Shackelton´s Press Conference
21 February 1922 Tuesday Dunedin
Ich schlafe schlecht, erwache kaum. Ich bin ein Bild des Jammers, sagt mir der Spiegel. So gebe ich das perfekte Bild für die Pressekonferenz ab!, die der Bürgermeister für uns um 3pm in der City Hall organisiert hat.
Colonel Shackleton hält eine emotionale Rede des Scheiterns der Expedition, bei der mehrmals einen Raunen durch die anwesenden Journalistenmenge geht.
Meine Damen und Herren, Ladys, Lords und Freunde.
Wir sind zurückgekehrt.
Vor beinahe 6 Monaten verließen wir Portsmouth an Bord der Quest. Wir waren voller Hoffnung. Wir waren getrieben von dem… unstillbaren Hunger, den der Menschheit eigen ist – dem Hunger, hinter den Horizont zu blicken, dorthin zu gehen, wo die Karten weiß sind. Wir wollten die letzten großen Geheimnisse des antarktischen Eises lüften.
Heute stehe ich vor Ihnen… als Kommandant einer Expedition, die ihre wissenschaftlichen und menschlichen Ziele, die Rettung unseren verschollenen Kameraden, nicht erreicht hat.
Ich werde die Wahrheit nicht beschönigen. Wir sind gescheitert. Wir sind an einem Feind gescheitert, der keinen Verstand hat, aber einen unendlichen Willen. Wir sind am Eis gescheitert. Wir sind am Sturm gescheitert. Der Süden… der große, weiße Süden… hat uns dieses Mal nicht nur abgewiesen. Er hat versucht, uns zu verschlingen. Wir segelten in einen Ozean aus gefrorenem Zorn. Stürme, so gewaltig, dass sie die See in eine tobende, graue Wand verwandelten. Temperaturen, die nicht nur das Wasser gefrieren ließen, sondern auch die Hoffnung in den Herzen der Männer.
Die Quest, unser tapferes Schiff, kämpfte, wie nur ein Schiff kämpfen kann, aber das Packeis war unerbittlich. Es packte uns, es hielt uns fest, und es begann, uns zu zermahlen.
Als das Schiff verloren war… als wir auf dem treibenden Eis gestrandet waren, Hunderte von Meilen von jedem bekannten Land entfernt… da begann der wahre Test.Die Entdeckung war nicht mehr unser Ziel. Das Überleben war unser einziges Ziel. Und in diesem Moment… in diesem Moment der absoluten Verzweiflung, sah ich den wahren Ruhm des menschlichen Geistes. Ich sah Männer, die ihre letzten, gefrorenen Bissen Rationen teilten. Ich sah Männer, die ihre eigenen Erfrierungen ignorierten, um sich um die Füße ihrer Kameraden zu kümmern. Ich sah einen Mut, der nicht in Büchern gelehrt wird, sondern der im Angesicht des sicheren Todes geschmiedet wird. Aber dieser Ruhm… dieser Ruhm hat einen Preis, den ich niemals zu zahlen hoffte.
Wir sind heute hier. Aber wir sind nicht alle hier. Wir haben Männer zurückgelassen.
Wir haben Frank Wild, meine rechte Hand, meinen treuesten Kameraden, dem Eis übergeben müssen. Wir haben Worsley, unseren unfehlbaren Navigator, verloren, als das Eis aufbrach. Wir haben Macklin und McIlroy, unsere tapferen Chirurgen, verloren, die bis zum Schluss versuchten, andere zu retten, und dabei ihr eigenes Leben gaben. Wir haben Kerr, den Jungen… wir haben Green, unseren Koch… wir haben sie im Blizzard verloren. Wie auch Douglas, Jeffrey, Marr, Hussey, Packardt, McLeod, Wilkins, Smith, Mooney, Bee-Mason, Piccard, ja selbst Query.
Ihre Gräber sind eine Meile tief im Ozean oder markiert durch einen Haufen Schnee, den der nächste Sturm bereits davongetragen hat.
Man wird mich fragen: „War es das wert?“ Für die Karten? Nein. Für die Wissenschaft? Nein.
Aber wenn Sie mich fragen, ob es das wert war, Zeuge der unbezwingbaren Stärke der Seele zu sein? Keinen Versuch zu unterlassen, die verlorenen Gefährten der Aurora zurück nach Hause zu holen?
Zeuge zu werden, wie Männer dem Tod ins Auge blicken, nicht mit einem Schrei, sondern mit einem letzten Scherz, mit einem letzten Händedruck der Kameradschaft? Dann sage ich Ihnen… es gibt keinen größeren Ruhm.
Wir, die wir zurückgekehrt sind, sind nur die Boten. Wir sind die Überreste einer großen Hoffnung. Wir bringen die Geschichte derer zurück, die nicht zurückkehren konnten.
Die Quest ist gescheitert. Aber der Geist, der uns antrieb, ist nicht gescheitert. Er lebt in den Erinnerungen, die wir tragen, und in der Schuld, die wir empfinden – der Schuld, überlebt zu haben. Unser Triumph ist, dass wir atmen. Unsere Tragödie ist, dass wir allein atmen. Wir sind zurückgekehrt. Aber wir sind für immer unvollständig.
Ehre sei… Ehre sei den Männern, die im Eis geblieben sind. Sie sind die wahren Eroberer.
Danach verlässt er schweigend, ohne Fragen zu beantworten, die Reporterschar und wir folgen ihm, ebenso ohne Worte.
Ein durch und durch gelungener Auftritt!
Zum Five o´clock Tea treffen wir uns in meinem Zimmer und besprechen das weitere Vorgehen:
Der Tod von Shackelton muss das fulminante Finale der Show werden!










