Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

縁日 (Ennichi) – Jahrmarkt

Die letzten vier Wochen vergingen relativ ereignislos. Das Osterfest wurde gefeiert. Seit ich in England lebe, ist es das erste Mal, dass ich dieses Fest gemeinsam mit meinen Freunden begehe. In den vergangenen Jahren haben einfach andere Dinge zu sehr unsere Aufmerksamkeit gefordert, um den Frühling in der Angemessenheit, die ihm eigentlich zusteht, zu begrüßen.

Wir sind heute in der Toskana angekommen. In drei Tagen wird die Etrusker-Ausstellung, zu der wir von Carlas Onkel Ugolino Geradeska eingeladen worden sind, eröffnet. Wir fliegen mit zwei Flugzeugen – Mycrofts neu erworbener Junkers Larsen JL6 und des Lords Junkers F13. Bei der Landung in der Bucht von Piombino herrscht Aufwind, doch Mycroft wassert die Maschine sicher und souverän. Mycroft verhandelt mit Carlas Hilfe mit einem der Dockarbeiter – ich schnappe zwischen den vielen mir unbekannten Worten den Namen Bruno auf – über den Verbleib der Flugzeuge in einem Trockendock im Hafen. Die beiden werden sich einig. Mycroft gibt ein großzügiges Trinkgeld und fragt nach einer Transportgelegenheit zum Anwesen der Familie Geradeska. Bruno kennt da tatsächlich jemanden, der uns weiterhelfen kann. Sein Bruder Franco, übersetzt Carla, ist Eigentümer eines Großraumfahrzeuges, einer Art Kleinbus. Er könnte sich uns für die Zeit unseres Aufenthaltes auf Abruf Chauffeur zur Verfügung stellen. Wie aufs Stichwort erscheint Franco in diesem Moment im Hafen. Bruno erzählt ihm von unserem Interesse. Auch Franco ist interessiert und nennt uns seinen Preis für seine Dienstleistungen. Mycroft schlägt ohne Verhandlungen ein.

Franco waltet seines Amtes und fährt uns zum Anwesen der Geradeskas. Kinder toben mit lautem Geschrei durch den Garten. Neugierig spähen sie in unsere Richtung. Carla wird von Onkel Ugolino und Tante Cecilia mit herzlichen Umarmungen und heißen Küssen, begleitet von schnellen Worten und großen Gesten, willkommen geheißen. Nachdem Ugolino und Cecilia ihre Nichte ausgiebig geherzt und gedrückt haben, stellt Carla uns ihnen vor. Wir werden mit der gleichen Herzlichkeit und Wärme willkommen geheißen, wie Carla. Ich bin mit dieser Situation völlig überfordert. Ich fühle mich ob dieser Fülle an zur Schau gestellter Emotionalität sehr unwohl, bin aber nicht in der Lage, mein Missfallen über diese Umstände auszudrücken. Zum einen ist da die Sprachbarriere. Ich verstehe kein Wort Italienisch. Zudem fürchte ich, dass es als Unhöflichkeit angesehen würde, wenn ich mich dem Überschwall an Umarmungen und Küssen zu entziehen versuchte, also lasse ich es einfach über mich ergehen und warte, bis es vorbei ist. Die Kinder haben sich genähert und scheinen einen besonderen Narren an Henry gefressen zu haben. Ich bin froh, dass nicht ich das primäre Objekt ihres Interesses bin.

Wir beziehen die Gästezimmer und es ist uns ein kurzer Moment der Ruhe vergönnt, bevor das Haus mit lautem Klatschen und Rufen erfüllt wird. „Mangiare, mangiare“, ruft Cecilia. Die Familie sammelt sich um den Esstisch. Auch wir sind als Gäste des Hauses dabei.

Am Nachmittag besuchen wir einen Jahrmarkt, der etwa drei Meilen vom Anwesen der Geradeskas entfernt gastiert. Dort angekommen messen Mare, Mycroft und ich unsere Fähigkeiten im Messerwerfen. Ich versage auf ganzer Linie. Am Losstand zieht Henry den Hauptgewinn – einen Freifahrtschein für sämtliche Fahrgeschäfte. Eine Gruppe von Kindern scharrt sich um ihn. Offenbar haben sie irgendwie mitbekommen, dass Henry den Hauptgewinn abgegriffen hat. Nach einer kurzen Konverstion überlässt Henry den Kindern den Freifahrtschein. „Viva Enrique“, rufen sie.

Ein Stand mit Talismanen und Tränken erregt unser Interesse, doch schon nach kurzer Zeit wird uns klar, dass es sich nur um Scharlatanerie und Tand handelt. Echte Magie scheint dieser Stand nicht zu bieten. Als wirklich interessant erscheint uns ein Zelt, vor dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift „Madame Empusa – Wahrsagerin“ steht. Wir treten der Reihe nach einzeln in das Zelt ein. Als ich an der Reihe bin, den Vorhang zur Seite streife und in das Zelt eintrete habe ich den Eindruck, als sei dieses von innen viel geräumiger als es von außen erscheint. Die Wahrsagerin kommt mir bekannt vor. Es ist die Kräuterfrau, die wir an der Küste in der Nähe von Canas in den Traumlanden getroffen haben. Sie rät mir, meinen Weg bis zu Ende zu gehen. In meinem Geist erscheint ein Bild, eine Vision von einem See, der in seiner Mitte ein Loch birgt und in dieses wasserfallartig hinabstürzt. Bevor Madame Empusa mich aus ihrer Sitzung entlässt, zeigt sie mir noch eine Sammlung von Amuletten, von denen sie mich bittet, eines auszuwählen. Als wir uns im Anschluss über unsere Erlebnisse austauschen, stellen wir fest, dass wir ganz ähnliche Erfahrungen gemacht und ähnliche Visionen empfangen haben.

Den Rückweg vom Jahrmarkt treten wir zu Fuss an. Am Wegesrand erscheinen die Bilder aus unseren Visionen. Am Ende des Weges stoßen wir auf ein Tor. „Das ist das Bild aus meiner Vision“, merkt Henry an. Wir gehen hindurch.

Das Tor führt in eine offene Höhle mit einem Wasserfall. Mycroft ist der Überzeugung, dass es hinter dem Wasserfall einen Ausgang geben muss. Forsch schreitet er voran und seine Ahnung erweist sich als richtig. Einige gefühlte Stunden verbringen wir damit, die Höhlen und Gänge zu erforschen, bis wir schließlich in einem Raum mit vier Säulen ankommen. Kaum, dass wir alle diesen Raum betreten haben, verdunkelt sich alles um uns herum und die Säulen verwandeln sich in Gestalten aus Licht, Frauen, bewaffnet mit Speer und Schwert. Eine klare und durchdringende Stimme mahnt uns: „Zur falschen Zeit am falschen Ort. Ohne Siegel.“ Im nächsten Augenblick endet der Spuk. Wir stehen wieder in dem Säulenraum. Gleichermaßen verwirrt und ratlos machen wir uns auf den Weg zurück zu Ausgang. Von dort aus nehmen wir den Weg zum Anwesen der Geradesks wieder auf. Das Haus von Carlas Onkel liegt keine 800 Meter von uns entfernt.

Wir erreichen das Haus rechtzeitig zum Abendessen. Es scheint keine Zeit vergangen zu sein, während wir die Höhlen erforscht haben.