Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

祓え (Harae) – Reinigung

Als der Morgen endlich angebrochen ist und die Menschen ihrem Tagwerk nachzugehen beginnen, versuche ich, magisches Papier aufzutreiben. In Ulthar kann man mir nicht weiterhelfen. Man verweist mich nach Canas, doch auch da habe ich keinen Erfolg. Esme treffe ich nicht an. Der Leguan sieht immer noch nicht gesund aus, aber schon etwas besser, als vor drei Tagen.

Unverrichteter Dinge kehre ich nach Ulthar zurück. Auf meinem Grundstück herrscht emsige Betriebsamkeit. Balken werden zurecht gesägt, Planken geschliffen. Acht Handwerker geben sich auf meinem Hof die Ehre. Zimmermann Harek bespricht mit mir noch ein paar Details und einen groben Zeitplan für den Bau.

Am Nachmittag erhalte ich Besuch. Der Lord und Mycroft berichten mir, dass sie den Hund von Tindalos heute verbannen und die astralen Spuren des Lord löschen wollen. Sie suchen mich aus zweierlei Gründen auf. Zum einen möchte der Lord den Spruch zum Reinigen der astralen Pfade noch einmal überprüfen. Mare hatte sich zwar alles gut eingeprägt, erklärt er, aber an einer Stelle war sie sich nicht sicher. Ich gebe ihm das Papier und er lächelt zufrieden.
“Wir werden gleich die Kugeln ausgraben und mitnehmen. Wir brauchen sie als Köder für den Hund”, erklärt Mycroft, “wir hatten da so eine Idee, keine Ahnung, ob es was bringt, aber würdest du mit uns kommen und in die Aura der Kugeln eintreten?”
Ich weiß zwar nicht genau, was er damit zu erreichen glaubt, aber ein Versuch kann nicht schaden.
“Okay”, antworte ich und begleite meine Freunde zur Traumlandtruhe. Ich durchschreite den kaum sichtbaren Lichtkreis und gehe ein paar Schritte hinein. Mich überkommt ein ungutes Gefühl, Schwindel und Übelkeit und ein anschwellenden Anflug von Panik. Eilig, einen Brechreiz unterdrückend, verlasse ich den Kreis wieder.
“Geht es dir gut?”, fragt Mycroft besorgt. Ich erhole mich schnell, nachdem ich die Aura verlassen habe.
“Es geht schon wieder”, antworte ich, “aber so funktioniert das nicht. Irgendetwas fehlt oder ist nicht richtig.” Ich mache mir Sorgen, was mit meinem Körper passiert, wenn, was auch immer ich gerade im Begriff war, zu tun, als mich Schwindel und Übelkeit zur Umkehr zwangen, eintritt. “Ich brauche meinen physischen Leib, um auf diese Art zu reisen”, vermute ich.
Mycroft wirkt etwas enttäuscht.
“Das war zu einfach gedacht”, meint er resigniert.
Der Lord mahnt zur Eile. Ich helfe meinen Freunden, die Kugeln auszugraben, damit sie ihre Mission in der Wachwelt erfüllen können.
“Viel Erfolg”, wünsche ich ihnen, als sich ihre Leiber vor meinen Augen auflösen. Wie gerne würde ich ihnen folgen. Das erste Mal, seit ich hier bin, verspüre ich tiefes Heimweh.
‘Es ist, wie es ist’, rede ich mir zu, ‚du hast es dir selbst eingebrockt, also komm damit klar.’

