Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

立竦 (Tachi Sukumi)- Schockstarre

Nachdem ich aufgestanden bin und gefrühstückt habe, rufe ich Mr. Watson, den Architekten, der sich um die maroden Kellerwände von Highclere Castle gekümmert hatte und der den Einbau der Tür zum verborgenen Schrein auf Curdridge Hill vorgenommen hatte, an, um ihn zu fragen, ob er in den nächsten Tagen Zeit hätte, ein Haus in London zu begutachten und zu beurteilen. Für die Reisekosten, Spesen und Aufwände komme ich natürlich auf. Übermorgen, am Donnerstag, könne er es einrichten, sagt er. Ich erkläre ihm, dass ich das mit dem Makler besprechen und mich zurückmelden würde. Ich erreiche Mr. Smith in seinem Büro. Er ist einverstanden mit einem Termin am Donnerstag um 15:00, worüber ich im Anschluss auch Mr. Watson informiere. Wir verabreden uns zu Donnerstag vor dem Haus in der Canon Row 7.

Ich kläre Mycroft über meine Pläne auf, morgen nach London aufbrechen zu wollen. Eigentlich würde ich heute gerne noch nach Curdridge Hill fahren und dort ein paar Sachen erledigen, aber Mycroft kann mich überzeugen, dass dafür auch morgen noch genug Zeit ist.

Der Tag fließt weitgehend ereignislos dahin. Der Lord, Henri-san und Fremont trainieren ihre Hunde. Mycroft pflegt den verletzten Tamino. Ich verspüre in mir eine gewisse Unruhe. Etwas treibt mich um, und das ist nicht nur meine Nervosität aufgrund der vielen Hunde hier.

Am Abend sitzen wir zusammen im Salon. Auch Mari-chan ist im Laufe des Tages zu uns gestoßen. Die Standuhr zeigt gerade 9:58 PM und ich bin gerade mal wieder in eine tendeziell emotional unterfütterte Konversation mit dem Lord verstrickt, als mir plötzlich weitere Worte regelrecht im Halse stecken bleiben. Unter der Oberfläche der Wand scheint sich etwas zu bewegen. Ich halte es zunächst für eine Sinnestäuschung, schaue noch einmal genauer hin, doch statt der Bestätigung einer optischen Täuschung offenbart sich vor meinen entsetzten Augen etwas, das mir die Stimme und die Sinne vollends raubt. Eine etwa zwei Meter große, vierbeinige mit gelb-bräunlichem stinkenden Schleim übersäte Kreatur scheint aus der Wand herauszuwachsen. Eine lange, schmale Zunge schnellt suchend immer wieder aus seinem triefenden Maul. Ich möchte vor Entsetzten schreien, doch meine Kehle bringt keinen Ton hervor. Mein ganzer Körper befindet sich in einer Art Schockstarre.

Irgendwo von fern dringt ein Ruf zu mir vor. Jemand ruft meinen Namen. “Sanjūrō! Sanjūrō, komm zu dir.” Ich werde leicht geschüttelt. Langsam werde ich mir wieder bewusst, wo ich bin und was ich gerade gesehen habe. Von der Kreatur ist nichts mehr zu sehen, aber ich traue dem Frieden nicht. Misstrauisch behalte ich die Stelle an der Wand im Auge, an der das Wesen so plötzlich aufgetaucht ist, während ich mit zittrigem Arm nach der Gin-Flasche greife und mir reichlich einschenke. Es ist 10:06 PM.
Mycroft berichtet, dass er der Kreatur ins Haus gefolgt sei und sie beobachtet hatte. An der Wand entlang kriechend hatte das Wesen sich zielstrebig in Richtung des Zimmers des Lords bewegt und dort versucht, den Tresor aufzubrechen, in dem der Lord seine magischen Kugeln aufbewahrt. Er berichtet auch, dass die alarmierten Wachkräfte, seine alten Kriegsgefährten, ebenso zwei Hausangestellte, von der Kreatur völlig in Fetzen gerissen worden waren. Den Doggen, abgesehen von der einen, die der persönliche Leibhund des Lords geworden ist, ist es nicht besser ergangen. Diese verheerenden Nachrichten sind meiner ohnehin schon deutlich destabilisierten mentalen Verfassung nicht gerade zuträglich.
Als wenig später auch noch die Polizei auftaucht und meine Aussage zu den Ereignissen aufnehmen möchte, verfalle ich in völlige Apathie. Ich kann nicht beschreiben, was ich gesehen habe, ich kann es auch nicht erklären. Immer, wenn ich es versuche, fehlen mir die Worte.

