天罰 (Tenbatsu) – Heimsuchung
Wie üblich erwache ich am späten Vormittag. Amanda kennt meinen neuen Tagesrhythmus noch nicht. Ihr Gesichtsausdruck spiegelt Verwunderung, doch in ihrer zurückhaltenden Art verliert Sie keine Worte darüber.
Ich nehme den Zug um 12:30 ab Portsmouth in Richtung London. Meine Fahrkarte habe ich telefonisch reserviert, ebenso habe ich einen Fahrdienst bestellt, der mich pünktlich zum Zug bringt. Bevor ich abreise, nehme ich noch das Schreibset mit, das ich zusammen mit Mycroft in Odawara geborgen habe.
Gegen 16:30 Uhr erreiche ich den Londoner Hauptbahnhof. Ich suche mir ein Mittelklassehotel in der Nähe des Parlamentsbezirks und quartiere mich im Hotel “Zum Strumpfband” ein. Das Haus ist übersichtlich und verfügt gerade einmal über 10 Zimmer. Es wird von Mrs. Microsoft geleitet.
Ich beziehe eines der beiden Zimmer im Dachgeschoss. Es ist einfach und gemütlich, mit viel Liebe zum Detail gehalten. Nachdem ich mich eingerichtet habe, suche ich das nächste Postamt auf, um meine Freunde auf Highclere Castle darüber zu informieren, wo sie mich erreichen können. Butler Charles nimmt meinen Anruf entgegen. Weder Mycroft noch der Lord sind zugegen. Ich bitte den Butler, meinen Freunden auszurichten, dass ich im Hotel “Zum Strumpfband” ein Zimmer bezogen habe. Als ich ins Hotel zurückkehre, wartet Mrs. Microsoft bereits mit dem Abendessen.
Ich bin sehr erstaunt, als kurz vor acht ein ziemlich gehetzt wirkender Mycroft Winterbottom die Hotellounge betritt. Ich lege die Zeitung beiseite, in der ich im Kulturteil nach Möglichkeiten der Abendunterhaltung recherchiert habe. Erfreut begrüße ich meinen Freund.
Als wir unter uns sind, erzählt er mir, dass er und der Lord die Kugeln nach Croydon gebracht und dort in Mycrofts Tresor verstaut hätten. Offenbar war das Wesen der Spur der Artefakte weiter gefolgt. In Croydon ist ein Wachmann zu Tode gekommen, auf ähnlich bestialische Weise, wie die fünf Menschen, die gestern Abend auf Highclere Castle gestorben sind. Den Tresor, in dem die Kugeln verwahrt wurden, konnte es auch dieses Mal nicht aufbrechen.
“Ich brauche jetzt dringend etwas Ablenkung und Zerstreuung”, gesteht mir mein Freund.
“Wie wäre es mit einem Besuch in einem Lichtspielhaus?”, schlage ich vor. Ein Lichtspieltheater in der Nähe der Waterloo Bridge zeigt heute “Das Kabinett des Dr. Calgari”. Mycroft gefällt die Idee. Wir halten uns nicht lange auf und machen uns zügig auf den Weg. Der Film beginnt bereits in einer halben Stunde.
Das Lichtspiel ist sehr bewegend. Es erzählt die Geschichte des jungen Mannes Franzis, der den dunklen Machenschaften eines Schaustellers auf dem Jahrmarkt auf die Spur kommt. Die Geschichte ist spannend erzählt. Der Fall scheint gelöst, als der Wahnsinn des Schurken offensichtlich wird und er in die Psychiatrie eingewiesen wird, so scheint es. Doch es nimmt am Ende eine überraschende Wendung, so dass nicht mehr klar ist, wer der Wahnsinnige ist – Dr. Cagliari oder Franzis. Mycroft und ich sind beide emotional stark ergriffen, als wir das Theaterhaus verlassen. Die gerade gesehene Geschichte erinnert uns an unser eigenes Schicksal.
