Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

本証 (Honshō) – Beweise

Mein schmerzendes Fußgelenk und die geschwollene Lippe erinnern mich demütigend an die Peinlichkeiten des gestrigen Abends. Es wirft bestimmt Fragen auf, wenn ich in diesem Zustand meine Freunde treffe. Zudem habe ich heute auch noch den Termin zur Teezeremonie im Britsh Museum. Ich bin unentschlossen und hadere mit mir.

Als meine Entschlossenheit auch nach dem Frühstück noch auf sich warten lässt, ziehe ich mich zur Meditation zurück. Ich atme ruhig und tief, fokussiert auf die Stellen in meinem Körper, die aufgrund meiner emotionalen Befangenheit verspannt sind. Ich spüre die Blockade vor allem im Brust- und Bauchbereich. Dorthin lenke ich meine Atemung und meine Aufmerksamkeit und sorge für bewusste körperliche Entspannung. Diese Übung führe ich einige Male durch. Danach geht es mir besser. Ich beschließe, zu meinen Schwächen zu stehen und die Zeremonie am Nachmittag wie geplant zu besuchen.

Gegen elf Uhr treffe ich auf Halton House ein. Für den Nachmittag haben meine Freunde ein weiteres Treffen mit Sir Kenyon arrangiert. Carla berichtet von ihrem teilweise missglückten Besuch in den Traumlanden. Sie hat die Küstenhexe aufgesucht. Madame Empusa konnte ihr bezüglich des Fluches nicht direkt weiter helfen, jedoch hat sie Carla einen Beutel mit Kräutern mitgegeben, welche die Symptome des Fluchs lindern könnten. Nur leider waren dies ganz normale und keine magischen Heilkräuter, so dass Carla sie beim Erwachen nicht mitbringen konnte.

Um 13:00 Uhr treffen wir uns im British Museum mit Sir Kenyons Assistenten Mr. Percy. Lord Carnarvon bittet um die Erlaubnis, das Ausleihbuch studieren zu dürfen. Irgendjemand muss das verfluchte Buch im Namen des Lords vorbestellt haben. Meine Freunde haben bereits in Erfahrung bringen können, dass die Bestellung mit dem Namen einer Mitarbeiterin unterschrieben wurde, die zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr für das Museum arbeitete. Der Lord möchte die gefälschte Unterschrift durch einen Graphologen untersuchen lassen. Es wird ihm auch gewährt, das Buch mitzunehmen.

Um 14:00 Uhr finden wir uns bei Scotland Yard ein, wo der Lord das Ausleihbuch der Spurensicherung übergibt. Inspector Dunton informiert uns über zwei weitere Todesfälle. Zwei Männer in Soho sind ebenso seltsam durch Ertrinken ums Leben gekommen, wie der Nachtwächter George Baker. Die Tode ereigneten sich am 3. und am 29. April.

Gegen 15:00 Uhr verabschiede ich mich von meinen Freunden. Sie wollen den Todesfällen in Soho weiter nachgehen, ich aber will mich auf die Teezeremonie vorbereiten. Zu Hause angekommen wasche ich mich ausgiebig und lege gute Kleider an. Es ist die traditionelle Festbekleidung meiner Familie, Kimono, Hakama und Haori in dezentem Lichtgrau, versehen mit unserem Familienwappen. Das ist passend für dieses Ereignis: unaufdringlich, aber ehrfurchtsvoll. Ich freue mich auf das Ritual.

Ich habe mir vorgenommen, den Weg zum British Museum zu Fuß zurück zu legen. Es ist ein Spaziergang von einer halben Stunde quer durch Soho. Irgendwie mag ich diesen quirligen Stadtteil, wenn gleich es mir hier ein wenig zu turbulent ist, um hier zu leben.

