見識 (Kenshiki) – Einsichten
Ich bin innerlich unruhig. Es scheint mir besser zu gehen. Mein Körper verlangt danach, bewegt zu werden, doch ich warte Dr. Monbardeaus Besuch und seine Empfehlung ab. Der Dr. kommt heute bereits um 9:00 Uhr zu mir. Er bestätigt mir die Verbesserung meines Zustandes. Leichte Bewegung, sagt er, könne nicht schaden.
Ich begebe mich zum Frühstück in den Speiseraum. Es gibt Neuigkeiten. Wieder sind einige Dinge verschwunden, dieses Mal ist sogar ein Teil der Eisenbahnanlage gestohlen worden, so dass der Zugverkehr bis auf Weiteres eingestellt werden musste. Auch ist die Rede von weiteren Menschen, die vermisst werden. Seit zwei Tagen fehlt auch jede Spur von Collins,, dem Sekretär des Hauses. Er war aufgebrochen, um einer Spur zu folgen, die seiner Meinung nach zu den Verschwundenen führen sollte.
Meine Freunde wirken übernächtigt. Sie haben den geheimen Zugang, der mit dem fremden Zeichen, vermutlich das des Tsathoggua, markiert ist, geöffnet. Der Schlüssel ist das Pergament aus Carla-sans Schachspiel. Die Figuren, auf die Steine unterhalb des Pendels entsprechend der Zeichnung platziert, wurden zur jeweiligen Stunde umgeworfen. Heute Nacht um vier fiel die letzte Figur, der schwarze König, und der Durchgang im Keller hatte sich geöffnet. Nach dem Frühstück lasse ich mir den Raum zeigen. Er ist leer bis auf eine Stele mit drei Mulden, genau der Größe wie des Lords Portalkugeln. Er weiß auch sofort, was es damit auf sich hat. Wenn man diese Stele mit drei Kugeln aktiviert, sagt er, wird ein Portal erzeugt. Wohin es führt, das wäre noch herauszufinden.
Heute Vormittag soll die Wand, hinter der wir einen weiteren Geheimraum vermuten, aufgestemmt werden. Ich ziehe es vor, diesem Spektakel fern zu bleiben, nicht, weil mir die Courage fehlte, vielmehr fürchte ich, dass das Hämmern und Klopfen, welche das Aufstemmen einer Wand unweigerlich mit sich bringt, meinem Kopf nicht besonders gut tun wird.
Ich entschließe mich zu einem kleinen Spaziergang, lange halte ich es aber draußen heute nicht aus. Bereits nach einer halben Stunde ist der Frost mir schon derart in die Glieder gekrochen, dass ich umkehren muss. Das Haus ist noch immer von lauten Geräuschen erfüllt. Selbst im Gästezimmer kann ich mich dem Hämmern nicht entziehen. Der einzige Ort, an den die Geräusche kaum vordringen, ist der Küchentrakt. Das Personal ist etwas verwundert über meine Abwesenheit, hält sich aber respektvoll zurück. Jaqueline wirkt niedergeschlagen. Ich verspüre den Wunsch, sie aufzumuntern, doch ich spreche ihre Sprache nicht. Ich versuche eine profane Geschichte aus einem Taschenbuch zu lesen, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Nichts hier ist profan, wirklich rein gar nichts.
Gegen Mittag verklingen die Baugeräusche. Zum Essen treffe ich meine Freunde. Sie berichten mir, dass sie tatsächlich einen verborgenen Zugang gefunden hatten, der in das Innere des Nordwestturms zu einer Wendeltreppe bis unter das Dach führte. Dort hatten sie eine mit astronomischen Symbolen gravierte, metallene Scheibe in Form eines Halbkreises gefunden. Am Eingang, direkt hinter der nun aufgebrochenen Wand, gibt es einen Sarkophag, der aber noch nicht geöffnet wurde. Auch die Hausherren werden über den Fund unterrichtet.
