Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

荒唐 (Kōtō) – Unsinn

Ich schreibe wie besessen. Zu meinem Erstaunen finden mehr Worte über meine Gefühle als über meine Erlebnisse den Weg auf das Papier. Es hilft, den Schmerz in meinem Herzen zu lindern. Ich kann nicht aufhören, an Mycroft zu denken. Die Ungewissheit über sein Schicksal macht mir mehr zu schaffen, als die Ausweglosigkeit meiner eigenen Lage. Ich halte im Schreiben inne. Meine Hand beginnt zu schmerzen. Ich brauche eine Pause. Ein Blick auf meine Taschenuhr zeigt, dass ich zu schon vier Stunden hier bin, vielleicht auch sechzehn oder achtundzwanzig. Ich kann nicht sagen, wie oft die Zeiger seit meiner Ankunft hier ihre Runden gemacht haben. Vorsorglich ziehe ich das Uhrwerk nochmal auf. Während ich mein Handgelenk massiere, schweift mein Blick über die randvollen Regale. Ein Werk mit dem Titel “Die kunstkritischen Schriften zur Ästhetisierung des Sarugaku Nō gegenüber dem Sarugaku, Dengaku und dem Okino Sarugaku”. Ich habe mich bisher nie für Theatertheorie interessiert, aber ich glaube, dass dieses Buch Antworten enthält, deren Fragen mir noch nicht einmal bekannt sind. Eine innere Stimme warnt mich, doch ich höre nicht hin. Es ist kein Zufall, dass ich hier bin und es ist auch kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Buch meine Aufmerksamkeit erregt. Hier muss es etwas geben, das meinem Freund hilft, sich zu demaskieren und seine Freiheit zurück zu erlangen. Ich vertiefe mich in die Lektüre und finde einen ersten Anhaltspunkt. Die drei Grundmasken des Nō – der alte Mann, die junge Frau und der Krieger – ich hatte symbolisch betrachtet schon einmal damit zu tun, in Odawara, als meine Königin sich mir zum ersten Mal in ihrer wahren Form offenbarte. Die Urne, die Schriftrolle und das Schwert, derer ich eines für meinen Weg zu wählen aufgefordert war, verkörpern diese drei Aspekte.

Meine Gedanken treiben weiter. Für Masken wird auch der veraltete Begriff “Larve” verwendet. Ohne dass ich es bewusst bemerkt hätte, habe ich ein weiteres Buch aus dem Regal genommen und mich darin vertieft. Der Begriff “entlarven”, der dem Wort “demaskieren” in seiner Bedeutung ähnelt, ist vom Lateinischen “Larvae” abgeleitet, was soviel wie “Gespenst” oder “Geist” bedeutet, eine Analogie, die mir auch aus dem klassischen japanischen Nō und Kabuki bekannt ist. Die Begriffe “Maske” und “Larve” sind jedoch nicht selbstgleich, heißt es in der Schrift. Das Wort “Maske” leitet sich vom arabischen “mas-chara” ab. Das bedeutet “nah”, “begrenzt” oder “Scherz”. Auch erfahre ich, dass im europäischen Sprachgebrauch der Begriff “Larve” und dessen Anleitungen für einer Verkleidung oder Tarnung zum Verbergen böswilliger Absichten verwendet wird, während das Wort “Maske” für jede Art der Verstellung steht, auch jene zum Scherz und ohne böse Hintergedanken. Wieder eine Analogie, die sich ähnlich auch in meiner Muttersprache findet: der Begriff 仮面 (Kamen) und dessen Ableitungen bezeichnet eine Maske zum Verbergen unlauterer Absichten oder Lügen und entspricht damit eher dem europäischen Begriff “Larve”, während 覆面 (Fukumen) eine Form der Maskierung bezeichnet, die einem ehrlichen Ziel dient. Es ist wirklich faszinierend, was man in dieser Bibliothek so alles finden kann.

Wie besessen folge ich den Spuren. Larven, Masken, Scheme… es muss doch hier irgendetwas zu finden geben. Ich steige gerade eine Leiter hinauf, um mir ein weiteres interessantes Buch aus dem Regal zu nehmen, als mich ein kurzer Moment der Klarheit einholt. ‚Was tust du hier eigentlich?’, frage ich mich, ‚es kann nicht der Sinn sein, all diese unnützen Bücher zu durchsuchen.’ Doch schon erregt ein neues Schriftstück meine Aufmerksamkeit. Es ist eine Passage aus einem Theaterstück.
“Cassilda: ‚Es ist Zeit, dass wir unsere Masken abnehmen. Wir alle haben nun unsere Verkleidung abgelegt.’
Der Maskierte: ‚Ich trage keine Maske.’ “

