Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

Ein tödlicher Traum

Es ist nun schon gut zwei Jahre her, seit ich das letzte Mal etwas von meinen Erlebnissen aufgeschrieben hatte. Damals war ich dem Rat von Navid Al-Hafi, einem alten Derwisch, den ich in der Nähe von Medina aufsuchte, als ich das Gefühl hatte, vom rechten Weg abgekommen zu sein und nicht recht wusste, wo ich stand und wohin ich wollte – das Schreiben hatte mir geholfen, meine Gedanken zu sortieren und mich selbst wieder zu finden. Gerade jetzt scheint wieder so ein Punkt erreicht zu sein, da ich nicht sicher bin, ob ich noch Herr meiner Sinne bin.
Ich hatte einen überaus seltsamen Traum letzte Nacht. Ich kann mich nicht erinnern, je zuvor einen Traum gehabt zu haben, der sich derart real anfühlte. Ich landete völlig unbekleidet in einer Art Wald aus seltsamen Gewächsen, famd aber in der Nähe eine Kiste, in der ich Kleidung und Waffen fand – unter anderem einen Dolch, der irgendetwas beängstigendes an sich hatte – fast als wäre es ein Lebewesen mit einem eigenen Willen.
Ich machte mich auf den Weg, die Gegend zu erkunden. Nicht weit weg konnte ich eine Siedlung erkennen. Kaum dass ich dachte, in die Richtung des Ortes zu gehen, war ich auch schon dort. Von hier aus konnte ich in einiger weiterer Entfernung eine größere Ansammlung von Gebäuden erkennen – offenbar eine Stadt. Auch hier kam ich schon an, gerade als ich den Gedanken, dorthin zu gehen, zu Ende gedacht hatte.
Lange sollte mein Aufenhalt hier jedoch nicht währen. Kaum, dass ich das Stadttor durchschritten hatte, wurde ich von einem dahergelaufenen Gauner bedroht. Er sprach in fremden Zungen, so dass ich nicht verstand, was er von mir wollte, doch sein auf mich gerichtetes Kurzschwert sprach für sich. Ich verteidigte mich. Ich brachte meinem Widersacher eine beachtliche Verletzung bei, doch dann nahte auch schon seine Gefährten. Ich war wohl ob der Umstände, die mich hierher gebracht hatten, noch etwas benommen, denn es gelang mir nicht, mich gegen diese drei Männer zu behaupten, was eigentlich für mich kein Problem hätte sein sollen. Ich dachte, meine Zeit wäre nun abgelaufen, als ich keuchend und schweissgebadet in meinem Bett aufwachte.
Howard Carter war in meinem Zimmer – offenbar hatte er sich um mich gesorgt – und dann fiel mir wieder ein, was als Letztes geschehen war, bevor ich diesen seltsam realen Traum hatte. Carter, Lord Carnavon und Ragnar Wigbold hatten mich gestern Abend zum Essen eingeladen. Ich weiss nicht, ob die ungewöhnlichen europäischen Speisen mir nicht bekommen sind oder ob da noch etwas anderes eine Rolle spielte – jedenfalls erinnere ich mich, dass mir nach wenigen Bissen die Sinne zu schwinden begannen und – nun ja – dann kam dieser Traum, in dem ich starb.
Das seltsamste an dieser Geschichte ist, das ich dort, wo mich im Traum der tödliche Schwerthieb traf, eine Verletzung wie von einem starken Fausthieb oder Tritt trage. Ich habe Howard Carter, da er mir in dieser Sache am vertrauenswürdigsten erschien (war er es doch, der meinen unruhigen Schlaf bewacht hatte) von meinen Traum und meinen davongetragenen körperlichen Verletzungen berichtet und er erzählte mir, dass es jenseits oder parallel zu der physisch durch uns erfahrbaren Wirklichkeit wohl noch etwas anderes gäbe – ein Land, eine Welt, die sich nur im Zustand des Schlafes betreten ließ. Er nannte es das „Traumland“ und erklärte mir, dass es genauso wirklich sein, wie „unsere“ Welt…