Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

演芸館え (Engei tachi e) – Im Varieté-Theater

Es ist noch dunkel, als mich das Rasseln meines Weckers abrupt aus dem Tiefschlaf reißt. Was zur… Im ersten Moment weiß ich nicht, wo ich bin, fahre hektisch herum und versetze dem Wecker dabei einen derben Stoß, der ihn dann aber auch zum Schweigen bringt. Es ist fünf Uhr. Warum nochmal wollte ich so früh aufstehen? Ach ja, die Vickers Vimy startet um sechs. Ich war dafür, erst etwas später abzufliegen, Senchō ebenfalls, aber alle anderen sprachen sich für einen Start beim ersten Tageslicht aus und so mussten wir uns der Mehrheit geschlagen geben. 

Ich gehe im Kopf noch einmal durch, ob ich auch alles eingepackt habe, was ich brauche. Ich habe auch meine Ishido-Schwerter dabei und überlege, ob es Sinn macht, mein Katana und mein Wakisashi mit nach Deutschland zu nehmen. Beim letzten Mal hatte ich dort beide um ein Haar verloren. 

Es klopft. Mare steht mit ihrem Säbel vor meiner Tür und fragt mich, ob sie reinkommen darf. Von wortreichen Erklärungen zu ihren Beweggründen – sie macht sich Sorgen, dass ihr als Frau womöglich seltsame Fragen gestellt würden, wenn sie versuchte, ein Schwert mit nach Deutschland zu bringen, die man mir als Mann wahrscheinlich nicht stellte oder für die ich plausible Ausreden erfinden könnte – begleitet, fragt sie mich, ob ich nicht ihren Säbel mitnehmen und für sie nach Deutschland einführen könne. „Du erwartest also, dass ich im Zweifelsfall für dich lüge?“, frage ich, während ich den Transportkoffer für meine Schwerter schließe. Mare sieht mich flehend mit ihren großen, dunklen Augen an. Ich kenne diese Art Blick von meinen Neffen. Es ist jene Art Blick, die es einem unmöglich macht, eine Bitte abzuschlagen. Einen kurzen Augenblick lang hasse ich Mare dafür.

Sechs Stunden wird der Flug nach Berlin voraussichtlich dauern. Maikurofuto besteigt das Cockpit, Mari-chan gesellt sich als Co-Pilotin zu ihm. Ich hege meine Zweifel, ob das gut geht. Eine Meinungsverschiedenheit mit Mari-chan kann schnell zu einer heftigen Diskussion oder einem handfesten Streit ausarten. Das könnte für Turbulenzen – nicht nur im Cockpit – sorgen. 

Meine Bedenken sollen sich aber als unbegründet herausstellen. Etwa um die Mittagszeit landen wir sicher auf dem Flugfeld Staaken. Als wir ausgestiegen sind, äußert Senchō die Vermutung, dass man unsere Ankunft bereits erwartet hätte. Ihm sei ein verdächtiger weisser Mercedes SSK mit dem Kennzeichen IA 24578 aufgefallen.

Unser Gepäck wird keiner besonderen Untersuchung unterzogen und so sitzen wir schon um 12:30 in einem Taxi nach Berlin-Mitte. Unser Ziel ist das Grand Hotel am Alexanderplatz – das beste Haus der Stadt. Senchō hat an einem Kiosk eine aktuelle Tageszeitung erworben und klärt uns über die wichtigsten und jüngsten Ereignisse in der Stadt und der Welt auf. Im Schloß Tegel gab es einen Brand, bei welchem ein gewisser Robert Lander (Maikurofuto horcht bei der Erwähnung dieses Namen merklich auf)  und dessen Familie um Leben gekommen sein sollen, am Kurfürsten Damm treibt eine Bande von Trickbetrügern ihr Unwesen, im Sudan hat der Archäologe Otto Rahn eine Reihe bisher unbekannter Pyramiden entdeckt. Die begonnenen Arbeiten zum Wiederaufbau von Winchester Castle sind Thema eines Artikels und wieder gibt es Berichte über ein Seebeben im Südpazifik. Das Kulturprogramm hält auch einiges bereit. Im Admiralspalast wird eine Varieté-Interpretation nach dem Vorbild des klassischen Stückes „Die Zauberflöte“ unter dem Titel „Die Königin der Nacht“ aufgeführt, ein umstrittener Wissenschaftler hält einen Vortrag über einen Ort, an dem man Kontakt zu den Göttern aufnehmen können, im Neuen Museum findet eine Sonderausstellung zu mysteriösen Funden aus dem Pazifikraum statt und die Trabrennbahn Hoppegarten öffnet für ein letztes Rennen ihre Tore, bevor sie aus finanziellen Gründen schließen muss.

