大要 (Taiyō) – Rekapitualtion
Ein Stöhnen unterdrückend komme ich zu mir. Ein Stechen wie von Tausenden von Nadeln durchzuckt meinen ganzen Körper, doch der Schmerz lässt mit jedem meiner Atemzüge spürbar nach.
Ich sehe mich um. Ich liege in einem Bett in einem gepflegten und sauberen Zimmer. Ich werde über einen Tropf mit Flüssigkeit versorgt. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass ich in Piombino in Italien in einem der Gästezimmer in Carlas Landhaus bin.
Ich ziehe mir die Nadel des Tropfs aus dem Unterarm. Moment… Diese Narbe… War sie nicht nach meiner Rückkehr aus der unendlichen Bibliothek auf mysteriöse Weise verschwunden?
Langsam dämmert mir, was gerade mit mir passiert ist:
Ich habe durch göttliche Intervention meinen angeborenen Leib zurückerhalten, der nach meiner Rückkehr zur Erde in der Bibliothek von Babel geblieben war. Was mit dem Clone-Körper von Dr. Krebs, der mir seitdem als physisches Vehikel diente, passiert ist, weiß ich nicht. Ist er vernichtet worden, wie ich es in meiner Traumreise wahrgenommen habe, oder geistert er womöglich noch irgendwo da draußen im Universum umher? Und Dr. Krebs? Er ist nicht mehr da – zumindest macht es den Eindruck. Ich fühle mich befreit in Geist und Körper. Und ich habe einen Mordshunger.
Ich ziehe mich an und eile in das Esszimmer. Meine Freunde haben ihr Frühstück schon beinahe beendet, als ich zu ihnen stoße.
„Guten Morgen, Dornröschen“, begrüßt Mycroft mich grinsend. Er trägt keine Bandagen mehr, um sein Gesicht zu verhüllen, das völlig unversehrt scheint.
„Guten Morgen, Shinyū“, erwidere ich seinen Gruß, „du siehst so gut aus, wie lange nicht mehr. Was ist passiert?“
„Es ist nur eine Illusion“, erklärt er, „du siehst, was du sehen sollst. Darunter ist noch alles beim Alten. Du kannst es fühlen.“
In der Tat. Als ich vorsichtig sein Gesicht berühre, spüre ich darunter deutlich die Narben des Gelben Zeichens.
Ich lasse mir Kaffee bringen mache mich heißhungrig über das Frühstück her. Mein Blick fällt auf einen Abreißkalender. Irritiert reibe ich mir die Augen. Kann das sein?
„Bitte sagt mir, dass da jemand ein paar Blätter zu viel von diesem Kalender abgerissen hat“, sage ich nicht an jemand bestimmtes gerichtet in den Raum, doch das Datum auf dem Kalender stimmt. Ich bin für einen Moment fassungslos. Es ist der 12. Mai. Die Ausstellungseröffnung war am 7.
„Ich habe fünf Tage am Stück geschlafen?“, frage ich ungläubig, was die Anwesenden bestätigen.
„Warum habt ihr mich nicht geweckt?“, frage ich.
„Der Doktor meinte, wir sollten dich schlafen lassen“, meint Mycroft, „und du machtest den Eindruck, als hättest du etwas Wichtiges zu erledigen.“
„Ja, das hatte ich“, murmle ich. Natürlich erwarten meine Freunde nun auch meinen Bericht und ich erzähle. Ich muss weit ausholen, denn sie wissen bisher nichts von meinem Pakt mit dem Mi-Go, aus dem ich mich nun Dank göttlicher Gunst herausstehlen konnte. Also erzähle ich Ihnen die ganze lange Geschichte, angefangen bei meiner Begegnung mit Bernhards Traumgestalt, über meinen heftigen Rücksturz zur Erde bis hin zu meiner jüngsten Reise nach Celephais und meiner Befreiung durch die Katzenmatriarchin. Der Mi-Go wird sicherlich nicht erfreut sein über meinen „Vertragsbruch“ und vermutlich sinnt er auf Vergeltung, doch ich bin fest entschlossen, ihm nach Möglichkeit zuvor zu kommen.
Ich kann meine Geschichte unbehelligt erzählen. Dr. Krebs hat seinen direkten Einfluss auf mich verloren. Ich bin erleichtert, dass ich nun nicht länger Gefahr laufe, meine Freunde allein durch meine Gegenwart an den Feind zu verraten und ich bin froh, dass ich ihnen dieses Geheimnis endlich offenbaren kann. Mycroft schließt mich in seine Arme und küsst mich auf beide Wangen.
„Ich bin froh, dass du wieder der Alte bist“, sagt er. Auch der Lord lächelt mir erleichtert zu.
Auch meine Freunde sind vor fünf Nächten von Madame Empusa in die Traumlande gerufen worden, um uns zu helfen, Klarheit in unsere Mission zu bringen. Tatsächlich sei es so, dass das wir durch unseren Diebstahl der Kugel aus der Albtraumstadt Ry’leh und dem damit einhergehenden Erwachen Cthulhus einige Effekte ausgelöst haben, die nun ausgeglichen werden müssen. Es gibt vermutlich mehr als eines dieser Siegel. Sie sorgen für den Erhalt des Gleichgewichts zwischen den Traumlanden und der Wachwelt. Der Zwischenfall in Ry’leh, den wir provoziert hatten, hatte das Siegel von seinem angestammten Ort entfernt und nun wäre es an uns, diesen Fehler zu korrigieren.
Doch auch in der Wachwelt ist einiges passiert, während ich geschlafen habe. Henry ist der Zwillingsschwester seiner Frau begegnet. Ihr Name ist Beatrice. Er wusste nichts von ihrer Existenz und die Begegnung hat ihn wohl ziemlich aus der Bahn geworfen, zumal seine Gemahlin, die auf der Titanic nach Amerika reisen wollte, seit dem großen Schiffsunglück als verschollen gilt. Ihre Schwester empfängt seitdem Träume, die darauf hinweisen, dass sie nicht tot, sondern in irgendeiner Art Zwischenwelt gefangen ist.
Als besonders interessante Nachricht empfinde ich die Kunde, dass die Nachricht auf den Goldtafeln, von denen eine aus Ugolinos Ausstellung entwendet wurde, von meinen Freunden entschlüsselt werden konnte. Es ist die Rede von der Übergabe einer Steuereinheit für eine Flugmaschine am 6. Juni in Bristol – eine Abmachung zwischen der Vril-Gesellschaft und Dr. Krebs, wie es scheint. Wenn das stimmt, wird sich womöglich schon bald eine Gelegenheit für mich ergeben, Dr. Krebs in seinen Vergeltungsplänen zuvor zu kommen.









