Auf Cthulhus Spur

Gepflegtes Rollenspiel rund um den kriechenden Wahnsinn

犬 (Inu) – Hunde

Als ich kurz vor elf zum Frühstück im Schankraum erscheine, überreicht Frau Cheng mir ein Telegramm. Es ist eine Einladung zum Wildschweinessen auf Highclere Castle von Mycroft.

Nach dem Frühstück gehe ich zum nächstgelegenen Postamt und rufe zunächst den Makler Howard Smith an. Er hat heute noch Zeit, um mir das Haus zu zeigen. Als er nach meinem Namen fragt, den ich ihm ehrlich nenne, stutzt er für einen Moment. Okumura ist nicht gerade ein geläufiger Name in dieser Gegend und Fremde erregen Misstrauen, dennoch willigt Mr. Smith ein. Wir verabreden uns zu 3 p.m. Für meinen nächsten Anruf lasse ich mich mit Highclere Castle verbinden. Butler Charles nimmt den Anruf entgegen. Ich stelle mich vor und verleihe meinem Wunsch, Mr. Winterbottom sprechen zu wollen, höflich Ausdruck.

“Hey, Sanjūrō, schön, dass du anrufst”, schallt es wenig später fröhlich durch den Telefonhörer.
“Danke für deine Einladung zum Essen”, erwidere ich.
“Kommst du?”, fragt er ungeduldig, “Um acht wird aufgetischt.”
“Ich weiß nicht, ob ich das schaffe”, sage ich, “ich habe um drei noch einen Termin mit einem Immobilienmakler.”
“Oh, hast du dein Dōjō gefunden?”, fragt er.
“Das kann ich noch nicht sagen”, antworte ich, “ich muss es mir erstmal ansehen.”
“Okay”, erwidert er, “dann melde dich einfach, wenn du mehr weißt. Ich würde mich freuen, wenn wir heute Abend noch zusammen einen Gin in der Bibliothek des Lords genießen können.”
Das klingt nach einem guten Vorschlag. Wir verabschieden uns und verbleiben wie besprochen.

Um 15:00 Uhr treffe ich vor der Canon Row No. 7 ein. Ich werde von einem kleinen, untersetzten Mann mit rotem Gesicht erwartet. “Mr. Okumura?”, fragt er, als er mich bemerkt.
“Der bin ich”, erwidere ich, “Mr. Smith?” Er nickt.
“Sind Sie neu in der Stadt?”, fragt er mit übertrieben freundlichem Interesse.
“Ich war schon einige Male in der Stadt. Ich lebe seit zwei Jahren in England”, antworte ich gelassen.
Mr. Smith schließt die Tür auf. Die Bretter, die gestern noch vor den Eingang genagelt waren, wurden mittlerweile entfernt.

Hinter der Eingangstür geht jeweils zur Linken und zur Rechten ein weiterer Raum ab. Geradezu befindet sich das Treppenhaus, das sowohl in den Keller als auch in das erste Obergeschoss führt. Links geht es in eine kleine Küche, rechts befindet sich der ehemalige Verkaufsraum der Apotheke. Hinter dem Treppenhaus und den beiden vorderen Räumen erstreckt sich über die gesamte Breite des Hauses ein großes Kaminzimmer, aus dem heraus eine Tür in einen verwilderten Innenhof führt, der sich eignen würde, um dort Gemüse anzubauen. Der Raum ist hoch genug, um ein Schwert zu schwingen, aber wenn hier mehr als sechs oder acht Leute gemeinsam üben wollen, dürfte es schnell etwas eng werden. Wenn es möglich wäre, die Küche in den ehemaligen Verkaufsraum zu verlegen und diesen Raum als Erweiterung zu integrieren, könnte ich mir gut vorstellen, hier die Übungshalle zu etablieren.

Im ersten Obergeschoss befinden sich zwei mittelgroße Zimmer und das Bad, das Dachgeschoss beherbergt zwei weitere Räume. Leider ist durch die über die Jahre kontinuierlich eindringende Feuchtigkeit inzwischen auch der Dielenboden im Dachgeschoss stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Hier wird man auch das ein oder andere ausbessern müssen.

