi ergreift. Ein letzter Blick richtet sich lächelnd auf seine einzige Tochter Osen, die atemlos mit den Tränen kämpft…

Er lächelt, denn er weiß, es ist nur ein kurzer schmerzhafter Übergang, dorthin, wo die Liebe seiner Frau ihn schon lange erwartet…

Das eigenhändig geführte Kurzschwert öffnet seinen Bauch. Ich kann die reine Seele sehen, die nun entfährt. Tief bewegt, ohne eine Bewegung zu zeigen, erfahre ich einen mir bisher unbekannten Stolz, Untergebener dieses Herren gewesen sein zu dürfen….

Eine blaue Flamme ergreift, zieht mich…