飛行試験 (Hikō Shiken) – Probeflug
Mein Schlaf war unruhig, durchsetzt von skurrilen Traumsequenzen, deren Inhalt ich mich nicht mehr im geringsten erinnern kann und von Dämmerphasen zwischen Schlafen und Wachen. Ich fühle mich ziemlich gerädert und unausgeruht.
Beim Frühstück erfahren wir, dass Maxime ebenfalls verschwunden ist. Er hat sich, unseren Warnungen zum Trotz, nicht von seiner Gewohnheit abhalten lassen, des Nachts nach draußen zu gehen. Wir fragen, ob wir uns in seinem Zimmer umsehen dürfen, was man uns gewährt.
Maxime hat mit dem Malen eines neuen Bildes begonnen. Auf der Staffelei steht eine Leinwand. Bis auf die Grundierung ist noch nichts zu sehen, aber allein diese ist schon beeindruckend. Die Leinwand ist in einem Blau grundiert, das ich dieser Art noch nie gesehen habe, das blaueste Blau, das mir je unter die Augen gekommen ist. Das Werk, an dem er gearbeitet hatte, als wir ihn das letzte Mal besucht hatten, steht unfertig daneben.
Mycroft möchte heute einen Probeflug mit seiner Martinsyde unternehmen und herausfinden, zu welchem Hochleistungen er seine Maschine treiben kann. Das klingt nach Spaß. Ich begleite ihn. Er zieht das Flugzeug nach einem meisterhaften Start steil nach oben, schnell gewinnen wir an Höhe und Geschwindigkeit. Wir haben zwar inzwischen schon einige zehntausend Kilometer gemeinsam in der Luft verbracht, aber dieses Tempo ist für mich neu. Die Geschwindigkeit verdoppelt sich noch einmal, als Mycroft das Höhenruder herumreisst und die Maschine im Sturzflug in Richtung Erde lenkt. Mein Atem stockt, mein Herzschlag beschleunigt sich und mein Körper setzt massenweise Adrenalin frei. Ich genieße diesen Kick ebenso wie das Gefühl der Erleichterung, das mich nach der sicheren Landung auf dem Lyoner Flugfeld umfängt. Mycroft ist begeistert. Er umarmt die Maschine regelrecht nach unserer Landung und spricht mit ihr, wie mit einer Geliebten. “Wann soll denn die Hochzeit stattfinden?”, scherze ich. Mir erscheint diese Szene etwas grotesk.
Am Abend zurück auf Mirastel, nach dem Essen und nach meinen abendlichen Übungen, versuche ich wieder in die Traumlande zu reisen, doch auch heute Nacht soll mir der Zutritt verwehrt bleiben.