Nach dem Essen widmen wir uns dem Studium der astronomischen Scheibe. Der Halbkreis ist in acht Segmente unterteilt. In seinem Innern verteilen sich darin die astronomischen Symbole für die acht Planeten unseres Sonnensystems: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Am Äußeren Rand ist in jedem Segment etwas eingraviert, das ein stilisiertes Sternbild sein könnte. Der Große Wagen, Zwilling und Stier mit seinem Hauptstern Aldebaran können wir leicht zuordnen. Weitere Zeichen können wir mittels Sternenkarten, derer in diesem Hause kein Mangel herrscht, identifizieren, jedoch bleiben uns die Namen von drei der Zeichen verborgen. Sicherlich wird Jean Le Tellier uns sagen können, um welche Zeichen es sich handelt. Jedes Sternbild ist einem Planeten zugeordnet. So steht zum Beispiel der Zwilling in einer Linie mit der Erde, der Orion mit Saturn und Krebs mit Mars. Stier mit seinem Hauptstern Aldebaran steht in Beziehung mit Venus. Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir selbst Zeuge eines dahinter verborgenen Phänomens wurden. Orion, sagt Senchō, stünde in Verbindung mit Nodens, dem Herrn des Abgrundes. Ich bin ein wenig beunruhigt, denn auch das Sternbild, das ich in der letzten Nacht in meinem Traum gesehen habe, als Kuro mich zu sich rief, ist auf der Scheibe zu erkennen. Wir haben noch nicht entschlüsselt, um welches Sternbild es sich handelt, aber es steht in einer Linie mit Merkur.
Der Lord arbeitet derweil an der Übersetzung des Briefes, den wir vor zwei Tagen in der Bibliothek gefunden haben. Es geht um Häuser, acht kleine und ein großes. Unser Studium dauert den ganzen Nachmittag. Dem Lord gelingt es, die Botschaft des Briefes aus der Bibliothek zu entschlüsseln. Das Portal, das sich im verborgenen Fundament des Südwestturms des Hauses befindet, führt zu Tsathoggua. Am Abend Mycroft schlägt vor, den freigelegten Sarkophag zu öffnen, doch diese Idee stößt bei Madame Aquredouvre auf taube Ohren. Sie empfindet es als Pietätlosigkeit, die Ruhe der Toten zu stören und weist den Stallburschen an, den Zugang wieder zu vermauern.
Nach dem Abendessen begebe ich mich in den Innenhof um dort zu üben, Kuros Reich zu betreten. Ich laufe entsprechend ihrer Strichfolge die Kanji 夜 (Yoru = Nacht) und 闇 (Yami = Dunkelheit) auf dem Boden ab, doch das bewirkt nichts. ‘Watashi no Kage irunasai. Tritt ein in meinen Schatten!’ 陰 (Kage) – das ist es. Dieses Zeichen steht nicht nur für den Schatten als einen vom Licht unbeschienenen Ort oder einen verdeckten, unsichtbaren Ort im eigenen Sichtfeld, sondern auch für Heimlichkeit und das subtil Unsichtbare auf der anderen Seite des Seins, im 陰府 (Yomi), dem Reich der Nacht und des Todes. Es ist so naheliegend, dass ich mich wundere, nicht gleich auf diese Idee gekommen zu sein.
Als ich die Schrittfolge beendet habe, geschieht etwas. Ich spüre und sehe, wie der Schatten der Nacht mich wie ein schützender Umhang umhüllt und verbirgt, doch ich kann den Zauber nicht lange aufrecht erhalten. Ich weiß nicht, ob es an meinem geschwächten Zustand liegt oder an der Überwältigung, die ich durch das Wirken des Zaubers erfahre. Mir wird schwindelig, meine Körper verweigert mir den Gehorsam und ich sinke benommen auf dem Boden zusammen. Senchō, der mir in den Innenhof gefolgt ist, ist schnell an meiner Seite. “Das war ziemlich verrückt”, meint er begeistert, “kannst du mir das auch beibringen?” Seine Worte dringen nur diffus zu mir vor. Mein Geist ist kaum in der Lage, sie zu verstehen und ich bin nicht in der Verfassung, ihm zu antworten. Ich will eigentlich nur noch in mein Bett. Auch Sechō erkennt, dass ich jetzt Ruhe und Schlaf am nötigsten habe und hilft mir, mich die Treppen hinauf ins Gästezimmer zu schleppen.









