Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

観劇会 (Kangekikai) – Theaterabend

Ich genieße die Ruhe in meinem Haus. Tetsuya hat sich in sein Zimmer zurückgezogen, um dort an seiner Promotionsarbeit zu schreiben. Zum Mittag kommt er nach unten und wir essen gemeinsam. Ich frage ihn, ob er in den nächsten Tagen viel zu tun hätte oder ob seine Zeit eventuell einen Nebenjob als Übersetzer und Reiseleiter für eine europäische Forschungsgruppe hergäbe. Ein paar Tage könne er das schon machen, antwortet er, und ein paar Yen extra könne er gut gebrauchen. Ich bin erleichtert und erkläre ihm die Umstände für dieses ungewöhnliche Angebot. Ich müsste noch ein paar Dinge für meinen Umzug regeln und könne meinen Gästen nicht die ganze Zeit als Berater in Sachen Landeskunde zur Verfügung stehen. Dass ich mich mit Plänen trage, für eine längere Zeit in England zu leben, war Tetsuya nicht entgangen – ein Großteil der telegraphischen Kommunikation in den vergangenen Tagen war über Yukios Büro gelaufen – doch Tetsuyas ausgesprochene Höflichkeit gebot ihm, das Thema nicht selbst anzusprechen.

In der Tageszeitung entdecke ich einen Beitrag über das Kabuki-Stück „Kitsunegari“, das aktuell im Kabuki-za in Ginza gastiert. Es handelt sich um ein zeitgenössisches Stück – keines der klassischen Werke. Um 20:00 beginnt die Vorstellung. Der Titel bedeutet übersetzt so viel wie „Fuchsjagd“.

Ich bin erstaunt, als ein Auto vorfährt, um uns dorthin zu bringen – es ist das gleiche Fahrzeug, das uns gestern von Shibuya-eki nach Okumura-tachi gebracht hat. Mycroft grinst triumphierend. Er hatte es tatsächlich geschafft, den Chauffeur auf Abruf für die Zeit unseres Aufenthaltes in Tōkyō zu engagieren. Ein gewisser Hang zum Dekadenten lässt sich den Engländern – insbesondere meinen Freunden – einfach nicht absprechen.

Wir kommen rechtzeitig am Theater an und können eine Loge für uns buchen. Das Stück erzählt die Geschichte zweier Brüder – Yoshimitsu, der ältere, soll Shogun werden, der jüngere, Yoshisugu, macht, getrieben von Eifersucht einen großen Fehler und befreit einen bösen Fuchsgeist, der ihm in Gestalt einer schönen Frau erscheint und ihm helfen will, selbst an die Macht zu kommen. Dabei kommt ein Schwert zum Einsatz, mit welchem sich Yoshisugu eine Wunde zufügt, um mit seinem Blut das Befreiungsritual für den Fuchsgeist vollziehen zu können. Ich gebe meinen Gästen während des Stückes immer wieder ein paar Erklärungen zum Geschehen auf der Bühne, damit sie der Geschichte auch folgen können.

Yoshisugu wird im Laufe der Geschichte selbst zu einem bösen Menschen und nimmt den Fehltritt einer Hausdienerin, bei dem Geschirr zu Bruch geht, als Anlass, das Mädchen in einen Brunnen zu stoßen und zu töten. In einem Traum wird ihm das Ausmaß seines Handelns bewusst und er erkennt, wer die Frau an seiner Seite wirklich ist. In Reue sucht er einen Priester auf, der ihm einen Verbannungszauber gibt. „Gefangen sollst du sein auf ewig in deinem kalten Grab im Meer der Bäume“ lautet der Bannspruch.

Yoshisugu versucht nun seinen Fehler wieder gut zu machen und den Fuchsgeist aus seinem Haus zu vertreiben. In einem Streitgespräch stellt er klar, dass er von seinem Vertrag mit ihr zurücktreten wolle, was sie mit hämischem Gespött beantwortet. Der junge Adlige wird daraufhin sehr wütend und greift die Füchsin, die nun langsam aber sicher ihre wahre Gestalt Preis gibt, mit seinem Schwert an. Das macht ihr aber nichts aus. Sie bricht in ein triumphierendes Gelächter aus. Nun endlich kommt der Bannzauber zum Einsatz. Yoshisugu wirft das verzauberte Pergament auf den Fuchs und spricht die Zauberformel. Hinter der Bühne wird ein Vorhang herab gelassen, auf dem ein großer Wald zu sehen ist. Im Hintergrund trohnt majestätisch der Fuji.

Mit einem markerschütternden Schrei wird die Füchsin hinter den Vorhang gezogen. Yoshisugu bleibt allein zurück. In einem langen Monolog beschreibt er die Reue in seinem Herzen, verdammt sich selbst für seine frevelhaften Taten und das Schwert, welches ihm half, den Fuchsgeist zu befreien. Wütend wirft er das Katana in den Brunnen, in den er einige Szenen zuvor das unglückliche Mädchen gestoßen hatte und entschwindet dann selbst hinter dem Vorhang, auf dem offenbar der Jukai – das Meer der Bäume – Aokigahara gezeigt wird.

Ich bin sehr beeindruckt. Das Stück hat mich tief bewegt. Auch finde ich interessant, wie es dem Regisseur und Autor Tsukada gelungen ist, verschiedene Geschichten und Legenden aus unserer Mythologie logisch miteinander zu verweben.

Auf dem Heimweg fragt mich Henri-san, was eigentlich „Haruka-san“ bedeutet. Es war ihm und auch den anderen nicht entgangen, das Tetsuya mich so nennt. Ich muss ein bisschen schmunzeln. Haruka, erkläre ich, lässt sich in etwa mit „Frühlingswind“ übersetzen. Das ist der Vorname, den mir meine Eltern gegeben hatten, als ich geboren wurde. Der Name Sanjūrō stammt aus meiner Militärzeit und bedeutet so viel wie „Mann um die Dreißig“.
„Und was heißt, Mann um die Vierzig?“, spottet Senchō in Anspielung auf mein Lebensalter. Ich beantworte seine Frage nicht, sondern verweise ihn an ein Wörterbuch, was er schmollend zur Kenntnis nimmt.