Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

本の夢 (Hon no Yume) – Nur ein Traum

Wir brechen auf in Richtung Westen und überqueren zunächst die große Brücke über den Fluss Skai. Bernhard erklärt mir, dass das Königreich Skai aus mehreren kleineren Reichen und Ländereien besteht. Eines davon ist Ulthar, Hatheg ein weiteres. Der König des Reiches Skai wird aus den Reihen der Bürgermeister der einzelnen Ländern gewählt. Er kümmert sich um die Belange des Landes, erlässt Gesetze, erhebt Steuern und tut all das, was ein Herrscher sonst so zu tun hat, damit es seinem Volk gut geht.

Nach einiger Zeit – es ist bereits dunkel geworden und nur die Sichel des zunehmenden Mondes erhellt unseren Weg ein wenig – tauchen in einiger Entfernung die Lichter einer Siedlung auf. Gelächter und fröhliche Musik dringen zu uns vor. Hatheg ist etwas kleiner als Ulthar und weniger befestigt. Es gibt keine Stadtmauer, die die einfachen Lehmbauten von der umgebenden Landschaft trennt. Überall in der Stadt brennen kleine Lagerfeuer.

Bernhard verabschiedet sich. “Es ist Zeit für mich, aufzuwachen”, sagt er, “ich empfehle Ihnen, das Dromedar zu probieren. Bis morgen.” Seine Gestalt verblasst und ich stehe allein inmitten von feiernden Menschen in einer mir fremden Stadt. Es sind viele Kinder auf den Straßen. Sie werden von den Erwachsenen mit Süßigkeiten bedacht. Alle lachen und sind fröhlich.

Ein verführerischer Duft steigt mir in die Nase. Unweit vor einem Gasthaus wurden große Roste aufgestellt, auf denen köstlich duftende Fleischstücke gebraten werden. Obwohl ich keinen Hunger verspüre, läuft mir dennoch das Wasser im Munde zusammen. Dummerweise habe ich kein Geld dabei. ‘Kein Problem’, denke ich in der naiven Annahme, dass ich mich ganz einfach in den Verwunschenen Wald und wieder zurück hierher teleportieren könne. Doch es gelingt mir nicht, meinen Zielort zu visualisieren. Die feiernden Menschen um mich herum stellen eine zu große Ablenkung dar.

Ein kleines Mädchen in einem orangenen Kleid drückt mir eine Mondlaterne in die Hand und spricht aufgeregt und begeistert zu mir in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Der Umzug setzt sich in Bewegung. Ein gerüsteter Mann mit einem üppigen dunklen Bart versperrt mir den Weg. Er spricht in harschem Ton zu mir und deutet auf die Schwerter an meinem Gurt. Ich bin verunsichert. Zögerlich löse ich die Waffen und halte sie ihm zur Übergabe entgegen. Ich halte sie noch weiter fest, als er sie seinerseits ergreift. Ich kann die Umstände verstehe, aber ich möchte sicher gehen, dass ich meine Schwerter nach dem Fest zurück bekomme und versuche dies dem Mann mit Gesten klar zu machen. Er scheint mich nicht zu verstehen. Sein Ton wird schärfer, seine Haltung bedrohlicher. Einige seiner Kameraden haben sich genähert, bereit im Zweifelsfall zu handeln. Langsam löse ich meinen Griff und lasse die Waffen fahren. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, aber mir bleibt keine Wahl. Ich versuche, dem Mann, der meine Schwerter an sich genommen hat, mit meinen Blicken zu folgen. Ich sehe, dass er in Richtung eines befestigten Hauses geht, dann aber verliere ich ihn aus den Augen.

