悪夢と嫉妬 (Akumu to shitto) – Albträume und Eifersucht
In den frühen Morgenstunden reißt mich ein panischer Angstschrei aus dem Schlaf. Zeitgleich mit Maikurofuto stürme ich in Lorudo-donos Zimmer. „Wo sind sie?“, ruft Maikurofuto alarmiert und fährt mit seiner Pistole im Anschlag umher, nach möglichen Eindringlingen spähend. Schnell erkennen wir aber, dass außer uns beiden und dem schweißgebadeten Lord niemand im Zimmer ist. Auch durch das Fenster ist kürzlich niemand geflohen. Die Läden sind verschlossen.
„Milord, was ist passiert?“, fragt Maikurofuto. „Es war nur ein Albtraum“, erklärt Lorudo-dono. Er erzählt von einem Besuch im Traumland. Er war Hinweisen zur Almina gefolgt, die er dort gefunden hatte, und hatte sich zur Tag-und-Nacht-Gleiche, dem Ort, an dem die Traumwelt und die Wachwelt sich begegnen, begeben. Dort hatte er in den Spalt gespäht und sie gesehen – die Almina. Doch sie war irgendwie falsch, unfertig, als wären komplette Teile aus ihr heraus gebrochen worden. Dieser Anblick hätte ihn derart schockiert, dass es ihn mehr als nur unsanft auf die Wachseite gezogen hatte. Ich kann seinen Ausführungen nur schwer folgen, Maikurofuto aber scheint genau zu wissen, wovon Lorudo-dono spricht.
Ein paar Stunden später beim Frühstück philosophieren die beiden noch immer oder schon wieder über Lorudo-donos Traumvision. Es werden Theorien und Ideen zu Ursachen und möglichen Lösungen erörtert. Ich höre interessiert zu, halte mich aber mit eigenen Beiträgen zu diesen Fachgesprächen zurück.
„Wie haben wir eigentlich damals das Schiff von Sir Chrichton da heraus geholt?“, fragt Lorudo-dono schließlich. „Wir haben die Mannschaft überwältigt“, erinnert sich Maikurofuto, „war gar nicht so einfach. Aber das war damals anders. Da war das ganze Schiff vorhanden.“ „Ihr habt soetwas schon einmal gemacht?“, frage ich erstaunt. “ Ja“, antworten beide wie aus einem Mund.
Lorudo-dono ist noch immer sichtlich mitgenommen von der nächtlichen Vision und Maikurofuto wird plötzlich von unkontrollierbaren Zuckungen durchfahren. Irritiert schaut er in die Runde. „Was zur…“, flucht er. Vorsichtshalber händigt er mir seine Waffen aus. „Ich weiß gerade nicht so richtig, was mit mir passiert. Es ist besser wenn du sie nimmst“, gesteht und übergibt mir sein Gewehr, zwei Pistolen und einen Säbel. „Soll ich nochmal nachsehen, ob du nicht noch irgendwas vergessen hast?“, frage ich. Eigentlich war das als Scherz gemeint, aber Maikurofuto findet diesen Einwand gut und lässt sich von mir nach versteckten Waffen durchsuchen. Tatsächlich finde ich noch eine dritte Pistole in einer Mantelinnentasche und ein Messer in seinem Stiefel. Senchō beobachtet das Szenario amüsiert und kann sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Nach einer Weile – rechtzeitig bevor der Zug zurück in Richtung Trondhjem abfährt – normalisiert sich Maikurofutos Zustand.
Bevor wir abreisen setze ich noch zwei Telegramme nach England ab. Eines geht an Elisa Newton und das zweite an Amanda Myers. Der Inhalt beider Nachrichten ist identisch:
Wurde bei einer Auslandsreise aufgehalten STOP Muss unseren Termin am 02.09. verschieben STOP Melde mich, sobald ich wieder in England bin STOP Okumura
Die Zeit während der Zugfahrt vertreibe ich mir zusammen mit Maikurofuto bei einem Mahjong-Spiel. Pünktlich zur Mittagsstunde erreichen wir Trondhjem. Bevor wir ins Hotel zurück gehen, schauen wir noch im Hafen am Trockendock 2 vorbei. Die Reparaturarbeiten an Lorudo-donos Sopwith gehen gut voran. Die Hafenarbeiter sind gerade dabei, ein weiteres Flugzeug an Land zu holen. Diese knallrote Lackierung… Das kann doch nur eines bedeuten. „Tsathoggua sei uns gnädig, Mary Ann ist hier“, bestätigt Maikurofuto meine unausgesprochene Vermutung. Aber wer oder was ist Tsathoggua?
Wir vermuten, dass auch Mari-chan hier vor Ort im Hotel Nowgorod abgestiegen ist – es ist das dem Hafen nächstgelegene gehobenere Etablissement dieser Art. Wir betreten gerade das Hotel und wollen uns an der Rezeption erkundigen, ob Mari-chan eingecheckt hätte, als selbige die Hoteltreppe in die Lobby hinunter kommt.
Wir essen alle zusammen zu Mittag, reden über dies und das und sind guter Dinge. „Hast du heute eigentlich schon deine Medikamente genommen?“, frage ich Mari-chan beiläufig. Immerhin trägt sie eine gemeine Krankheit in sich. Ich mache mir nicht nur Sorgen um ihre, sondern auch um meine Gesundheit, denn meines Wissens soll die Lepra ziemlich ansteckend sein. Mari-chan scheint diese Äußerung völlig falsch zu verstehen. Sie herrscht mich plötzlich und unerwartet heftig an, was mich das anginge und dass ich mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern solle. Ich versuche mich, ihr zu erklären, aber Mari-chan lässt mich nicht zu Wort kommen. Eine gute Minute höre ich mir ihr Gezeter an, dann reicht es mir. „Ach, ist mir doch egal. Dann verrecke eben…“, murre ich wohlweislich in meiner Muttersprache, die hier niemand versteht, und versuche mich weiterer Diskussionen durch einen Blick in die Tageszeitung zu entziehen. Aber Mari-chan gibt keine Ruhe „Das habe ich jetzt nicht verstanden. Können Sie das bitte noch einmal auf Englisch wiederholen?“, fordert sie schnippisch. Es liegt mir fern, dieser Bitte nachzukommen. „Wenn er anfängt, Japanisch zu sprechen, ist das meistens nichts Nettes“, vermutet jedoch Maikurofuto treffsicher. Mari-chan überlegt einen Moment, wie sie diese Aussage bewerten soll, dann sagt sie ernst und voller Überzeugung: „Das ist mal wieder typisch alte Männer. Wenn ein junges hübsches Mädchen sie abblitzen läßt, werden sie gleich beleidigend.“ Ich frage mich, während ich noch immer vorgebe, in der Zeitung zu lesen, was das jetzt mit meiner Sorge um Mari-chans regelmäßige Medikamenteneinnahme zu tun hat, und dann wird mir ziemlich schnell klar, worum es hier wirklich geht: es passt ihr nicht, dass ich mein Interesse an ihr verloren habe und jetzt buhlt sie verzweifelt um meine Aufmerksamkeit. ‚Frauen‘, denke ich kopfschüttlend, ‚das gibt nur Probleme…‘