Wir machen einen kleinen Umweg über die Canon Row. Mycroft möchte sich selbst einmal das Haus ansehen, dass ich eventuell kaufen will. Am liebsten würde er sich das Haus auch gleich von innen ansehen, doch ich rede ihm seine Einbruchspläne aus und verweise ihn darauf, dass ich morgen einen Termin mit dem Makler und Mr. Watson habe und dass er dann auch das Innere des Hauses inspizieren könne. „Du bist viel zu anständig“, erwidert er, entspricht aber gerne meinem Wunsch. Er lässt sich aber nicht davon abhalten, in einer Eckkneipe in der Nähe einzukehren, um dort Erkundigungen einzuholen, doch die Bardame weiß nichts, was mir nicht auch schon Mr. Smith erzählt hatte.
Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Hotel. Auf halbem Weg kommt uns ein seltsamer Typ entgegen. Er hat etwa Mycrofts Statur und trägt einen langen Mantel und einen tief ins Gesicht gezogenen Schlapphut. Als er auf unserer Höhe ist, spricht Mycroft ihn an.
“Entschuldigung, haben Sie vielleicht Feuer”, fragt er.
“Nein, habe ich nicht”, antwortet der Fremde mürrisch. Verdutzt blicke ich ihm nach. Es war Mycrofts Stimme, die ich gehört habe, als sich die Lippen des Fremden bewegten.
“Er spricht, wie du”, sage ich verwundert zu meinem Freund.
“Er sieht auch so aus, wie ich”, entgegnet er besorgt.
Wenig später erreichen wir das Hotel. Die Bar ist schon geschlossen – es ist Sperrstunde – doch Mrs. Microsoft lässt sich überreden, uns eine Flasche Gin und zwei Gläser aufs Zimmer mitzugeben.
Entspannt lassen wir den Abend auf meinem Zimmer ausklingen. Mycroft hat das zweite Dachzimmer direkt nebenan bezogen. Gegen 23 Uhr begibt er sich zur Ruhe und ich lasse mich nieder, um meine Mitte in der Meditation zu finden. Kurze Zeit später klopft es an meiner Zimmertür. Es ist Mycroft.
“Dieser Typ, der uns vorhin auf der Straße begegnet ist, er ist hier und beobachtet uns”, meint er nervös. Wir gehen zum Fenster und er deutet in die Richtung, in welcher er den Fremden gesehen zu haben glaubt, doch ich sehe nichts.
“Da ist niemand”, erkläre ich voller Überzeugung, “vielleicht leidest du unter Verfolgungswahn?”
Mycroft schaut nachdenklich aus dem Fenster.
“Da könntest du Recht haben”, sagt er nach einer Weile, “tut mir leid, ich wollte dich nicht stören. Ich gehe jetzt schlafen.”
“Gute Nacht”, wünsche ich ihm und versuche erneut zu meiner inneren Ruhe durch Meditation zu kommen.
Es gelingt mir, meine Gefühle und Gedanken zu ebnen. Ich sehe wieder das Bild der schwarzen Burg von Matsumoto, die im Licht der Mittagssonne im weißen Schnee thront. Ich halte Ausschau nach Kuro und entdecke ihn in einer Nische des Hauptturms, wo er sich genüßlich die Sonne auf den Pelz scheinen lässt. Als mein Blick ihn trifft, schaut er interessiert in meine Richtung.
Aus dem Schatten heraus tritt etwas an meine Seite. Als ich meinen Blick in Richtung dessen wende, stockt mir fast der Atem. Es ist das Wesen, das gestern Nacht aus der Wand im Salon des Lords gekrochen kam. Mit einem panischen Schrei des Schreckens werde ich meiner Meditation entrissen. Kurz darauf springt die Zimmertür auf und Mycroft steht mit seiner Waffe im Anschlag im Raum.
“Was ist passiert”, ruft er und schaut sich nervös um.
“Beruhige dich”, bitte ich, selbst noch im Fassung ringend, “ich hatte eine verstörende Einsicht während einer Meditation.” Obwohl es mir recht gut gelingt, ruhig zu sprechen, stehe ich innerlich unter Hochspannung. Meine Hände zittern und mein Puls schlägt ungewöhnlich schnell.
“Ich kann heute auch hier schlafen, wenn dich das beruhigt”, bietet Mycroft mir an, doch mir ist klar, dass sein Angebot nicht nur aus seiner Sorge um mich gebiert. Seine Nerven liegen ebenso blank, wie meine.









