Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

黒い猫の黄色目  (Kuroi neko no kiiroi me) – Die gelben Augen der schwarzen Katze

 

In meinem Traum reise ich wieder nach Japan. Ich stehe an der Südküste von Okinawa, der südlichsten der vier japanischen Hauptinsel, und blicke auf des Meer. Es ist früher Morgen. Der volle Mond hängt noch am Firmament, sendet sein Licht zur Erde, das jedoch mehr und mehr der wachsenden Kraft der sich langsam im Osten erhebenden Sonne weicht.  Rot wie das Blut und weiss wie der Tod spiegeln sich die Antlitze Tsukiyomis und Amaterasus in Susanōs wilder und urwüchsigen See. 

Eine schwarze Katze gesellt sich zu mir. Sie fixiert mich mit ihrem Blick und spricht mit mir. Ich kann nicht genau sagen, ob sie wirklich mit mir spricht oder ob ich sie nur in meinem Kopf höre. „Sieh in meine gelben Augen“, sagt sie, „du bist mir schon mehrmals begegnet, auch in dem Haus von Joe. Komm zu mir, wenn es deine Zeit ermöglicht.“ Bevor ich etwas erwidern kann, zieht die Katze wieder von dannen und ich entgleite in die Wachwelt.

Das Haus von Joe… ich erinnere mich, dass meine Freunde jenes Haus in Exeter, das bei Halbmond ein physisches Portal nach Ulthar darstellt, auch das Haus von Joe genannt hatten. Dort gibt es auch dieses Fensterbild von einer schwarzen Katze mit gelben Augen und dorthin will ich heute fahren. ‚Wenn es deine Zeit ermöglicht…“, hatte die Katze gesagt. Ich hätte jetzt Zeit, aber ist es auch das, was die Katze gemeint hatte?

Maikurofuto ringt mit sich, mich zu begleiten, doch er ist von seiner Reise noch recht erschöpft und entscheidet sich dann doch, den Tag zu nutzen, um sich auszuruhen. „Vergiss nicht, Katzenfutter zu besorgen“, legt er mir nahe, als er mir die Schlüssel für das Haus überläßt.

Ich folge dem Rat meines Freundes. Bevor ich das Haus im Holloway 24 in Exeter betrete, fülle ich die Futternäpfe vor dem Gebäude. Mein Weg führt mich direkt zu dem Treppenabsatz zwischen Erdgeschoss und der ersten Etage, wo das Fensterbild angebracht ist. Ich lasse mich auf dem Treppenabsatz nieder, betrachte das Motiv und vor allem die Augen der Katze eingehend, doch nichts passiert. Vielleicht ist es nicht die richtige Zeit. In etwa einer Woche, am fünften Oktober, ist der nächste Halbmond – dann werde ich noch einmal hierher kommen.

Ich will gerade wieder gehen, als seltsame Geräusche aus dem Obergeschoß meine Aufmerksamkeit erregen. Es ist eine Art Heulen – im ersten Moment glaube ich, dass es das Wimmern des Windes in den Dachspalten ist, doch dann klingt es für mich wie das Klagen und Jammern eines Menschen. Ich folge den Geräuschen nach oben, kann sie aber nicht lokalisieren. Je länger ich nach der Quelle dieser mysteriösen Klänge suche, desto gruseliger werden diese und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich herausfinden will, was dahinter steckt. Skeptisch und etwas verunsichert verlasse ich das Haus wieder und kehre zurück ins Hampshire.

Als ich am späten Nachmittag nach Highclere Castle zurückkehre, beraumt Lorudo-dono direkt eine „Übungsstunde“ im Hangar ein. Er will das Aufzeichnen des Ritualkreises, in dessen Innern sich alle von uns befinden müssen, wenn wir dem erwachenden Herrn des Wassers gegenübertreten, trainieren. In einer halben Stunde will er uns im Hangar sehen.

Wenig später treffen wir uns wie verabredet im Flughangar von Highclere Castle, um die Vorbereitung des Rituals für die Verbannung Cthulhus zu üben. Lorudo-dono ist gereizt und bellt in herrischem Ton Befehle und Anweisungen. Etwas in mir rebelliert gegen diese Art und Weise – ich fühle mich an meine Kadettenzeit beim Militär erinnert. Eine Stunde lang triezt er uns, an deren Ende er sich mit dem Ergebnis alles andere als zufrieden zeigt. „Das muss besser werden, das muss schneller gehen“, schilt er. Nur mit sehr viel Selbstdisziplin gelingt es mir, mich nicht gegen diese Herablassung aufzulehnen. Maikurofuto, dem mein Mißmut nicht entgangen ist, klopft mir aufmunternd auf die Schultern. „Er meint das nicht so“, sagt er, „er ist nervös – verständlicher Weise – und er kann auch nicht aus seiner Haut. Du darfst nicht vergessen – er ist immerhin ein Lord.“ Die Worte leuchten mir ein, dennoch lässt mich diese Einsicht kein Stück besser fühlen. 

Maikurofuto holt die beiden Bokutō, die wir nach unserem letzten Trainingskampf hier im Hangar gelassen hatten. Tatsächlich bringt es mich zum Lächeln, als er mir eines der Bambusschwerter zuwirft und mich herausfordert. „Warte kurz“, sage ich, als Maikurofuto sich in Kampfstellung bringt. Ich suche nach etwas, das ich als Augenbinde benutzen kann, finde aber hier im Hangar nichts, außer dem Obi, der meinen Kimono zusammen hält. Ich entledige mich des Kleidungsstückes, verbinde mir mit dem Gürtel die Augen und bringe mich ebenfalls in Kampfposition. „Jetzt können wir anfangen“, sage ich.