大食の植物 (Taishoku no shokubutsu) – Gefräßige Pflanzen
Kurz vor neun Uhr fahren wir vor Highclere Castle vor. Beim Frühstück hatte ich Henuri-san noch einmal nach diesem Code auf der Scheibe in der Winchester Great Hall gefragt. Er erklärt es mir nochmal und sagt, dass einige der Buchstaben auf der Scheibe etwas heller schienen als die anderen. Diese Buchstaben ergeben das Wort SANGREAL – der lateinische Begriff für den heiligen Gral. Wenn man diese Buchstaben verbinde, ergäbe sich daraus ein Älteres Zeichen mit acht Zacken. Ich verstehe nicht, was er mit „Älteres Zeichen“ meint. Henuri-san meint, dass ich ein solches schon einmal eingesetzt hätte, im Chalice Well. Das Zeichen, mit dem mich Lorudo-san aus meiner Trance befreit hatte und mit dem ich mir später erfolgreich diese Molchkreatur vom Leibe halten konnte, sei ein Älteres Zeichen gewesen. Es soll eine Art Schutzzeichen sein.
Wir treffen Lorudo-san und Karura-san auf der Terrasse. Mari-chan ist indisponiert. Sie beteilige sich an einem Kunst-Seminar unter der Leitung von Professor Jung, erklärt Lorudo-san.
Wir halten uns nicht lange auf und brechen zügig erneut in Richtung Winchester auf. Wir fahren alle zusammen mit dem Silver Ghost. Die Absperrung rund um die Great Hall soll gerade aufgehoben werden, als wir eintreffen. Lorudo-san macht seinen Einfluss als „[simple_tooltip content=’lokaler Herrscher im feudalen Japan‘]Daimyō[/simple_tooltip]“ geltend und sorgt dafür, dass die Sperrung des Geländes noch mindestens eine Stunde aufrecht erhalten wird. So können wir unseren Untersuchungen in Ruhe weiter nachgehen.
Als wir die Great Hall betreten, schaue ich mir die Tafelrunde noch einmal genauer an. Es stimmt, was Henuri-san gesagt hat. Acht Zeichen sind tätsächlich etwas heller, als die anderen und ich kann in ihnen mit etwas Mühe auch den Schriftzug SANGREAL erkennen.
Da die Untersuchung der Statue uns keine weiteren Hinweise liefert, überlegen wir nun, wo wir eine Leiter finden können. Lorudo-san will zunächst bei den Polizisten, die mit dem Abbau der Absperrung beschäftigt waren, eine Leiter ordern, doch als wir vor die Tür treten, ist niemand mehr da. Karura-san erinnert sich an das Gartenhaus. Dort müsste es doch eine Leiter geben.
Wir gehen also in den Garten, der genauso prachtvoll und üppig blüht, wie gestern. Wir sind heute die eizigen Besucher, was den Garten noch kraftvoller erscheinen lässt. Das Gartenhaus ist mit einem einfachen Vorhängeschloss verriegelt, dass sich wahrscheinlich leicht aufbrechen ließe. Auch die Tür selbst macht keinen besonders soliden Eindruck und dürfte einem kräftigen, konzentrierten Tritt nicht viel entgegen zu setzen haben, doch Lorudo-san gebietet uns, weder das Schloss noch die Tür zu zerstören. Unsere Versuche, das Schloss unauffällig zu öffnen, scheitern. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.
Uns fallen die Gartenbänke auf, die hier herum stehen. Drei von ihnen über einander gestapelt dürften genug Höhe bieten, um die Tafelrunde in Bewegung zu versetzen. Wir tragen also drei der Gartenbänke in die Halle und stapeln sie über einander. Lorudo-san und Karura-san stützen die Bänke an den Seiten, ich stabilisiere Henuri-san, der die Bank-Leiter erklimmt. Oben angekommen kommt Henuri-san noch immer nicht ganz an die Scheibe heran. Er nimmt seinen Spazierstock, um das Rad in Bewegung zu setzen. Das funktioniert. Erstaunlicher Weise scheint der Drehmechanismus sehr leichtgängig zu sein.. Henuri-san hat keine Schwierigkeiten.
