Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

無形の同伴者 (Mukei no dōhansha) – Ein körperloser Begleiter

Ich bin wieder allein und das beklemmende Gefühl der Einsamkeit beginnt mich erneut zu beschleichen. Es fühlt sich heute schlimmer an, als an den Tagen zuvor. Ich muss mir etwas überlegen, um die Nächte hier zu überstehen, ohne mich von diesem Gefühl lähmen zu lassen. Die Südlande kommen mir wieder in den Sinn. Vielleicht gibt es dort eine Entsprechung der schwarzen Krähenburg von Matsumoto. Dieser Gedanke kommt mir heute nicht zum ersten Mal. Möglich wäre es, immerhin ist die schwarze Burg von Matsumoto ein magischer Ort und auch, wenn ich es nicht mit Sicherheit sagen kann, glaube ich, dass meine Königin eine besondere Beziehung zu dieser Welt pflegt. Die Nacht ist die Zeit der Träume und Kurō hat mich nach Ulthar gerufen, als er das erste Mal mit mir sprach. Doch ich kenne den Weg in die Südlande nicht und weiß nicht, welche Gefahren dort lauern und welche Gepflogenheiten dort herrschen. Darüber möchte ich zunächst mehr in Erfahrung zu bringen.

Die Bibliothek von Ulthar, in der ich hoffe, mehr herausfinden zu können, hat noch etwas mehr als eine Stunde geöffnet. Zur siebten Stunde des Nachmittags schließt sie ihre Pforten. Die Kürze der Zeit reicht kaum aus, um das zu finden, was ich suche. Ich lese etwas über die Ebene von Leng udn mir wird klar, dass nicht alle Orte in den Traumlanden so friedlich sind, wie Ulthar. Ich frage einen Bibliothekar – es ist der gleiche, der mir vor ein paar Tagen den Weg zu den Büchern mit Zaubersprüchen und Ri tualen gewiesen hatte – und frage ihn, ob die Möglichkeit bestünde, das ein oder andere Buch auszuleihen. Er lehnt diese Bitte ab.

“Ihr könnt aber gerne Abschriften von Werken oder Werkteilen anfertigen lassen, die für Euch von Interesse sind.” Er überlegt einen Moment. “Wenn ich mich recht entsinne, habt Ihr das ja auch selbst schon getan. Ihr habt eine gute Handschrift. Wenn Ihr interessiert seid, könnte ich Euch eine Arbeit als Kopierer anbieten.“
Ich mustere ihn eingehend. “Ich glaube nicht, dass das etwas für mich ist”, wende ich ein.
“Das habe ich befürchtet”, meint der Bibliothekar mit einem Seitenblick auf meine Waffen, “man kann es ja mal versuchen.”
“Nun ja”, wende ich ein, “wenn die Möglichkeit bestünde, dass ich nachts hier arbeite, wäre das eine Option.”
Der Bibliothekar schüttelt den Kopf.
“Das ist leider nicht möglich”, sagt er.
“Warum nicht?”, will ich wissen.
“Die Bibliothek ist voller Geheimnisse, die sich des Nachts offenbaren, die nur den eingeweihten und erfahrenen Librologen vorbehalten sind”, erklärt er, “mit der Zeit wäre es vielleicht auch Euch möglich, in diesen Rang aufzusteigen, aber für den Anfang ist das ausgeschlossen.”
“Diesen Weg sehe ich für mich nicht”, erwidere ich, “ich suche eine Beschäftigung für die Nacht. Wisst Ihr, ich schlafe seit einiger Zeit nicht und die Nächte können sehr einsam werden, wenn man nichts zu tun hat.”
“Warum schlaft Ihr nachts nicht?”, fragt der Bibliothekar.
“Weil…”
Ich überlege, wie ich dem Mann meine Situation erklären kann. ‘Er ist ein Mann des Wissens’, überlege ich, ‚vielleicht versteht er die Wahrheit.’
“Ich komme nicht von dieser Welt”, erkläre ich, “ich bin auch nur zu einem Teil hier. Mein physischer Körper träumt. Er ist weit fort von hier in einer verfluchten Bibliothek.”
Der Bibliothekar schaut mich verwirrt an.
“Ihr seid also hier und gleichzeitig auch nicht?”, wundert er sich, “das klingt seltsam.”
“Das glaube ich Euch gerne”, antworte ich, “vielleicht kennt ihr den Ort. Es ist die Bibliothek zu Babel.”
Er schüttelt den Kopf.
“Davon habe ich noch nie etwas gehört”, sagt er, “eine Bibliothek sagt Ihr?”
“Ja, eine unendliche Bibliothek ohne die Möglichkeit, zu entrinnen. Wer dorthin geht, läuft Gefahr, sich selbst zu vergessen.”
“Warum sucht ihr dann nach Wissen über die Südlande”, fragt er, “solltet Ihr Euch nicht lieber um euren Körper kümmern?”
“Wenn ich wüsste, wie ich das anstellen soll, würde ich das tun”, antworte ich, “aber ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wo ich anfangen sollte, nach einer Antwort zu suchen.”
“Macht ihr euch denn gar keine Sorgen?”
“Nicht direkt”, entgegne ich, “die Bibliothek hat die Eigenart, dass körperliche Bedürfnisse dort nicht wirken.”
“Aber Euer Körper könnte sterben. Was passiert dann mit Euch?”
“Dann verschwinde ich von hier und werde ebenfalls sterben”, antworte ich ruhig, “das ist der Lauf der Dinge.”
Tatsächlich habe ich bereits den Entschluss gefasst, meinem Leben selbst ein Ende zu setzen, sollte ich, durch welche Umstände auch immer, wieder in der Bibliothek zu Babel erwachen und es mir nicht möglich sein, von dort schnell wieder zu entkommen. Ein ewiges Leben auf der Suche nach etwas, das so gut wie unmöglich gefunden werden kann, kommt für mich einem ewigen Tod ohne die Chance auf eine Wiedergeburt gleich. Ein solches Schicksal will ich mir ersparen.
Den Bibliothekar scheint meine Gelassenheit gegenüber dem Sterben zu überraschen. Er bedauert, mich nun bitten zu müssen, das Gebäude zu verlassen. Die Bibliothek müsse nun schließen, sagt er, und Gäste müssten gehen.

