Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

御礼参り (Orei mairi) – Begleichen einer alten Schuld

Ich habe unruhig geschlafen. Des Nachts hat mich ein ungewöhnlich real wirkender Traum heimgesucht. Ich lief durch einen Gang aus Torii. Diese Art von Toren markiert in Japan den Eingang zu einem Schrein oder Schreinareal. Es gibt nur einen Ort, der mir bekannt ist, an dem es einen ganzen Gang aus diesen Toren gibt – den Inari Schrein im Fushimi-Bezirk in Kyoto.  Dieser Torii-Gang war schier unendlich. Ich laufe und laufe immer weiter, bis ich am Ende völlig entkräftet zusammenbreche und schweissgebadet aus meinem Traum erwache. Es fällt mir schwer, wieder einzuschlafen. Ich liege in der Dunkelheit. Meine Gedanken rasen wirr durcheinander. Mich plagt ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich irgendwie für Tetsuyas Zustand verantwortlich – schließlich war ich es, der ihn mit meinen Freunden auf diese Expedition geschickt hatte. Gepaart mit diesem seltsamen Traum fühle ich mich in dieser Situation furchtbar hilflos. Ich habe Angst, zu versagen.

Irgendwo draußen zirpt eine einsame Zickade ein letztes Lied des vergehenden Sommers. Ihr monotoner Gesang lullt mich schließlich doch ein und ich erwache mit den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages. Ich rolle mich von meinem Futon und bringe meinen Kreislauf mit etwas Morgengymnastik in Schwung. Nachdem ich mich frisch gemacht und angezogen habe, gehe ich in die Küche und setze eine Kanne Kaffee auf. Der Kaffeeduft hat offenbar auch Maikurofuto aus den Federn gelockt. Ich freue mich über seine Gesellschaft. Gemeinsam bereiten wir das Frühstück vor. 

Tetsuya taucht zum Frühstück nicht auf. Auch Stunden später lässt er sich nicht blicken. Erst gegen Mittag tapst er nur in Unterwäsche gekleidet aus seinem Zimmer. Er macht einen elenden Eindruck. 

„Iss erstmal etwas“ , sage ich und schiebe ihm einen Stapel Pancakes, die vom Frühstück übrig geblieben sind, zu, „Bist du in Ordnung?“ 

Tetsuya wirft mir einen zynischen Blick zu. „Sicher doch, Haruka-san, das sieht man doch“, antwortet er unüberhörbar sarkastisch. „Es tut mir leid“, entschuldige ich mich. Ich habe das Gefühl, ihm etwas zu nahe getreten zu sein. „Schon in Ordnung“ , antwortet Tetsuya, „es ist nur, mir geht es glaube ich wirklich nicht besonders gut. Eigentlich schon, aber irgendwie auch nicht. Ich glaube, ich verliere den Verstand…“ 

Und dann sprudelt es aus ihm heraus. Er erzählt von einer nächtlichen Exkursion, die darin gipfelte, dass Henuri-san in einem Ritual schwarzer Magie eine furchtbare Kreatur beschworen hätte. Tetsuya beginnt zu stottern, sein Blick wird starr vor Angst, als er sich an das nächtliche Geschehen erinnert. „Tetsuya, Tetsuya-kun“ , rufe ich und schüttle ihn. Es hilft. Ich erkenne am klarer werdenden Blick meines Mitbewohner, dass er seine albtraumhaften Erinnerungen abschütteln kann.

Ich schlage ihm den Besuch eines Sentōs vor. Tetsuya hält das für eine gute Idee und so machen wir und auf den Weg in ein Badehaus – dieses Mal ohne die möglicherweise peinliche Begleitung meiner europäischen Gäste. Wir gehen in ein recht kleines Sentō, wo wir um diese Uhrzeit die einzigen Besucher sind. Tetsuya entspannt sich etwas, was mich sehr beruhigt. Ich frage ihn, wann er das letzte Mal Urlaub genommen hätte. Er überlegt eine Weile und sagt dann, dass das schon gut fünf oder sechs Jahre her sein dürfte. Ich rate ihm, seinen Job vielleicht mal für eine Weile ruhen zu lassen und abzuschalten. Er sei vermutlich nur überarbeitet. Das würde sein Vorgesetzter nicht verstehen, wendet Tetsuya ein, dann erinnert er sich, dass sein Vorgesetzter ja mein Bruder ist und errötet leicht vor Verlegenheit. 

Auf unserem Weg zurück nach Hause gesteht er mir, dass er sich noch immer Sorgen mache. Was, sagt er, wenn diese Albträume, die ihn nicht nur Nachts sondern auch am Tage heimsuchten, nicht mehr aufhörten? Ich nenne ihm die Adresse eines Arztes, Dr. Koyanagi, seines Zeichens Psychologe und Psychiater. Tetsuya ist nicht besonders begeistert von diesem Vorschlag. Er fürchtet, dass ein Besuch bei einem Doktor der Psychologie und Psychiatrie ihn auf ewig als schwachsinnig brandmarken würde.  Erst, als ich ihm berichte, dass Koyanagi mir vor etwas mehr als drei Jahres sehr geholfen hatte, den Verlust meiner Schwester zu verarbeiten und dass auf seine Diskretion absolut Verlass sei, zieht Tetsuya auch diese Option in Erwägung.