Ich verfalle wieder meinem Wahn. Die Schrift, die mich nun beschäftigt, erzählt von den Larvae, den Totengeistern in der altrömischen polytheistischen Kultur. Das nächste Buch, das ich in den Händen halte, beschreibt das Konzept der Totenmaske. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass im Glaubenskonzept des alten Rom die Geister (Larvae) Verstorbener zu Göttern werden konnten, denn auch das stellt wieder eine Analogie zu dem, was ich aus meiner Heimat kenne, dar. In zahlreichen Shintō-Schreinen im ganzen Land werden vor langer Zeit verstorbene Krieger und andere große Meister als Kami verehrt.

“Was suchen Sie hier?”, fragt mich jemand. Ich zucke zusammen. Ich habe völlig vergessen, dass es hier noch andere gibt. Ich kann ihm keine Antwort geben. Ich bin zu beschäftigt mit suchen. Ich habe gerade etwas gefunden: ‚Persona (Identitätszuschreibung): ein Begriff für Maske, abgeleitet von etruskischen fersos (Larve).’
“Sind sie schon lange hier?”, fragt der Fremde, “ich bin nämlich neu hier.”
Ich antworte nicht. Ich lese gerade etwas über die abendländische und japanische Larvenkultur.
“Ich sehe schon, Sie sind beschäftigt”, sagt der Fremde, “viel Erfolg bei Ihrer Suche.”
Mit diesen Worten verlässt er den Raum.
Masken. Larven. Persona. Irgendetwas muss hier doch zu finden sein…

‚Halt, warte!’ Eine innere Stimme warnt mich. Das hier ist nicht richtig. Diese unzählige, unnützen Schriften. Das ist nicht der Sinn. Warum bin ich hier? Wie bin ich hierher gekommen? Ich erinnere mich. Mein Verstand scheint zurück zu kehren und beginnt zu arbeiten. Meine Taschenuhr ist stehen geblieben. Seit ich sie zuletzt aufgezogen habe, müssen mindestens zwei Tage vergangen sein. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Ich muss hier weg, so schnell wie möglich, sonst verfalle ich diesem Ort vollends, doch ich habe keine Idee, wie ich das anstellen soll. Mein Blick schweift zur Decke. Durch die Öffnungen fällt kein Licht, wie es bei unserer Ankunft der Fall gewesen ist. Es herrscht die pechschwarze Dunkelheit der Nacht. Ich denke an Kurō und an meine Aufgabe, die in der schwarzen Krähenburg von Matsumoto auf mich wartet. Vielleicht kann meine Göttin mir helfen, nach Hause zu kommen. Ich knie nieder und versuche im Gebet mit der Königin der Nacht in Verbindung zu treten, doch ich erhalte keine Antwort. Ich spüre, wie meine Gedanken sich schon wieder um Masken und Larven drehen. “Nein, ich will nicht”, rufe ich laut, laut genug, um die Kontrolle meines Verstandes noch eine Weile aufrecht erhalten zu können.
‚Die Traumlande’, fällt es mir plötzlich ein. Ich könnte versuchen, dorthin zu gelangen. Dann wäre ich zwar noch immer nicht zu Hause, aber zumindest bei Verstand, so hoffe ich. Wie lange ich dort bleiben kann, falls es mir gelingt, zu träumen, weiß ich allerdings nicht.

Es gestaltet sich schwierig. Ich verspüre keine Erschöpfung oder Müdigkeit und an Schlaf ist nicht zu denken. Ich verschaffe mir nun mittels Alkohol und Marihuana die nötige Schwere, um schlafen zu können. Das gelingt auch, doch dem Übergang in die Traumlande ist dies weniger zuträglich. Statt Ulthar zu besuchen träumen ich von Senchō und seiner Crew an Bord der Nidelva auf dem Weg nach Trondheim. Mit schwerem Schädel komme ich schließlich wieder zu mir, doch der Kopfschmerz ist schnell überwunden, als ich ein weiteres Buch finde und danach noch weitere und weitere, die mich in ihren Bann ziehen. Ich weiß nicht, wie viele Schriften ich durchsucht habe und wie lange ich dafür gebraucht habe, bis mich wieder einmal ein klarer Moment ereilt. Ich halte an meinem Plan fest und unternehme erneut einen Versuch, mich nach Ulthar zu träumen. Ich denke an Mycroft. Ich habe ich das Gefühl, dass es ihm gut geht, vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken. Doch ich spüre deutlich, wie sehr er mir fehlt und wie sehr ich ihn vermisse. Von dieser Sehnsucht getragen entgleite ich