Gerade, als ich aufbrechen will, überbringt mit ein Postbote ein Telegramm. Es ist von Henry:

+++ Wir treffen uns in der Personalabteilung des britischen Museums +++

Ich bin etwas überpünktlich vor Ort in der Japanabteilung des Museums. Eine Frau der Useki-Gesellschaft erwartet mich. Ich bin der einzige Teilnehmer der Zeremonie. Als sie mich erblickt, glaube ich einen Anflug von Verwunderung in ihren Zügen zu erkennen – nun ja, ich sehe ja auch noch etwas lädiert aus – doch sie äußert sich nicht, sondern bittet mich sich stumm verbeugend einzutreten. Der Teeraum ist schlicht gestaltet. Das Wasser sprudelt im Kessel und es liegt der Duft von frischen Blumen in der Luft. Wir trinken Tee und reden, japanisch, über den Geschmack und die Farbe des Tees, über die Einfachheit Teegeschirrs, über die Schönheit des Schlichten, die Vollkommenheit im Unvollkommenen, über Vergänglichkeit und Sein.

Als die Teezeremonie beendet ist und die Gastgeberin mich verabschiedet hat, spüre ich, wie gut mir diese halbe Stunde der Ruhe getan hat. Im Einfachen ist die Welt noch in Ordnung und im Moment erscheint mir alles sehr einfach. Wenn ich nur wüsste, wo das Personalbüro ist…

Aber auch diese Frage wird schnell beantwortet. Als ich auf der Suche nach einem Menschen, der mir weiter helfen kann, durch das Museum spaziere, dringen vertraute Stimmen an mein Ohr, wenngleich in einer unentspannten, an Frustration grenzenden Stimmlage. Den Stimmen folgend finde ich schließlich auch meine Freunde. Cyril sitzt gelangweilt im Eingang. Meine ohnehin gute Laune hebt sich noch mehr, als ich seiner gewahr werde. Auch er wirkt über mein Erscheinen sehr erfreut.
„Du hast dich ja richtig in Schale geworfen“, merkt er an, „das steht dir.“
Während die anderen die Akten durchstöbern, plaudere ich mit Cyril. Er erzählt mir von den Ermittlungen in Soho. Sie hatten die Mutter eines der Toten angetroffen. Dieser habe sich wohl mit seltsamen Ritualen beschäftigt und mit obskuren Leuten getroffen.
„Es gibt schon echt verrückte Menschen“, sinniert Cyril.
‚Wenn du wüsstest‘, denke ich bei mir. Verrücktheiten dieser Art sind für mich inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. Ich bin erstaunt, wie abgestumpft ist diesbezüglich mittlerweile geworden bin, mit welcher Selbstverständlichkeit ich Magie und außerirdische Monster als Bestandteil dieser Welt wahrnehme und verinnerlicht habe. Noch mehr erstaunt mich, dass ich in all den Jahren zuvor nicht den Hauch einer Ahnung von dem hatte, was wirklich passiert, hatte. So manches Mal habe ich es schon bereut, vor drei Jahren an Bord der Almina gegangen zu sein und meine Reise nach Europa angetreten zu haben, doch mindestens ebenso häufig ist mir auch die Gnade bewusst geworden, die auf diesen langen Weg der Erkenntnis auf mich wartet.

Der Lord, Henry, Carla, Dr. Nidelven und Mare stoßen zu uns. Seit dem Ende der Teezeremonie sind bereits zwei Stunden vergangen. Sie sind auf eine verdächtige Personalakte gestoßen, in der es einige Ungereimtheiten zu geben scheint. Der Name des Angestellten ist Theodor Ustor.

Wir machen uns nun auf den Weg zu Ustors Büro – und tatsächlich: Dr. Nidelven entdeckt hinter dem Schreibtisch leidlich versteckt drei alte Schriftrollen. Wir fotografieren die Schriftstücke ab und legen die Originale zurück, damit der Dieb keinen Verdacht schöpft, wie nah wir ihm schon auf der Spur sind. Dennoch, das ist ein eindeutiger Beweis, dass dieser Mann hinter den Diebstählen – vielleicht sogar hinter den Morden – steckt.

Es ist inzwischen schon nach 9 Uhr am Abend. Mr. Percy möchte Feierabend machen. Die letzten Besucher sind schon vor zwei Stunden gegangen, meint er. Wir sind hier auch erst einmal fertig, wie es scheint, und gönnen dem Mann seinen Dienstschluss.

Gegen halb zehn komme ich schließlich wieder nach Hause. Ich beschließe den Tag mit ein paar Trainingseinheiten, Meditation und Gebet, bevor ich mich zur Ruhe begebe. Ich versuche zu träumen…