Ein Ächtzen und Krachen dringt durch das Gemäuer. Es sind Schritte zu hören und ein seltsam hypnotischer Gesang hochfrequenter Stimmen erklingt. Es wird plötzlich dunkler, als würde die Wolken eines aufkommenden Unwetters den Himmel verfinstern. Doch es sind keine Wolken. Es ist eine Hecke, die in einem rasanten Wachstum rund um die Halle herum entsteht. Ein Fenster zerbricht klirrend. Eine seltsame Kreatur – eine Art riesige Seelilie vielleicht? – dringt in die Halle ein. Ihr fremdartiges Maul stürzt sich mit rasender Geschwindigkeit auf Karura-san und stülpt sich über ihren Leib. Ich zögere keine Sekunde, um der holden Maid in Nöten zur Hilfe zu eilen. Zeit, etwas Unkraut zu jäten! Aber das Gestrüpp ist ziemlich zäh. Mein Hieb ist nicht kräftig genug, um den Stengel mit einem Schlag zu durchtrennen.
Ein erneutes Klirren auf der anderen Seite der Halle. Ein weiteres Fenster zerbricht unter dem Druck einer zweiten Ranke, die sich (lippenleckend?) auf Lorudo-san stürzt. Lorudo-san zieht geistesgegenwärtig ein Amulett – es ist dieses Ältere Zeichen – hervor und hält es der Pflanze entgegen. Sie zuckt zurück, windet sich und scheint nach einer anderen Stelle zu suchen, um Lorudo-san zu erwischen. Ich schlage weiter auf die Ranke ein, die Karura-san zu verspeisen sucht und dieses Mal gelingt es. Ich trenne die Blüte von ihrem Stengel. Blutroter Pflanzensaft rinnt zu Boden. Die Ranke gibt Karura-san frei und sinkt matt hernieder.
Nun klirrt es an zwei Stellen gleichzeitig. Eine dritte Ranke stürzt sich auf Lorudo-san. Auch diese kann er mit seinem zweiten Älteren Zeichen auf Abstand halten. Von vorn stürzt eine vierte Ranke herein. Sie speit ein grünlich-gelbes Sekret in Henuri-sans Richtung, aber nur ein Tropfen erwischt seinen Nacken. Henuri-san wischt das Sektret ab und dreht unbeirrt weiter das Rad. Da Lorudo-san die beiden Ranken, die ihn bedrängen, recht gut auf Abstand halten kann und die Artillerie von vorn eine größere Bedrohung darstellt, stürze ich vorwärts um dem speienden Unkraut den Gar aus zu machen. Ich schlage zu und bin fassungslos, als mein Katana sein Ziel verfehlt. Wie um mich zu verhöhnen stößt die Pflanze nun eine Ladung ihres Sekrets in meine Richtung aus und erwischt mich voll. Ich werde von der Wucht der aufprallenden Schleimlache rückwärts gegen die Hallenmauer geschleudert und klebe dort fest. ‚Widerliches Gestrüpp‘, schimpfen ich innerlich, während ich versuche, mich von meinen gallertartigen Fesseln zu befreien. Das Sektret brennt fürchterlich auf meiner Haut.
Mit Schrecken beobachte ich, wie durch das Haupttor ein riesenhaftes Gewächs in die Halle kriecht – es ist wenigstens viermal so groß wie die Ranken, die uns bislang an den Kragen wollen. Die seltsamen hypnotischen Gesänge, die wir hören, werden deutlicher, als das Tor aufspringt. In diesem Moment wird mir bewußt, dass wir wieder einmal Zeugen eines unerklärlichen Grauens geworden sind und erschauere innerlich. Wie in einem Albtraum sehe ich Karura-san auf die speiende Blüte mit ihrem zarten Degen zu stürmen. Sie verfehlt ihr Ziel und steht nun direkt vor der singenden Riesenpflanze. Während ich mich von meinen klebrigen Fesseln befreie und mich dabei meiner schleimgetränkten Kleider entledige, sehe ich voller Bestürzung zu, wie Karura-san sich hingebungsvoll in Richtung der singenden Pflanze bewegt, die sie mit ihren tentakelartigen Fangarmen sanft empfängt. Ich höre Lorudo-sans verzweifelten Ruf der Hilflosigkeit, als er seine Geliebte in die Fängen dieser Unfassbarkeit entschwinden sieht.