Ich vertreibe meine Wehmut, indem ich mich körperlich betätige. Es ist inzwischen später Nachmittag. Die Handwerker haben bereits Feierabend gemacht. Nachdem ich ein paar kräftige Schläge mit meinem Schwert geführt habe, fühle ich mich schon viel besser. Ich entzünde ein kleines Feuer, um darauf in einem Kessel Wasser für Tee zu erhitzen. Ich will mir gerade eine Pfeife anzünden, als ich glaube, Mycroft auf mich zukommen zu sehen. Er ist es wirklich, stelle ich schnell fest.
“Du konntest es wohl nicht erwarten, mich wiederzusehen”, rufe ich ihm erfreut entgegen. Wir umarmen uns herzlich und ich schenke auch ihm einen Tee ein.
“Wir haben es geschafft”, sagt er, “der Hund ist vertrieben und die Pfade des Lords im Astralraum sind gereinigt.”
“Herzlichen Glückwunsch”, gratuliere ich, “ein Problem weniger. Vorerst.”
Mycroft lässt seinen Blick über das Grundstück gleiten und betrachtet interessiert die Holzstapel und Werkzeuge. Auch die Brunnenbauer haben bereits begonnen, den Schacht auszuheben.
“Du warst fleißig”, stellt er fest und blickt hinüber zu seinem Land, das noch immer unberührt daliegt, “ich sollte auch anfangen, meine Hütte zu bauen.”
“Eigentlich habe ich nur Anweisungen gegeben, weniger selbst Hand angelegt”, erkläre ich, “willst du meine Pläne sehen?”
“Gerne”, sagt er und ich zeige ihm meine Skizzen. Während ich ihm meine Pläne erläutere, bilden sich vor meinem inneren Auge bereits die Bilder der fertigen Bauwerke.
“Das sieht gut aus”, meint er lächelnd, “es passt zu dir.”
Wir tauschen uns noch eine Weile über unsere Baupläne aus. Mycroft entschließt sich, sein Grundstück noch einmal zu begehen, um die seinen zu konkretisieren. Mit Papier und Feder bewaffnet skizziert er seine Ideen. Ich lasse meinen Blick in die Ferne schweifen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Sonne untergeht und in England der Tag anbricht.
Aus dem Augenwinkel bemerke ich einen Schatten. Meine Instinkte versetzen mich sofort in Alarm- und Kampfbereitschaft. Binnen Sekundenbruchteilen schnell mein Schwert, in seiner Saya ruhend, nach oben und blockt den Schlag, der auf mich geführt wurden, während ich selbst, in der anderen Hand noch die Teeschale haltend, mich zügig und sicher aufrichte, die Saya sanft aber bestimmt aus meiner Mitte heraus nach hinten schiebend. Mycroft fällt rücklings zu Boden und landet krachend auf einem Stapel Bauholz.
“Dein Ninjutsu war auch schon mal besser”, spotte ich.
“Du bist einfach zu gut für mich”, gesteht er ein. Dennoch lässt er sich gerne auf einen Trainingskampf mit mir ein. Seinen Vorschlag, mit blanken Waffen zu üben, lehne ich ab.
Mycroft ist verwundert. “Es kann doch eigentlich nichts passieren, wir können hier nicht wirklich sterben”, meint er.
“Wenn ich verliere, erwartet mich etwas, das schlimmer ist, als der Tod”, gebe ich zu Bedenken. Mycrofts Gesichtsausdruck wird ernster. Bevor seine Schuldgefühle auch nur den Hauch einer Chance haben, Macht über ihn zu erlangen, lenke ich ihn erfolgreich ab und fordere ihn mit einer Reihe von gut platzierten Angriffen, denen auszuweichen es ihm genug Aufmerksamkeit abverlangt, um nicht in Melancholie und Selbstverurteilung zu verfallen. Wir kämpfen bis zum Sonnenuntergang, bis er mich erschöpft um Einhalt bittet.

“Bist du das Mal des König in Gelb in der Wachwelt jetzt eigentlich auch los?”, frage ich, als wir uns bei einem Tee ausruhen.
“Nein, noch nicht”, antwortet er, “aber es brennt nicht mehr. Und ich kann das wieder tun.” Er zeigt mir ein Älteres Zeichen, das er in seinen Händen hält, ein klares Zeichen, dass er nicht mehr ein Teil dessen, der nicht genannt werden darf, ist.
“Wahrscheinlich sind auch die Katzen dir gegenüber nicht mehr so abweisend”, vermute ich.
“Kann schon sein, ich habe noch keine Möglichkeit gehabt, das zu überprüfen.”
Seine Gestalt beginnt wieder zu verblassen.
“Ich fürchte, meine Zeit hier ist für heute vorüber”, seufzt er, “ich komme so bald wie möglich wieder”, verspricht er mir.
Wir schließen einander in die Arme, bevor die Dimensionen uns erneut trennen.
“Mycroft-kun?”, flüstere ich.
“Hm?”
“Ich liebe dich.”
Er drückt mich fester an sich und küsst mich auf die Stirn.
“Das weiß ich, [simple_tooltip content=’愛人: Geliebte(r), Liebhaber(in)‘]Aijin[/simple_tooltip].“, sagt er ruhig, „das weiß ich.“
Dann ist er fort.