陰森 (Inshin) – Dunkelheit und Einsamkeit
Wir starten heute am frühen Morgen von Bombay aus. Heute müssen wir eine längere Strecke fliegen. Wir legen eine Zwischenlandung in Riad ein, um die Maschine neu zu betanken. Von dort aus geht es direkt weiter in Richtung Alexandria.
Es herrscht gutes Flugwetter. Der Himmel ist nahezu wolkenlos. “Hier, probier du mal”, meint Mycroft und bedeutet mir, auf dem Pilotensitz Platz zu nehmen und das Steuer zu übernehmen. Ich bin etwas nervös. Ob das klappt? Ein paar Meter gelingt es mir tatsächlich, die Maschine auf Kurs zu halten, doch dann lege ich irgendeinen falschen Hebel um und die Nase der Maschine neigt sich gefährlich dem Boden zu.
“Das irgendwie nicht das, was ich wollte”, sage ich etwas verzweifelt, “ist jetzt der Zeitpunkt, um in Panik zu verfallen?”
“Noch nicht”, erwidert Mycroft ruhig, greift souverän in die Gerätschaften vor mir und bringt die Maschine zurück in eine stabile Flugposition.
“Wir sollten vielleicht erstmal trocken üben”, meint er, als selbst wieder den Pilotensitz eingenommen hat.
Am frühen Abend erreichen wir Alexandria. Nachdem wir etwas gegessen haben, möchte Mycroft ein paar alte Kameraden aufsuchen und mich ihnen gerne vorstellen. Ich bin einverstanden und begleite ihn. Nach einigem Smalltalk, in dessen Rahmen ich nicht allzu viel über mich verlauten lasse, lässt Mycroft sich von seinen Freunden ein Etablissement für seine Recherchen empfehlen. Wir verabschieden uns schließlich.
“Willst du dieses Mal nicht vielleicht doch mitgehen?”, fragt Mycroft mich, als wir die Flaniermeile an der Mittelmeerküste entlang spazieren. Er scheint um mich besorgt zu sein. Vielleicht glaubt er, ich amüsiere mich zu wenig.
“Ich glaube nicht, dass ich dir bei deinen Recherchen eine große Hilfe wäre”, wende ich ein.
“Dann vergnüge dich einfach. Es geht auf meine Kosten. Die Mädchen hier sollen wundervoll sein”, schwärmt er.
“Die Mädchen reizen mich nicht”, antworte ich ruhig. Mycroft wird etwas stiller. “Stimmt, da war ja was…”, murmelt er verlegen, “aber es gibt bestimmt auch hübsche Jungs“, mutmaßt er.
“Vermutlich aber nicht da, wo du hingehst”, entgegne ich.
“Ich könnte meine Kontakte spielen lassen”, schlägt er vor.
Ich muss über die Naivität dieses Vorschlags ein wenig schmunzeln. Als ob das so einfach wäre, in einem Land, in dem die Liebe zum gleichen Geschlecht nicht nur als unmännlich gilt, sondern auch per Gesetz verfolgt wird.
“Das ist mir zu riskant”, erwidere ich, “in diesem Land bin ich Gaijin und wenn man mich hier bei etwas erwischt, das verboten ist – so etwas wie die Hingabe zu einem anderen Mann – muss ich mit Schwierigkeiten rechnen. Das ist mir ein so flüchtiges Vergnügen nicht wert.”
“Ohne Risiko kein Spaß”, meint Mycroft, doch dann sieht er ein, dass mich ganz andere Dinge beschäftigen und dass jeder weitere Versuch, mich zu überzeugen heute genauso fruchtlos enden wird, wie die vorangegangenen.
Auch heute übe ich wieder an der geheimnisvollen Schattentechnik. Ich habe das Studium dieser Kunst zu einem festen Bestandteil meines Alltags werden lassen, doch heute erlange ich keine nennenswerten neuen Erkenntnisse. Auf einem Sims in der Nähe döst ein schwarzer Kater. Ab und zu blinzeln seine gelben Augen in meine Richtung. Fast scheint es mir, als würde er lächeln. Er erinnert mich an meinen alten Sensei, der mich stets zur Geduld mahnte, wenn ich mich selbst zu sehr unter Druck setzte. In der Kampfkunst führt nur ein Weg langfristig zum Erfolg: Leidenschaft und Kontinuität.