Ich verabrede mit Mr. Smith, dass ich noch einmal wiederkommen möchte und mir das Haus zusammen mit einem Architekten anzusehen will, damit ich weiß, ob meine Pläne für dieses Haus sich überhaupt umsetzen lassen.

Als ich mich von dem Makler verabschiedet habe, ist es bereits 16 Uhr. Wenn ich noch rechtzeitig zum Wildschweinessen auf Highclere Castle ankommen will, muss ich mich sputen, um noch rechtzeitig den Zug zu erwischen. Ich entschließe mich aber, lieber entspannt anzureisen und den nächsten Zug eine Stunde später zu besteigen und mein Abendessen im Speisewagen zu mir zu nehmen. Auf dem Weg zum Bahnhof setze ich noch ein Telegramm zu Händen Mr. Winterbottom auf Highclere Castle ab: “Wartet mit dem Essen nicht auf mich. Ich komme später. Sanjūrō.”

Gegen 21:00 erreiche ich das Anwesen des Lord of Carnarvon. Es schneit. Als ich ans Tor komme, stürmen sogleich zwei pechschwarze, drahtige Hunde an den Zaun, die mich mit bedrohlich entblößtem Gebiss wütend ankläffen. Erschrocken weiche ich zurück. “Drake, Nelson, ici!”, höre ich einen scharfen Befehl. Es ist Cyril, einer von Mycrofts alten Kriegsgefährten, die sich seit einiger Zeit als Wachpersonal für den Wohnsitz des Lords verdingen. Er erkennt mich und lässt mich passieren. Die Hunde beruhigen sich. Cyril nimmt sie an die Leine und begleitet mich zum Eingang, bevor er mit Nelson und Drake weiter seine Runden zieht.

Butler Charles lässt mich ein und nimmt mir meinen verschneiten Mantel ab. “Die Herrschaften erwarten Sie in der Bibliothek, Mr. Okumura”, berichtet er mir.
Dort treffe ich Mycroft, Henri-san, Mari-chan, den Lord und Monsieur Fremont. Außerdem sind mindestens genauso viele Hunde anwesend wie Menschen. Fremont ist mit seinen beiden Dobermann-Hunden zugegegen. An der Seite des Lords sitzt ein schwarzer Hund der gleichen Rasse wie die, die mich draußen so “freundlich” begrüßt haben. Tamino kauert in einen Brustverband gewickelt zu Mycrofts Füßen. Mein “Guten Abend”, bleibt mir regelrecht im Halse stecken, als ich dieses Rudel hier versammelt sehen. Ich bin kurz davor, den Raum wieder zu verlassen, nehme dann aber trotzdem vorsichtig neben Henry Platz. Indy, dem kleinen Racker, ist nicht entgangen, dass ich mich in der Gegenwart seiner großen Artgenossen mehr als unwohl fühle. Schwanzwedelnd baut er sich vor mir auf und signalisiert mir, dass ich nichts zu befürchten hätte. Er würde mich beschützen.

Als Fremont mit seinen Hunden schließlich die Bibliothek verlässt und sich zur Ruhe begibt, bin ich schon etwas entspannter.
“Was ist mit Tamino passiert?”, frage ich Mycroft.
“Er ist mit einer Wildsau aneinander geraten”, sagt er und streicht dem Dobermann liebevoll über den Kopf. Daher also die spontane Einladung zum Essen.
“Wir haben weiter im Buch Tsathoggua gelesen”, erklärt er mir später, “darin stand etwas was dich auch interessieren könnte.” Skeptisch blicke ich zu meinem Freund. “Erzähl mir nicht zu viel”, bitte ich ihn.
Mycroft erzählt von einer Geschichte in dem Buch, in der berichtet wird, dass Tsathoggua einst zu den Pyramiden der Sonne, des Mondes und der Sterne reiste und dort seinen Hunger stillte. Zur gleichen Zeit suchte dort eine Göttin der Nacht nach Weisheit und Einsicht, welche sie wohl auch fand.

Als meine Freunde zu Bett gehen – die Hausangestellten haben sich längst zur Ruhe begeben – übe ich mich in der hohen und weiten Eingangshalle in der Verbesserung meiner Kunst – mit und ohne Schwert.