Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

地元怪談 (Jimoto kaidan) – Örtliche Spukgeschichten

Beim Frühstück bekundet Henuri-san Interesse, den verborgenen Schrein von Odawara-jō, von dem man ihm schon viel erzählt, den er selbst aber noch nie gesehen hat, zu besichtigen. Gerne entspreche ich seinem Wunsch.

Am Nachmittag machen wir einen Spaziergang durch das Dorf. Ich zeige Henuri-san Knitknocks Hill, ein zur Zeit leerstehendes Herrenhaus. Auch Senchō begleitet uns bei unserem Ausflug. Maikurofuto bleibt auf Curdridge Hill und brütet über diversen Landkarten um eine günstige Flugroute nach Japan zu berechnen.

Um Knitknocks Hill rankt sich eine düstere Legende, erkläre ich Henuri-san. Man weiß nicht genau, wann es sich zugetragen haben soll, aber es heißt, dass ein unglücklich verliebtes Mädchen mit den Namen Kitty Knocks hier ihr Leben gelassen hat. Sie sei im Graben, der das alte Herrenhaus umgeben hatte, ertrunken. Ihr ruheloser Geist soll bis heute hier spuken. Erst letzte Woche soll er wieder gesichtet worden sein. Ich erzähle auch die Geschichte der Hexe von Curdridge, die im 17. Jahrhundert hier im Ort gelebt haben soll. Sie wurde einstweilen als Ketzerin verurteilt und dem Feuer übergeben, doch auch von ihr heißt es, dass sie die Menschen von Curdridge noch immer heimsuche. Das letzte Mal, dass jemand behauptete, die Hexe von Curdridge gesehen zu haben, ist nun aber auch schon fast 50 Jahre her.

“Und nun gibt es hier auch noch ein verborgenes Portal durch Raum und Zeit”, sinniere ich, “wahrscheinlich würden die Leute hier im Ort sich nicht einmal wundern, wenn sie davon erführen.”

Als wir nach gut zwei Stunden zurück nach Curdridge Hill kommen, ist es Zeit für den Fünf-Uhr-Tee. Maikurofuto weiht mich in seine Flugpläne ein. Morgen wollen wir abreisen. Ich bin etwas nervös. Er hat mich überredet, selbst das Fliegen unter seiner Anleitung zu erlernen. “Mary-Ann hat das auch geschafft”, hatte er gesagt, ”dann wirst du das doch wohl auch hinkriegen.” Daraufhin konnte ich unmöglich noch ablehnen. Er hatte mich eiskalt bei meinem Ehrgefühl erwischt.

Am Abend sitzen wir gemeinsam am Kamin und erzählen einander Geschichten. Senchō und Henuri-san berichten von ihrer Reise auf der HMS Victory. Ein Magier und Hellseher, der unter dem Namen Hanussen auftrat, hatte eine Aufführung dargeboten, bei denen er die Anwesenden auf eine Reise durch die Zeit mitnahm und sie an einer legendären Seeschlacht, der Schlacht von Trafalgar, teilhaben ließ. Senchō erzählt von den letzten Momenten des Admiral Nelson, der in den Armen des Kapitäns der Victory, Thomas Hardy, starb. ‚Kiss me, Hardy’, sollen seine letzten Worte gewesen sein. Insgesamt verbringen wir eine gute Zeit, nur Maikurofuto ist recht still. Ich weiß, dass er  über Wege nachsinnt, seinem Pakt mit dem König in Gelb zu entrinnen oder sich doch zumindest des äußeren Zeichens dieses Paktes zu entledigen. Er hofft, im Großschrein der Inari in Kyoto Antworten zu finden.

Später am Abend klingelt das Telefon. Amanda richtet aus, dass der Lord of Carnarvon Captain Wigbold zu sprechen wünsche. Senchō nimmt den Anruf entgegen. Nach einer Weile kommt er zurück. “Wie sollen wir das alles mit der Harley transportieren”, überlegt er kopfschüttelnd. Dann fällt sein Blick auf mich. “Sanjūrō?”, fragt er, “Kann ich mir vielleicht dein Auto ausleihen?”

“Wenn du mir den Silverghost heil wieder zurück bringst”, antworte ich. Ich werde den Wagen in den nächsten Wochen oder Monaten ohnehin nicht brauchen. Morgen fahren wir mit dem restaurierten Silverghost von Maikurofutos Onkel Henry nach Croiden und dann nehmen wir das Flugzeug. “Klar, mach dir keine Sorgen”, meint Senchō, ”ich werde ihn allenfalls umlackieren lassen. Lila mit rosa Blümchen – passend zu deiner Unterwäsche”, feixt er. Dies Sache wird mir wohl noch ewig nachhängen… Ich schaue Senchō scharf an und gebe ihm damit zu verstehen, dass dieser Scherz keineswegs meinen Humor trifft. Die Botschaft kommt an. “’Tschuldigung, war nicht so gemeint”, gibt er kleinlaut bei, dennoch überlasse ich ihm nur zögernd die Autoschlüssel.