Wenig später stehe ich desillusioniert vor den Toren der Bibliothek. Ziellos beobachte ich das abendliche Treiben in der Stadt, aber es gibt nichts Neues zu entdecken. Ich verspüre keine Lust, den Abend heute wieder in der Gastwirtschaft zu verbringen. Die tägliche Routine beginnt mich zu zermürben. Ich muss etwas erleben, etwas anderes sehen, raus aus dieser Stadt, in der mich mittlerweile fast jeder als “Der Mann aus dem Südland” kennt. Ich fühle mich gerade wie der sprichwörtliche Frosch im Brunnen, der keine Ahnung vom Meer hat.

Ein auffällig gut und für diese Gegend ungewöhnlich gekleideter Mann erregt meine Aufmerksamkeit. Er trägt einen blauen Anzug und eine farblich darauf abgestimmte Melone. Ich staune nicht schlecht, als ich erkenne, dass es ein alter Bekannter ist: Bernhard Link. Er hat mich bereits registriert und bewegt sich auf mich zu.
“Mr. Okumura, welch eine Freude, Sie zu sehen.”
“Ich grüße Sie, Herr Link. Die Freude ist ganz meinerseits.”

Wir tauschen zunächste belanglosen Smalltalk aus. Aus den Berichten meiner Freunde zu ihrem seltsamen Abenteuern im Severn Valley habe ich ein paar Dinge darüber erfahren, wie es Bernhard nach unserer plötzlichen Trennung in Visoko ergangen ist, auch wenn ich viele Details seines Schicksals nicht kenne.

Ich berichte ihm auch von meiner verzwickten Situation. Zu meinem Erstaunen ist Bernhard der Name der Bibliothek, in der ich gefangen bin, tatsächlich ein Begriff und er versteht, in was für einem Dilemma ich stecke. Weiter erzähle ich, dass ich die Traumlande besser kennenlernen möchte und bitte ihn, mich zu unterweisen. Schließlich hat er das körperlose Reise kultiviert, da er ja selbst ohne Körper ist.
“Aber ich habe doch einen Körper”, wendet er ein. Ich schlucke. Mir war nicht klar, dass ihm nicht bewusst ist, dass außer seinem Gehirn nichts mehr viel von seinem Körper übrig ist.
“Natürlich”, bestätige ich wider besseren Wissens. Er ist zufrieden mit seinem Dasein und es liegt mir fern, ihm den Glauben, dass alles in Ordnung sei, zu nehmen. Vielleicht ist es ja so wie es ist auch in Ordnung.
“Was ich sagen wollte – Sie reisen sehr viel körperlos. Ich möchte von Ihnen lernen.”
“Nun ja”, sagt er, “ich reise eigentlich nur durch die Lande und nehme die Eindrücke in mich auf. Wenn Sie möchten, können Sie mich gerne begleiten.”
“Das wäre mir eine große Freude”, antworte ich.
“Gut, wohin soll es denn gehen”, fragt er.
“Mich interessieren die Südlande”, erkläre ich.
“Warum reisen wir dann nicht nach Zak?”, fragt Bernhard.
“Zak?”
“Das ist ein Ort in den Südlanden. Ich selbst war auch noch nicht dort”, erklärt er.
“Das hört sich gut an”, willige ich ein.
“Schön”, lächelt Bernhard, “wir müssten zunächst nach Hatheg reisen, dann weiter nach Drinen und von dort aus über Golthoth und Oonai weiter durch die Kanthianischen Hügel und dann entlang des Flusses Zuro bis in die Südlande.”
“Aber wir sind doch hier in den Traumlanden”, wende ich ein, “hier genügt doch der Wunsch und die Vorstellungskraft, um von einem Ort zu einem anderen zu kommen.”
“So einfach ist das leider nicht”, gibt Bernhard zu bedenken, “Sie müssen den Ort, den Sie besuchen möchten, schon einmal gesehen haben, sonst können Sie ihn nicht visualisieren, um dorthin zu gelangen.”
Das hatte ich mir etwas einfacher vorgestellt, aber auch diese neue Erkenntnis bringt mich nicht von meinem Vorhaben ab.
“Gut”, sage ich, “dann lassen Sie uns aufbrechen.”
“Sehr schön”, bestätigt Bernhard, “das wird mit Sicherheit eine erquickende Reise. Und vielleicht kann ich Ihnen ja auch helfen, Ihr Problem zu lösen.”