Die Mauer knirschen und stöhnen. Henuri-san dreht das Rad der Tafelrunde gerade von Position „E“ in Richtung „A“. Ich hebe mein Katana auf und Stürme vorwärts, fest entschlossen, dieses singende tentakelbewehrten Gesträuch zu vernichten. Ich bin der Überzeugung, dass dieses Ding eine Art Mutterpflanze ist und dass, wenn sie verschwindet, auch ihre gierigen Triebe nichts mehr ausrichten können. Als ich aber mit einem lauten Kampfschrei eine vorwärts stürze,
erwischt mich wieder eine Salve dieses ätzende Sekret der spukenden Ranke. Im gleichen Moment wandeln sich die fremdartigen Gesänge in meinem Kopf in eine sanfte, lockende Melodie. „Komm her, komm zu uns! Hab keine Furcht!“, säuselt sie. Mit einem Schlag werde ich ganz ruhig. Ich spüre… Frieden… Wie ferngesteuert beginne ich auf die „Mutterblüte“ zugehen.
„[simple_tooltip content=’Wach auf!‘]Me wo samase[/simple_tooltip].“ Eine innere Stimme ruft nach mir und mahnt mich zur Klarheit. „Me wo samase!“ Ich schüttle meine Befangenheit ab und sehe wie meine Freunde allesamt dem hypnotischen Bann erlegen, ihres eigenen Willens beraubt in Richtung Mutterpflanze wandeln. Das Rad der Tafelrunde wurde auf die Position A gedreht. Es fehlt nur noch das „L“. Ich klettere auf die Bänke und stoße das Rad mit meinem Katana an. Es dreht sich tatsächlich ganz leicht und rastet wie von selbst ein, als es an der richtigen Position steht. In diesem Moment schießt ein gleißender Blitz aus Königin Victorias Brust und ergießt sich als helles, warmes Licht in die gesamte Halle. Ich bin wie geblendet – kann für einen Moment nichts sehen. Dann ist plötzlich alles vorbei. Die Pflanzen sind verschwunden – haben sich in Luft aufgelöst oder zurückgezogen – und meine Freunde sind wieder zu Sinnen gekommen. Auch Karura-san ist mehr oder weniger wohl auf. Verdattert schauen sie sich um und entdecken, dass sich an Queen Victorias Busen eine Lade geöffnet hat. Sie versammeln sich neugierig um die Statur. „Monsègur!“, ruft Henuri-san plötzlich begeistert aus. Mir sagt dieser Begriff nichts.
Ich klettere – noch immer etwas benommen – von unserem skurrilen Gartenbank-Stapel herunter. Henuri-san, Lorudo-san und Karura-san diskutieren darüber, was mit dem Objekt, das Queen Victorias Busen offenbart hat und das ich nun auch einmal in Augenschein nehme (es handelt sich um das Modell einer Burg), geschehen soll. Mir ist das egal. Alles was ich will ist so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ich brauche dringend ein Bad und saubere Kleider. Außerdem habe ich einen brennen Schmerz an meiner linken Seite festgestellt. Hier hatte mich die zweite Verdauungssaft-Salve dieser Pflanze erwischt. Ich sage den anderen, dass ich im Auto warte und verlasse die Great Hall. Beim Rausgehen fällt mein Blick zufällig in den Garten. Ganz anders als noch vorhin wirkt er jetzt irgendwie schlapp und ermattet, als während ein heftiges Unwetter über ihn hinweg gefegt.
Am Silver Ghost angekommen hole ich zunächst den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Kofferraum und versorge die Verätzung. Es ist keine besonders schlimme Wunde. Die Säure hat nur die oberen Hautschichten verletzt. In ein paar Tagen sollte das wieder ausgeheilt sein.
Die Zeit, bis Henuri-san, Lorudo-san und Karura-san schließlich auch kommen, erscheint mir wie eine halbe Ewigkeit. Die Stimmung an Bord des Silver Ghost ist angespannt. Wir alle sind schockiert, betroffen und überhaupt völlig überfordert mit den Ereignissen der letzten beiden Tage. Wir reden kaum. Ich fahre recht zügig und erreiche nach einer dreiviertel Stunde Highclere Castle. „Alle raus jetzt. Ich will nach Hause“, gebe ich meinen Passagieren deutlich – vielleicht etwas zu schroff – zu verstehen. Als alle ausgestiegen sind, verlasse ich mit einer rasanten Kehrtwendung das Highclere Castle Anwesen und Newbury in Richtung Curdridge.