Das kleine Mädchen im orangenen Kleid zupft an meinem Hakama. Sie deutet auf eine Gruppe Kinder, die interessiert und neugierig zu mir blicken und zieht mich in deren Richtung. Die Kinder umringen mich und beginnen zusammen mit den anderen Teilnehmern des Festzuges, darunter auch viele Erwachsene, Lieder zu singen. Die Stimmung ist angenehm, warm, herzlich und gastfreundlich, aber obwohl es mir recht gut gelingt, mich dem Fluss des Festes hinzugeben, drückt doch die Unwissenheit über den Verbleib meiner Schwerter, der Seele eines Kriegers, meine Gelassenheit. Etwa eine Stunde dauert der Laternenumzug. Die Straßen leeren sich und die Stände und Gasthäuser schließen ihre Pforten. Einige Männer sitzen noch an den Lagerfeuern und unterhalten sich ruhig. Ich verstehe nicht, was sie sagen, doch fällt ein Wort in den Gesprächen sehr oft: Cuppar-Nombo. Ich weiß nicht, was das ist – ein Ort, eine Gottheit oder vielleicht beides – aber es scheint für die Menschen hier bedeutsam zu sein. Ich beobachte wie ein Mann in Lederrüstung auf das befestigte Haus zugeht, in dessen Richtung auch derjenige verschwunden ist, der mir die Waffen abnahm. Diesen sehe ich jetzt auch wieder. Er steht neben einer hölzernen Truhe vor dem Eingang. Der Mann in Lederrüstung spricht mit ihm, er nickt und holt aus der Truhe ein stattliches Langschwert hervor, das er dem anderen überreicht. Auch ich versuche mein Glück. Ich brauche keine großen Worte zu machen, die hätten hier aufgrund der Sprachbarriere vermutlich ohnehin nicht viel gebracht, und erhalte meine Waffen anstandslos zurück. Zufrieden und zuversichtlich mache ich mich auf den Weg zum Verwunschenen Wald, um mich dort mit etwas Reisegeld auszustatten. Ich habe mich von meinem Tatendrang etwas zu sehr mitreißen lassen und bin zu überstürzt aufgebrochen, stelle ich fest. “Es ist ja nur ein Traum”, versuche ich meine Nachlässigkeit mir selbst gegenüber zu entschuldigen, wohl wissend, dass es eben nicht „nur“ ein Traum ist.

Auf meiner nächtlichen Wanderung durch die Ländereien von Hatheg und Ulthar habe ich viel Zeit, nachzudenken. Was meine Freunde in der Wachwelt wohl so treiben? Ob sie noch immer nach einem Weg suchen, meinen Körper aus der Bibliothek zu Babel zu befreien? Falls das überhaupt möglich ist…

Der Weg zurück erscheint mir länger, als der Hinweg. Als schließlich irgendwann die Ufer des Flusses Skai im fahlen Licht der Sichel des zunehmenden Mondes für mich sichtbar werden, versuche ich noch einmal, den Verwunschenen Wald und die Lichtung mit der Traumlandtruhe zu visualisieren und mich gedanklich dorthin zu bewegen. Dieses Mal gelingt es mir. Ich nehme 20 Goldmünzen aus der Truhe, die ich auf drei Geldbeutel verteilt an unterschiedlichen Stellen unter meiner Kleidung trage. Desweiteren nehme ich Wechselkleidung in einem Rucksack mit. Viel mehr werde ich hier nicht benötigen. Schlaf, Nahrung und Wasser brauche ich in meinem Zustand nicht.

Ich hinterlasse auch eine Nachricht in der Traumlandtruhe, worin ich meine Freunde darüber informiere, dass ich mit unserem alten Bekannten Bernhard Link auf eine Reise gegangen bin. Dann wandere und träume ich mich zurück nach Hatheg, das ich in der Morgendämmerung erreiche. Punkt acht Uhr erwartet mich Bernhard auf dem Marktplatz.
“Guten Morgen”, wünscht er mir.
“Sanfte Träume”, erwidere ich.
“Wenn ich Euch sehe, doch immer”, lächelt er, “wollen wir?”