Je näher wir dem Stadtzentrum kommen, desto dichter wird der Verkehr. Irgendwann kommen wir nur noch im Schritttempo voran, während die S-Bahn zügig im Drei-Minuten-Takt an uns vorbei rauscht. Gegen zwei schließlich erreichen wir unser Hotel und nehmen, nachdem wir unsere Zimmer bezogen haben, ein verspätetes Mittagessen zu uns. Danach führt uns der Weg an einer Baustelle am Café Aschinger vorbei zum Kaufhaus Tietz auf der anderen Seite des Alexanderplatzes. Wir wollen uns mit ortsüblicher Alltagskleidung ausstatten. Dank der Entscheidungsschwäche unserer weiblichen Begleitung droht unser Einkaufsbummel zu einer Tortour auszuarten. Erst nach drei Stunden lassen wir die Tore des Konsumtempels wieder hinter uns.

Bei einem Dinner im Café Aschinger machen wir Pläne für die Abendgestaltung. Karura-san würde gerne die Varieté-Vorstellung im Admiralspalast besuchen. Die Idee stößt auf allgemeine Zustimmung – und wir haben Glück. Bis auf sieben letzte Plätze, die wir auch sofort reservieren, ist das Haus restlos ausverkauft.

Bühnenbild „Die Königin der Nacht“

Die Vorstellung beginnt um 20:00 Uhr. Gesungen und erzählt wird auf deutsch – daher kann ich dem Inhalt nur bedingt folgen, aber Bühnenbild, Kostüme, Musik und Choreographie allein schon sind das Eintrittsgeld wert. Soweit ich es verstehe, wird die Geschichte des Prinzen Tamino erzählt, der auszieht, um die liebliche Cassilda, die vom König in Gelb an einen Ort namens Carcosa entführt wurde, zu finden und zu befreien. Maikurofuto ist von dem Stück sehr bewegt. Lorudo-dono kommt gar nicht damit hinterher, ihm Taschentücher zu reichen.

In der Pause mischen wir uns unter das Volk im Foyer. Karura-san läßt sich in Fachgespräche verwickeln und geht dabei förmlich auf. Ich ziehe mich zusammen mit Maikurofuto auf einen Drink an die Bar zurück. Mir fällt aus dem Augenwinkel eine rothaarige Frau mit blasser Haut auf. Irgendwie sieht sie meiner Haushälterin Amanda ähnlich, glaube ich, doch als ich versuche, ihr mit meinen Blicken zu folgen, als ich auf einmal Maria in der Menge entdecke, nur für einen Augenblick, dann ist sie wieder verschwunden. Maikurofuto ist nicht entgangen, dass etwas oder jemand meine Aufmerksamkeit erregt hat. „Ich glaube, ich habe sie gerade gesehen“, gestehe ich meinem Freund. Maikurofuto grinst amüsiert. Ich leere eilig mein Glas, um die in mir aufsteigende Verlegenheit zu überspielen, und ordere gleich noch einen zweiten Drink.

Die Pause vergeht und die Vorstellung wird fortgesetzt. Im zweiten Teil der Geschichte gelangt der Prinz Tamino  gemeinsam mit einem Flugwesen zum König in Gelb. Dieser möchte, dass Tamino zum Priester geweiht wird. Dafür muss dieser einige Prüfungen bestehen. Der König in Gelb hat Cassilda entführt, um sie vor der bösen Königin der Nacht zu beschützen. Tamino und Cassilda seien füreinander bestimmt, heißt es. Das Stück endet unter brausendem Applaus. Wir lassen uns Zeit und zählen zu den letzten Besuchern der Vorstellung, die den Admiralspalast verlassen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite protestieren Arbeiter. Sie schimpfen auf die Reichen, die ihr Geld lieber für eine Unterhaltungsveranstaltung ausgaben, anstatt es mit denen zu teilen, die nicht einmal genug zum Leben hätten. Lorudo-dono winkt ein Taxi herbei, das er zusammen mit Karura-san, Mari-chan und Mare besteigt. Maikurofuto, Senchō und ich nehmen den Fußweg von der Friedrichstraße zum Alexanderplatz.

Auf dem Weg bleibt Senchō an einem Geschäft für Tabakwaren stehen und beginnt zu feixen. „Hier muss ich morgen unbedingt einkaufen“, sagt er. Maikurofuto und ich werfen einander verständnislose Blicke zu. Wir entdecken nichts besonderes in den Auslagen des Geschäftes. 

Als wir etwa viertel nach elf im Grand Hotel ankommen, treffen wir Lorudo-dono und die Damen, al
s sie gerade auf dem Weg in ihre Zimmer sind. Wir nehmen noch einen Absacker an der Bar und gehen dann auch zu Bett.