NAVEM SOLVERE
Meine Taschenuhr zeigt sechs Uhr dreissig Uhr als ich an Mr Okumura rüttle, ‘Zeit auf zu wachen, alles o.k soweit?’ ‘Mir geht es ganz gut’, antwortet er träge.
Um sieben Uhr treffen wir uns im Salon mit den anderen. Das Mal an Mr Okumuras Bein ist um 1 cm gewachsen. Es wird an seinem Bein gerochen, aber da riecht nichts. Mrs Nidelven führt einen Nadeltest durch, zur Entspannung halte ich dabei wieder seine Hand. Ihm ist das Prozedere sichtlich unangenehm, und beendet es mit den Worten: ‘Das reicht jetzt. Es wird mich schon noch einholen.’
Das nächtliche Studium hat Mrs di Fiona das Ritual gelehrt. Ich erfahre einige Eckdaten: Um während des fünf minütigen Gesang-Rituals geschützt zu sein, wird der himmelblaue Unterwasserbovist gegessen. Dieser Bovist wächst in tiefen, mit Nebel gefüllten Senken im Pilzwald.
Als Mrs von Humboldt in den Hyde-Park aufbricht um auszureiten, lege ich mich wieder zu Mr Okumura ins Bett in der Hoffnung zu träumen. Wir wollen ja möglichst schnell die Bovisten finden um das Ritual durchführen zu können. Aber als ich erwache, meine Taschenuhr zeigt sechzehn Uhr, habe ich nicht geträumt. Mr Okumura und ich gehen in den Salon zur vorgezogenen Teezeit. Um sechzehn Uhr sieben wird der Tee gereicht. Dazu Shortbread in Form kleiner Terrier – Möchte Lord Carnarvon mich bei Laune halten?
Die Besprechung beginnt. Mrs Nidelven scheint es ins Traumland geschafft zu haben und hat zwei Bovisten mitgebracht. Sofort diskutieren alle wild durcheinander. Wortfetzen wie: ‘…Mrs Humboldt, Welcome to the Club,… ja, mit Unterteil essen… … ich habe den Körper abgeschnitten…, …was wollt ihr?…, ‘…also da verweigere ich mich…’
Dann beruhigt sich das Gespräch wieder und konzentriert sich auf das wesentliche, die Verbannung. Zu dessen Vorbereitung legen wir zu viert unsere Zeichen und Roben an, das Henkelkreuz und ich nehme das Seil mit. Mrs Nidelven stellt Mrs di Fiona einen Teil ihrer astralen Energie zur Verfügung und benötigt nach diesem Zauber einen Gin.
Mrs di Fiona wird das Ritual durchführen. Ich werde ihr dabei assistieren. Wir beide essen dazu je einen Bovist.
Wir rollen das Gemälde mit dem ‘Sterilen See’ aus und legen uns davor auf Kissen. Das Motiv wird größer, schließlich stehe ich nahe dem etwa 100 m durchmessenden See in dem sich wohl die Larve des Ghadamon finden lassen sollte. Was verbirgt sich noch unter der trüben Oberfläche?
Blitze zucken am Himmel. Als wir zum See gehen schrecken einige durchscheinende Krabben von einem halben Meter Länge vor uns zurück. Der Boden ist über und über mit Knochen- und Schalensplittern bedeckt. Mrs Abdullah al Charie wendet ‘Gesture Voorish Sign’ auf Mrs di Fiona an, um das Gelingen des bevorstehenden Rituals zu erhöhen.
Als wir das Ufer erreichen erblicken wir im trüben Wasser diese fischartigen, schwarze Wesen.
Mrs di Fiona und ich gehen in den See. Das Wasser, es weicht vor uns zurück! Um uns herum bildet sich eine etwa zwei Meter durchmessende Blase, die uns schützt. So versuchen die schwarzen Fische nach uns zu schnappen, können aber dieses Feld nicht durchdringen.
Nun erkenne ich das es einen kleinen und einen großen Schatten im See gibt. Da sich inzwischen sehr viele schwarze fischartige Wesen um uns versammelt haben wird die Sicht deutlich schwieriger. Wir sind fast komplett umgeben und es gibt nur noch wenige Lücken um in den eh schon trüben Teich zu blicken. So stubse ich Mrs di Fiona in Richtung des kleinen Schattens und sie beginnt schon mit dem Gesang für die Verbannung.
Nach etwa 30 Metern hören wir Mr Blakeley um Hilfe rufen: ‘Es ist so tief!’ Durch einen Restspalt zwischen den schwarzen Fischen kann ich gerade noch so eine zitternde, gallertartige Masse erkennen. Ein nicht unerheblichen Teil Mr Blakeley befindet sich darin.
