迷彩 (Meisai) – Mimikry
Bei einer Führung durch das Haus zeigt uns Dr. Monbardeau die umfangreiche Bibliothek des Hauses, die sich über zwei Etagen erstreckt. Mycroft nimmt die Sammlung, die etwa um die 10.000 Bücher, vorwiegend aus den Bereichen der Physik und der Astronomie, umfasst, genauer ins Visier. Er hofft, Informationen über das Sandbuch zu finden – und tatsächlich findet er nach einer Weile in einem Lexikon Hinweise zum Verfasser und zur Beschaffenheit des Buches:
“Der Autor des Sandbuches, ein gewisser Borges, spricht von fünfundzwanzig Zeichen, zweiundzwanzig Buchstaben, Komma, Punkt und Leerzeichen des hebräischen Alphabets. Daraus resultiert die Tatsache, das ‘[n]iemand eine Silbe zu artikulieren vermag, die nicht voller Zärtlichkeit und Schauer ist, die nicht in irgendeiner dieser Sprachen der gewaltige Name eines Gottes wäre.’”
Weiter heißt es:
“Cavalieri sagte zu Anfang des Jahrhunderts, 'dass jeder feste Körper die Überlagerung einer unendlichen Zahl von Flächen ist.’ Die Handhabung dieses seidendünnen Vademecums wäre nicht leicht; jedes anscheinende Einzelblatt würde sich in andere gleichartige teilen; das unbegreifliche Blatt in der Mitte hätte keine Rückseite. Das Buch würde, so weiter nach innen geblättert wird, förmlich 'zu Sand zerfallen’, daher sein Name.”
Mir fallen die seltsamen Muster am Geländer einer Brüstung im obere Stockwerk auf. Ich mache meine Freunde darauf aufmerksam. “Es könnten Schriftzeichen sein”, merke ich an. Der Lord stimmt mir zu und Senchō beginnt, die Zeichen auf ein Blatt Papier zu kopieren. Einen Reim können wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht darauf machen.
Etwas später läutet es. Die Gedarmerie hat eine Nachricht für Monsieur Winterbottom. Es ist wieder etwas verschwunden – ein Stück Hecke von einem Gehöft in Châtel. Wir machen uns auf, um den Ort des Geschehens näher unter die Lupe zu nehmen. Der betroffene Hof ist der gleiche, dessen Bewohner Mycroft, Senchō und Mare in der letzten Nacht aus dem Schlaf gerissen hatten. Der Bauer ist fassungslos und entschuldigt sich für die harschen Worte und den Spott, die er des nachts für meine Freunde nur übrig gehabt hatte. Aus der Umfriedung des Hofes ist gut ein halber Meter samt Wurzelwerk sauber und vollständig entfernt worden und wieder gibt es keinerlei Spuren.
Am Nachmittag lerne ich Maxime Le Tellier kennen. Er ist der Sohn einer der beiden Töchter Madame Arquedouvres und des Astronomen Jean Le Tellier, der zuweilen selbst auf Mirastel wohnt und dort das ehemalige Arbeitszimmer des vor vielen Jahren verschiedenen Monsieur Arqueduvre nutzt. Maxime selbst ist Künstler, Schiffsfähnrich und Tiefseeforscher und hat sich im Südturm des Chateaus ein Kabinett und Laboratorium eingerichtet, das sich über zwei Stockwerke erstreckt und welches er uns gerne zeigen möchte. Neben Malereimaterialien, einem Bücherregal mit Werken, die sich vorwiegend mit der Thematik “Tiefsee” befassen und drei Aquarien fällt zuerst eine Sammlung verschiedener Tierpräparate, die in Glaskästen präsentiert wird, ins Auge. Maxime erklärt, dass es sich bei den Exponaten um Tiere handle, “deren Farbe und Form, ihrem Haftpunkt oder ihrer Umgebung so völlig angeglichen sind, dass ihre Feinde sie nicht davon zu unterscheiden vermögen. Auch Tiere, die mit Erfolg andere Tiere nachahmen, sei es, um den Gegner zu erschrecken, sei es, um die Wachsamkeit ihrer Opfer zu täuschen.” Kurzum lässt sich das Thema dieser Kollektion unter dem Titel “Mimikry” zusammenfassen.
Am Abend wende ich mich wieder meinen Übungen zu. Mycroft kündigt an, mit mir zusammen üben zu wollen. Ich sage ihm, dass er mich im Innenhof des Chateaus finden würde, wo er aber erst zwei Stunden, nachdem ich mein Training begonnen habe, auftaucht. Ich bin so vertieft in meine Übungen, dass ich seine Gegenwart zunächst gar nicht bemerkte. Ich verfolge eine Idee, auf die mich der Besuch in Maximes Laboratorium gebracht hat. Mimikry – Verschmelzen mit dem Schatten. Vielleicht ist es möglich, sich mit dieser Technik vor den Augen anderer selbst zu verbergen.
Mycroft muss mich bereits eine Weile beim Studium und Üben der Schattentechnik aus dem unheimlichen Tal beobachtet haben, bevor er sich mir bemerkbar macht, denn er erwähnt seine Verwunderung zum einen darüber, dass ich mein Schwert nicht in den Händen halte, zum anderen sei ihm aufgefallen, dass die Art und Weise, in welcher ich gerade geübt habe, sich sehr von meinem üblichen Kampfstil unterscheide. Meine Bewegungen hätten geschmeidiger und harmonischer, nahezu katzenhaft gewirkt. Ich erzähle ihm heute zum ersten Mal, dass ich diese neue Technik von Kuro im unheimlichen Tal gelernt hätte. Dass ich im Ergebnis der Übung, sobald ich sie zur Perfektion gebracht habe, eine Art Tarnung oder Unsichtbarkeit vermute, behalte ich jedoch erstmal für mich. Ich bin mir ja selbst nicht ganz sicher, ob diese Ahnung stimmt.
Nach einer kurzen Pause hole ich meine Übungswaffen. Ich bin noch lange nicht außer Atem und habe Lust auf etwas Abwechslung, nachdem ich mich in den letzten Wochen in meinem Budō fast ausschließlich dem Studium der neuen Technik zugewendet hatte, und auch Mycrofts Kampflust ist nicht zu übersehen. Wir liefern uns einen schonungslosen Schlagabtausch, während unser Kiai in der nächtlichen Stille fast bedrohlich widerhallt.









