生と死の間 (Sei to shi no aida) – Der Raum zwischen Leben und Tod.
Am Nachmittag bin ich endlich wieder zu Hause. Vom Osten her zieht ein Gewitter auf, doch ich erreiche Haus und Hof vor dem Unwetter. Meine schleimverseuchten Kleider lasse ich gleich im Kofferraum. Die bringe ich morgen zur Wäscherei.
Ich laufe direkt ins obere Stockwerk, hole mir eine saubere Yukata aus dem Schrank und heize den Badeofen an. Dann gehe ich in die Küche und mache mir etwas zu essen. Gesättigt mache ich mich nun daran, mein Katana einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Obwohl ich „nur“ auf Pflanzen eingehackt habe, wirkt die Klinge blutgetränkt. Gesäubert, poliert und geölt führe ich das Schwert zurück in seine Scheide. Das Badewasser ist inzwischen auch aufgeheizt.
Nachdem ich endlich wieder sauber bin, lasse ich mich erschöpft auf meinen Futon fallen. Ich drifte in einen halbschlafartigen Zustand ab. Ich höre eine Melodie und Trommeln. Nein, es sind keine Trommeln. Es ist der rhythmische Schlag eines Temari-Balles. Tom-tom-tom-tok-tok-tom-tom-tom-tok-tok… Dieses Lied – es kommt mir fremd und doch gleichzeitig tief vertraut vor. Ich erinnere mich, wo ich es gehört habe. Es war bei einem Straßentheater in Hiroshima. Ich wurde damals an der Marine-Akademie ausgebildet und kam zufällig vorbei. Es war diese Melodie, die mich auf die Schauspieltruppe aufmerksam gemacht hatte. Ich habe das Lied schon lange nicht mehr gehört – eigentlich nur dieses eine Mal. Ich erinnere mich noch deutlich, wie mein Blick den der schönen Sängerin traf. Es war, als trügen ihre Augen die Worte und die Melodie direkt in mein Bewußtsein, wo sie sich lange bedeckt hielten und von wo aus sie jetzt in meinem Kopf widerhallen…
Hitotsu – higure ni gan kakete
Eins – sende einen Wunsch / ein Gebet in das Zwielicht
Futatsu – fudasho no tsukimisou
Zwei – die Nachtkerze einer Sinnreise
Mittsu – misora ga akeru koro
Drei – wenn die Dunkelheit einem wunderschönen Himmel weicht
Yottsu – yonaki no ko wo oute
Vier – trage das Kind, das weint in der Nacht
Itsutsu – itsumade tsukeba yoi
Fünf – wie lang soll ich dir folgen?
Muttsu – mukae ni konu haha ni
Sechs – bis zu meiner Mutter, die nicht zurückkam, um mich zu holen.
Nanatsu – naisho de uramigoto
Sieben – geheime Worte der Bitterkeit
Yattsu – Yamanba konu uchi ni
Acht – bevor die Berg-Hexe kommt
Kokonotsu – ko wo sute yama koete
Neun – überquere den Berg und lasse das Kind zurück.
Too de onigo ni narima shita
Zehn – weit, weit fort wurde ich ein Kind der Dämonen.
Wie ein Mantra wiederholt sich das Lied in meinem Kopf. Trotz der schweren Worte beruhigt es mich zutiefst. Ich spüre ein warmes Licht. Von meinem Herzen ausgehend erfüllt es bald meinen ganzen Körper, breitet sich von dort weiter aus über Curdridge Hill, das Hampshire, England, Europa…. um die ganze Welt. Für einem Moment empfinde ich nichts als Stille und Frieden. Dann tauchen Bilder aus meiner Vergangenheit auf – Gesichter, Orte… manchmal auch einfach nur ein Gefühl.
Ich sehe die Almina und ihre Crew. Sie gleitet sanft und majestätisch durch die ruhige See. Plötzlich bricht das Meer auf und riesige Tentakeln ergreifen das Schiff und reißen es in die Tiefe. Ich höre die verzweifelten Rufe der Mannschaft in ihrem Todeskampf. Mir sind die Hände gebunden. Ich kann nichts tun, um das zu verhindern, erkenne ich hilflos.
Die Bilder der Almina verblassen, doch das Gefühl der Hilflosigkeit bleibt. Ich fühle den Schmerz in mir, den dieses Gefühl auslöst, ein Schmerz, der aber noch viel tiefer geht. Es ist so intensiv, dass ich sterben möchte. Aber hört es dann auf, weh zu tun? Bin ich vielleicht schon längst tot und habe es nur noch nicht realisiert? Vielleicht ist die Almina bereits bei dem Piratenangriff in der Banda-See gesunken und ich mit ihr… ???
Ein tiefer Atemzug durchfährt meinen Körper. Ich erwache und spüre meinen Herzschlag und das Blut in meinen Adern pulsieren. Ich setze mich auf und erkenne: Nein, ich bin nicht tot! Der Schmerz ist geblieben und noch immer höre ich das rhytmische Trommeln des Temari-Balls.
„Too de onigo ni narima shita….“ , singe ich leise und versuche mich dem Schmerz zu öffnen. Langsam begreife ich, dass das Kind, das ich auf der anderen Seite des Berges zurückgelassen habe, ein Teil von mir war. Ich wollte es nicht – ich wollte mich nie hilflos fühlen und so habe ich es verleugnet und dabei nicht gemerkt, dass ich mich selbst verraten hatte. Ich gehe hinein in den Schmerz, lasse mich von meinem Atem führen, doch ich komme nicht hindurch. Etwas sperrt sich in mir. Es ist zu schwer für mich. Ich schaffe es nicht, diese Blockade aus eigener Kraft zu durchbrechen.
Die Nacht ist längst über Curdridge Hill hereingebrochen. Ich gehe auf den Balkon und nehme eine Zigarette aus der Mal-Kah Schachtel, die ich vor ein paar Tagen gekauft habe. „Patronized by ‚Royality and the Nobility'“ wirbt die Marke der britischen Mal-Kah Company. Ich nehme einen kräftigen Zug und blase den Rauch in den englischen Nachthimmel. Er ist sternenklar. Der abnehmende Mond wirft sein milchiges Licht herab und lässt das Hampshire in einem zauberhaften Glanz erscheinen. Nebelschwaden kriechen aus den feuchten Wiesen und irgendwo in der Ferne singt ein Nachtvogel sein einsames Lied. Die Nachtkerzen im Vorgarten – Abendprimeln (evening primrose) werden sie hier genannt – stehen in voller Blüte. Das satte Gelb und Orange der Blüten leuchtet selbst in der spärlich erhellten Mondnacht wie die Sonne. Doch was ist das? Die Pflanzen aus dem Vorgarten beginnen zu wachsen, so schnell, dass ich ihnen dabei zusehen kann. Schon bald ist das ganze Haus eingewuchert und die Blumen strecken mir ihre hungrigen Blüten, die mittlerweile auf ein bis zwei Meter im Durchmesser angewachsen sind, gierig entgegen.
Etwas warmes, weiches streift mein Bein. Ich zucke zusammen. „Miau“, macht es zu meinen Füßen. Es ist Kuro. Ich schaue mich verwirrt um. Der Garten liegt friedlich und harmlos dar. Keine Spur von blutrünstigen Monsterblüten. Kuro streicht um meine Beine. Ich kraule ihn ausgiebig, was er sichtlich genießt. Ich hole ihm noch ein Schüsselchen Milch aus der Küche, das er genüßlich ausschlabbert. Dann macht er sich von Dannen und entschwindet in die Nacht.