Mycroft berichtet stellvertretend für den Lord, den diese unheimliche Begegnung ähnlich intensiv berührt hat, wie mich, von einem Überfall. Den Spuren der Verwüstung nach vermuten die Polizisten, dass es sich um einen Bären gehandelt haben könnte, aber wann hat man zuletzt einen Bären außerhalb eines Zoos oder eines Zirkus in Südengland gesehen?

Ich sitze derweil im Salon und starre lethargisch auf die Wand, dort, wo das Wesen aus ihr herausgekrochen ist. Ich kann es immer noch sehen, obwohl ich weiß, dass es nicht mehr da ist. Mycroft kommt in den Salon, aber ich registriere ihn erst, als er mich anspricht.
“Du siehst nicht gut aus”, stellt er besorgt fest, “Daijobū desu ka? [Übers.: Bist du in Ordnung?]
“Daijobū janai [Übers.: Ich bin nicht in Ordnung]„, erwidere ich, doch es ist sehr tröstlich, die Worte des Mitgefühls in meiner Muttersprache zu vernehmen.
“Soll ich dich nach Hause fahren?”, fragt Mycroft. Das wäre in der Tat eine Erleichterung für mich.
“Wenn es dir keine Umstände macht?”, antworte ich, darauf bedacht, die Großzügigkeit meines Freundes nicht überzustrapazieren.
“Das macht es nicht”, antwortet er lächelnd.
Dankbar nehme ich sein Angebot an.

Es ist kurz vor Mitternacht, als wir Curdridge Hill erreichen. Ich verabschiede meinen Freund und versichere ihm meine ergebenste Dankbarkeit für diesen Dienst. Mycroft winkt ab. “Nicht der Rede wert”, sagt er, “du kommst zurecht?”
“Ja, ich denke schon”, antworte ich, “mach dir keine Sorgen.”
“Gut, dann schlaf gut”, erwidert er, “wir hören morgen voneinander?”
Ich nicke zustimmend. Er wendet den Wagen und fährt zurück nach Highclere Castle.

Amanda kommt verschlafen aus ihrem Zimmer, als ich die knarrende Treppe hinaufsteigen.
“Mr. Okumura”, sagt sie überrascht, “ich wusste nicht, dass Sie heute heimkehren. Ich habe nur die nötigsten Räume geheizt.”
“Mach dir keine Gedanken, Amanda”, beruhige ich sie, “es ist in Ordnung. Leg dich wieder schlafen.”
Sie nickt verunsichert und zieht sich in ihre Kammer zurück.

In meinem Zimmer heize ich den Kamin an. Eine Weile verharre ich in Stille davor und beobachte, wie die Flammen stetig und beharrlich das trockene Holz knisternd verzehren. Dann mache ich mich daran, mein Reisegepäck auszupacken und frische Kleidung für die nächsten Tage in London einzupacken. Ich bin noch immer sehr unruhig.

Möglichst leise, damit Amanda durch das Knarren der Holzstufen nicht gestört wird, steige ich die Treppe bis in den Keller hinab. Bei mir habe ich den Schlüssel zum Schreinraum, den ich üblicherweise im Tresor in meinem Zimmer aufbewahre. Das Ältere Zeichen auf der Tür ist intakt. Mit einem leisen Klicken öffnet sich das Schloss. Die Tür schwingt leicht und geräuschlos auf.

Als ich in den Raum hinein trete, löst sich meine innere Anspannung. Ich fühle mich geborgen und beschützt, als das Sternenlicht mich friedvoll umfängt. Ich lasse mich zum Gebet nieder und beginne zu meditieren. Ich verspüre Sehnsucht. Die schwarze Burg von Matsumoto, sie ruft nach mir und ich verspüre in mir den tiefen Drang, diesem Ruf zu folgen. Mein Unterbewusstsein zeichnet das Bild der Krähenburg in meinen Geist. Kuro streift auf ihren Zinnen. ‘Hab Geduld mit mir, Kuro-sama’, bitte ich in Gedanken, ‚ich komme bald zurück.’