Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

慰み (Nagusami) – Zerstreuung

Zurück in Tōkyō. Ich bin schon den ganzen Tag von einer gewissen Unruhe getrieben. Etwas ist im Gange und es ist nicht gut. Ich kann diese dumpfe Ahnung und Beklemmung nicht abschütteln. Selbst nach drei Stunden intensiver Verausgabung in meinem alten Dōjō gelingt es mir nicht, die Gedanken völlig zu überwinden. Ich habe das Gefühl, dass etwas in Bewegung gerät, das die Welt erschüttern könnte – ein aufbrechender Himmel und das, was er hervorbringt hat die Macht, die Kräfte dieser Welt neu zu verteilen. Jemand ist auf dem Weg, es aufzuhalten. Unweigerlich denke ich dabei an Freunde in weiter Ferne.

Ich bin nicht wirklich verwundert, als Mycroft am Abend vor meiner Tür steht. Ich spürte schon, dass wir uns heute oder an einem der nächsten Tage treffen würden. Ich freue mich, meinen alten Freund wohlbehalten in die Arme schließen zu können. Wir tauschen uns aus über das, was wir in den vergangenen Wochen erlebten. Er bestätigt mir, dass er in die Ereignissen auf dem Heiligen Berg von Odawara involviert war. Wie es dazu kam, vermag auch er nicht zu erklären. “Ein spontaner magischer Ausbruch”, vermutet er.

Am Abend suchen wir Zerstreuung und mieten uns in einem von Shibuyas zwielichtigen Vergnügungsetablissements ein. Hier stellt niemand unangenehme Fragen, nicht einmal über einem maskierten Gaijin, solange die Größe der Geldbörse stimmt. Es dauert nicht lange, bis sich die Amüsierdamen unserer annehmen. Mycroft genießt die ihm zuteil werdende Aufmerksam, wenngleich er und das Mädchen sich kaum verständigen können. Ich sehe ihn in Richtung der Gästezimmer verschwinden, wo auch wir Quartier bezogen haben. Als er in den Gang, der zu den Zimmern führt, einbiegt, hat er bereits zwei Damen in seinen Armen. Lächelnd wende ich mich meinem Sake zu. Ich gönne ihm die Freuden.

Das Mädchen, das versucht, mich zu umwerben, erkennt bald, dass sie sich vergeblich bemüht. Ich habe keine Lust, mich zu verbiegen und mich halbherzig einem Vergnügen hinzugeben, das mich nicht erfüllen wird – dafür bin ich noch nicht betrunken genug. Vergnügungen nach meinem Geschmack sind in diesem Etablissement nicht vorgesehen, schätze ich, und ich wage nicht, danach zu fragen. Es wäre nicht das erste Mal, dass man mich aufgrund meiner Neigung abnorm und pervers nannte und mir die Tür wies. Eine Zeit lang hatte ich selbst geglaubt, dass mit mir etwas nicht stimmte und ich begann mich dafür zu hassen. Nein, eine solche Demütigung möchte ich mir lieber ersparen. Stattdessen gebe ich mich dem Glücksspiel, dem Alkohol und anderen Drogen hin. Ich verliere viel Geld an diesem Abend, aber das ist mir egal.