Nach unerträglichen fünf Minuten Gesang lassen die schwarzen Fische ab. Ich sehe Mr Blakeley wie er zuckt, aus der Larve windet. Er ruft: ‘Ich komme jetzt raus’. Schön, denke ich aber dann fangen die schützenden Blasen an zu schrumpfen. Oh. Oh.
Geistesgegenwärtig packe ich die etwas orientierungslose Mrs di Fiona am Arm und wir treten den Rückzug an. Kurz bevor sich das Schutzfeld aufgelöst hat erreichen wir das rettende Ufer.
Aus der Mitte des Sees steigen Blasen auf. Dann vernehme ich eindringliche Worte: ‘Das werdet ihr mir büßen. Wir werden uns wiedersehen.’
Na ich hoffe nicht und erwache neben dem Gemälde. Meine Taschenuhr zeigt kurz nach zwanzig Uhr als die Welt England gerettet ist. Ich nehme mir ein Pefferminztäfelchen vom Buffet und singe spontan:
When Britain first, at Heav’n’s command,
Arose from out the azure main,
This was the charter of the land,
And guardian angels sang this strain:
|:Rule, Britannia! Britannia rule the waves;
Britons never will be slaves.:|
Als wir im St-Marys Hospital anrufen um nach dem Zustand von Mr Blakeley zu fragen hebt niemand ab. Umgehend fahren wir hin. Vor dem Hospital hat sich eine Menschentraube gebildet. Mist, auch die Presse ist dabei. Ich höre heraus das Mr Blakeley erwacht sein soll und wieder vernünftig reden kann.
Im vierten Stock erblicken wir einen zwar immer noch aufgedunsenen aber doch sehr humanoiden Nelson Blakeley. Seine Züge, fast wieder vertraut. Er blickt uns aus trüben Augen an. ‘Euch kenn ich doch. habt ihr mir geholfen? Ich danke Euch’ ‘Werdet erst einmal wieder gesund.’’Vielleicht lasse ich von der Malerei ab.’ Mrs Tillstrom nickt dankend und auch sie scheint von der Macht befreit.
Zurück in Halton House wird mit viel Gin gefeiert. Das Gemälde ‘Schicksal’ schenke ich Mrs Abdullah al Charie. Da sie aber nach eigener Aussage ‘mit wenig Gepäck reist und keinen unnötigen Hausrat ansammeln möchte verschenkt sie es umgehend an Lord Carnarvon. Dieser Kreis, er ist geschlossen!
Zu später Stunde möchte Mr Okumura unbedingt noch einmal Mr Pickmann besuchen. Ich begleite ihn auf dieser (hoffentlich letzten Reise in ein Bild), gewappnet mit Robe, Henkelkreuz und Seil.
Unser Eintritt gelingt erneut: Nahe eines Mausoleums treffen wir den Ghoul an und überbringen ihm zunächst die freudige Botschaft. Er röchelt: “Kaum zu glauben, das mit Blakeley.” Auf Anfrage nach dem Bein antwortet er: “Das sieht nicht gut aus. Hilfe kann hier nur die Entität der Katzen leisten. Und ganz wichtig: Nicht dran kratzen, Henry!” Für diese Information verlangt Mr Pickmann eine Gefälligkeit, eine weitere Bürde für Mr Okumura,
Um uns seine Macht zu demonstrieren schnappt Mr Pickmann sich das Henkelkreuz, läßt es lässig um seinen Mittelfinger rotieren und gibt es schließlich zurück. Aber ein verbranntes Mal ist an seinem Finger zu erkennen.
Weitere Hilfe bietet er uns bereitwillig gegen entsprechende ’Snacks’ an. Was dies bedeutet, sollte jedem klar sein. Und so bedanken wir uns bei Mr Pickmann und verlassen umgehend das Bild.
Col Winterbottom trifft ein. Wie erwartend ist er sehr neugierig und nach wie vor vermummt. Er hat einen Brief für Mrs di Fiona bei sich, anscheinend gibt es ein Problem auf Chat Noir. Wir berichten ihm von unserer letzten Heldentat, gönnen ihm einen (kurzen) Blick auf die Gemälde, anschliessend beginnt das Palaver.
Nachdem sich die Lage beruhigt hat gehen Tamino, Indy, Col Winterbottom und ich vor die Tür. Während des Spaziergangs erfahre ich das Tamino zur Fütterung ‘Frische Herzen’ bekommt und beobachte, wie er eine Ratte fängt. Dieser Hund, er ist noch sehr unerzogen. Und Col Winterbottoms, er wirkt verändert.
Zum Einschlafen lese ich in den alten Zeitungen die in Halton House ausliegen.









